Hinter der Idee des Projektes Svizra27 steckt die Vision, wie sich die heute hoch technologisierte, wohlhabende Schweiz in einer globalisierten Welt weiterentwickeln könnte, um der ökologischen wie sozialen Verantwortung für die Erde gerecht zu werden. Das Siegerprojekt der beiden innovativen Architektinnen, Fabienne Hoelzel und der in Aadorf aufgewachsenen Claudia Meier wirft die entsprechenden Fragenstellungen dazu auf. Dieses soll als grosses, experimentelles Spiel angelegt werden. 

Die neun Standorte mit unterschiedlichen Zukunftsaspekten konzentrieren sich auf die Achsen der grössten Flüsse in der Nordwestschweiz. Entlang des Rheins, der Aare, Reuss, Limmat, Birs und Doubs sollen in acht sogenannten Raumzeitkapseln «verdichtete Zukünfte» durchgespielt werden. Die Besucher werden dazu eingeladen, die verschiedenen Zukunfts-Szenarien zu überdenken und sollen und dürfen auch mithelfen, diese weiterzuentwickeln. Dabei soll jeder selbst für sich herausfinden, wie man in Zukunft zusammenleben und arbeiten möchte.

Digitale und globalisierte Zukunft

Auch wenn sich die verschiedenen Zukunfts-Szenarien zum Teil eher ungewiss als hoffnungsvoll präsentieren, ist die Idee dahinter umso beeindruckender. In fünf Nordwestschweizer Kantonen stehen neun Standorte stellvertretend für die Raumtypologien Metropole, Städte, Kleinstadt und ländliche Dörfer. Im Fokus stehen der Mensch, die Arbeit und der Zusammenhalt. In einem der Szenarien haben alte Strukturen wie Staat, politische Parteien und Kirchen ausgedient. Aus Kathedralen und Kapellen werden Kontaktbörsen für soziale Arbeit. 

Noch dramatischer wird es in einer anderen Vision: «So leben die Menschen fortan als «High-Tech-Eremiten» in einer Blase, in der sich der Geist vom Körper löst und eine virtuelle, autoerotische Beziehung mit sich selbst eingeht», steht etwa in einer Tageszeitung zu lesen. Das ganze Projekt wird jetzt in den nächsten zwei Jahren konkretisiert und auf seine Machbarkeit getestet. Die budgetierten vier Millionen Franken sind jedoch weitestgehend durch Private und die öffentliche Hand gesichert. Svizra27 ist als Verein organisiert und setzt sich aus Wirtschafts- sowie Gewerbeverbänden aus der Nordwestschweiz zusammen.

«Denkkopf» in Basel

Während die einzelnen Standorte noch nicht definitiv bestimmt sind, findet der «Denkkopf» aber definitiv in den Basler Messehallen statt. «REGI Die Neue», in der dieser Artikel zuerst erschien, bekam Gelegenheit, sich mit der in Aadorf aufgewachsenen Claudia Meier auszutauschen. Inwieweit die aktuelle Covid-19-Situation den Ausschlag für eine der spielerischen Zukunftsszenarien gegeben hat, erklärt die Architektin und Dozentin an der Hochschule Luzern im Interview.

Claudia Meier im Interview

Claudia Meier, aufgrund Ihres beeindruckenden Siegerprojektes für die Landesausstellung Svizra27 stehen Sie zusammen mit Ihrer Berufskollegin Fabienne Hoelzel im Rampenlicht der ganzen Schweiz. Zuerst einmal herzliche Gratulation zu diesem erfolgreichen Zukunftsprojekt. Die Idee dazu ist grandios, wie kam es dazu?
Vielen Dank! Wir freuen uns natürlich sehr! Der Verein Svizra27 hat einen offenen Wettbewerb ausgeschrieben, über eineinhalb Jahre wurde ein dreistufiges Verfahren durchgeführt mit der Aufgabe, ein Konzept für eine Landesausstellung in der Nordwestschweiz zu entwickeln. Fabienne Hoelzel und mich faszinierte die Frage, was eine Landesausstellung in der heutigen Zeit überhaupt sein kann – welche Fragen uns als Gesellschaft beschäftigen.

Acht hochinteressante Raumzeitkapseln in der Nordwestschweiz präsentieren allesamt äusserst fantasievolle Zukunfts-Szenarien. Inwieweit hat die aktuelle Covid-19-Situation den Ausschlag für eine der Zukunftsvisionen gegeben?
Covid-19 hat bereits bestehende Veränderungsprozesse unserer Zeit beschleunigt, wie zum Beispiel die Digitalisierung. Gleichzeitig wird meist in Krisenzeiten die Gemeinschaft auf eine Probe gestellt, Probleme im System des Zusammenlebens werden stärker sichtbar. Die Aspekte in den Zukunfts-Szenarien sind nicht neu, sondern von der Gegenwart aus weitergedacht und verdichtet.

Alte Strukturen wie der Staat, politische Parteien und die Kirche haben als gesellschaftliches Band ausgedient. Die Kollektive werden aufgrund bewusst gewählter, gemeinsamer «Lifestyle-Werte» gebildet. Können Sie uns das kurz genauer erklären?
Damit ist die These gemeint, dass wir heute das Gefühl von Verbundenheit mit anderen Menschen über Werte-Gemeinschaften suchen und finden, die nicht mehr so stark vorgegeben sind wie früher, als unsere Grosseltern noch zum katholischen Bäcker gehen mussten und ja nicht zum reformierten. Heute können wir unsere Gemeinschaft selber aussuchen – über Interessen oder Werte, die wir mit anderen teilen.

In ihrem Siegerprojekt nehmen Algorithmen den Menschen die Entscheidungen ab. Klassische Erwerbsarbeit verliert den Sinn und Besitz, Eigentum und Erspartes fallen weg. Eine digitalisierte, unsichtbare gewordene High-Tech-Landwirtschaft ernährt die Bevölkerung usw. Wie stellen Sie sich das vor?
Alles was Sie aufgezählt haben, geschieht bereits und ist ansatzweise Teil unseres Lebens. Die Themen, die in den Raumzeitkapseln behandelt werden, sind Aspekte von möglichen Zukünften. Es sind Einzelteile, die bewusst herausgelöst und überzeichnet werden, um sie erlebbar zu machen.

Die verschiedenen Kapselthemen kommen ja nicht unbedingt hoffnungsvoll herüber. Was wollen Sie an der Landesausstellung Svizra27 bei den Besuchern auslösen?
Das kommt drauf an, was Sie als hoffnungsvoll empfinden. Die Zeit zurückdrehen können wir nicht, aber wir können uns den aktuellen Fragen stellen. Wir möchten Erlebnisräume bereitstellen, in denen Erfahrungen und Erkenntnisse gesammelt werden können, um gemeinsam zu diskutieren, wie wir zusammenleben wollen. Das können wir als Kollektiv bestimmen – alleine können wir es nicht.

Sie selbst sind im ländlichen Thurgau aufgewachsen. In Aadorf besuchten Sie auch die obligaten Schuljahre. Beschäftigten Sie sich in Ihrer Jugendzeit auch schon mit Zukunftsvisionen oder vielleicht auch Zukunftsängsten?
Nein, als Kind war ich meistens auf Spiel-, Sport- und Tennisplätzen zu finden.

Text und Interview: Christina Avanzini