Es ist ein dickes Dossier, das der vorsitzende Richter in die Höhe hält, als er sagt: «Wir haben nicht nur die Anklageschrift gelesen, sondern die ganzen Akten.» Darin: Happige Vorwürfe wie jener der fahrlässigen Tötung und der groben Verletzung der Verkehrsregeln. Ausserdem ist darin die Forderung einer Freiheitsstrafe von mindestens 24 Monaten. Acht davon seien «zu vollziehen», also im Gefängnis abzusitzen. 

Der junge Mann nimmt die Worte scheinbar reglos hin, schaut fast schon stoisch zu den Richtern, blickt sich nicht um, wechselt keine Worte mit seinem Anwalt. Während der Richter ihm Fragen stellt, antwortet er einsilbig, manchmal wirkt er unsicher. Nur einmal blickt er sich kurz um, und zwar als er sein Wort an die Versammlung richten darf. Es scheint ihm unangenehm zu sein, er wirkt nicht wie ein geübter Redner, aber entschuldigt sich bei den Betroffenen und sagt: «Niemand weiss, wie es in mir aussieht. Ich bereue zutiefst. Den Menschen kann man nicht ersetzen.» Anders der Hauptkläger, der Ehemann der Verstorbenen. Er wirkt nervös und angespannt, schaut immer mal wieder aus dem Fenster, zu seinem Anwalt, blättert in den Papieren. In der Pause vom Vormittag wird er sagen: «Das ist doch Mist! Meine Frau ist weg – und er kriegt vielleicht acht Monate.» Er hofft auf eine hohe Strafe und kann nicht verstehen, wieso der Mann derzeit Auto fahren darf.

Schwere Vorwürfe

Dem Lenker werden vorgeworfen: fahrlässige Tötung, mehrfache grobe Verletzung der Verkehrsregeln, Missachtung des Verbots des Fahrens unter Alkoholeinfluss. Gemäss Anklageschrift betrug der Blutalkoholgehalt denn auch zwischen 0,3 und 0,87 Promille. Für einen Führerschein auf Probe zu viel, hier gilt Nulltoleranz. Dass er Alkohol getrunken und am Tod der Frau Schuld trage, ist von allen Seiten unbestritten. Der Beschuldigte habe sich stets geständig und kooperativ gezeigt, dies wird ihm von den Richtern positiv ausgelegt werden. Und trotzdem: Nach den Plädoyers der Staatsanwaltschaft, von Haupt- und Nebenklägern und der Verteidigung sowie einer mehrstündigen Beratungspause für das Gericht werden ihm 27 Monate Freiheitsstrafe auferlegt, davon seien acht Monate im Gefängnis zu verbringen. Die restlichen 19 Monate sind bedingt, und zwar mit einer Probezeit von vier Jahren. Dass das Strafmass höher ausfällt, als von der Staatsanwaltschaft gefordert wurde, begründet der Vorsitzende damit, dass das Fahrverhalten des Beschuldigten ein erhebliches bis schweres Verschulden bedeute und dass er selbst heute am Gericht wohl noch immer nicht ganz begriffen habe, dass das wirkliche Opfer die Frau und deren Familie sei. 

Besonders tragisch sei darüber hinaus, dass der Unfall hätte verhindert werden können: Der Unfallverursacher habe die Strecke bestens gekannt und sei sie täglich gefahren. «Sie sind der Experte», hält der Richter fest. Ausserdem ist er in früheren Jahren bereits mit dem Strassenverkehrsamt in Konflikt geraten, auch wenn teilweise andere Fahrzeugkategorien betroffen waren. Dass die einzigen Konflikte mit dem Gesetz den Strassenverkehr betrafen, legten die Richter als Uneinsichtigkeit aus, und auch diese habe ein hohes Strafmass begünstigt. «Das Gericht wünscht Ihnen, dass diese Erfahrung aus Ihnen einen besseren Autofahrer macht. Und nicht, dass Sie daran zerbrechen», betonte der Richter zum Schluss der Urteilsverkündung.

Prozesskosten und Genugtuung

Neben der Freiheitsstrafe wird der Beschuldigte die Prozesskosten in fünfstelliger Höhe übernehmen sowie der Schwester der Verstorbenen eine Genugtuung entrichten müssen. Über einen Führerausweisentzug habe das Gericht im Übrigen nicht zu befinden, dies werde vom Strassenverkehrsamt beurteilt. Der Beschuldigte nimmt das Urteil entgegen, wie er die Anklagepunkte entgegen genommen hat: ohne sichtbare Gefühlsregung. Der Ehemann hat die Verhandlung indes noch vor der Mittagspause verlassen. Er brauche frische Luft, hatte er gesagt. Er wolle für ein paar Tage verreisen, Abstand gewinnen, Gedanken sortieren. Ausserdem habe er hier ja sowieso niemanden mehr.

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Nach tödlichem Unfall in Jonschwil: Junglenker droht Gefängnis (15.1.20)

Vor ziemlich genau zwei Jahren ereignete sich in Jonschwil ein tragischer Verkehrsunfall. Eine 51-jährige Frau wurde beim Überqueren der Unterdorfstrasse frontal von einem Auto erfasst und verstarb noch auf der Unfallstelle. Heute Mittwoch muss sich der Junglenker vor dem Kreisgericht Wil verantworten. Die Vorwürfe sind happig. Die Staatsanwaltschaft fordert zwei Jahre Gefängnis.

Der schlimme Verkehrsunfall mit Todesfolge hätte verhindert werden können, obwohl der Lenker zu schnell unterwegs war. Über drei Sekunden Reaktionszeit standen ihm zur Verfügung, reichten aber nicht einmal aus, um eine Bremsung einzuleiten. Dies ist einer der Kernaspekte in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Es geht um jenen Unfall, der sich am Abend des 8. Januar 2018 auf der Unterdorfstrasse in Jonschwil ereignete. Ein damals 20-jähriger Junglenker war Richtung Schwarzenbach unterwegs und hatte zwischen 0,3 und 0,87 Promille Alkohol im Blut, obwohl ihm dies verboten war, da er erst den Führerausweis auf Probe besass. Er war gemäss Anklagschrift mit über 80 Stundenkilometern unterwegs, obwohl an jener Stelle bei der Postauto-Haltestelle Steinacker nur 50 km/h erlaubt sind. Zudem soll der Mann in der Fahrbahnmitte gefahren sein und seine Aufmerksamkeit weder der Strasse noch den übrigen Verkehrsteilnehmern gewidmet haben.

Dann passierte es: Eine 51-jährige Frau betrat von rechts die Unterdorfstrasse und wurde ungebremst von der rechten Fahrzeugfront des Autos getroffen – und zwar mit einer Geschwindigkeit von zwischen 81 und 87 Stundenkilometern. Die Frau wurde laut Staatsanwaltschaft über das Fahrzeug geschleudert und blieb 45 Meter nach dem Kollisionspunkt schwerverletzt liegen. Trotz sofort eingeleiteter Rettungsmassnahmen erlag sie noch auf der Unfallstelle ihren Verletzungen.

Diverse Gefahrenherde missachtet

Die Vorwürfe wiegen auch darum schwer, weil der Angeklagte die Strecke scheinbar gut kannte. Er musste also wissen, dass auf dem ganzen Strassenabschnitt kein Fussgängerstreifen zur Verfügung steht. Zudem gibt es dort die Ausfahrt der Firma Elkuch Eisenring AG, die besagte Postauto-Haltestelle und die vortrittsberechtigte Steinackerstrasse. Ferner herrschte reger Feierabendverkehr und es musste mit Fussgängern gerechnet werden.

Heute Mittwoch muss sich der Lenker nun vor dem Kreisgericht Wil in Flawil verantworten – wegen fahrlässiger Tötung, mehrfacher grober Verletzung der Verkehrsregeln und Fahren in angetrunkenem Zustand. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Davon seien acht Monate abzusitzen und 16 Monate aufzuschieben.

hallowil.ch wird heute Mittwoch über den Fall berichten.

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Der Unfall ereignente sich auf dieser Kreuzung in Jonschwil.