Kurz vor dem Konzert gab Ursula Santhein, künstlerische Leiterin des Abendmusikzyklus Flawil-Gossau, Einblick in die verschiedenen Werke. Mozarts Divertimento KV 136 eröffnet die Konzertstunde. Mit den drei Divertimenti schuf sich Mozart handliche musikalische Visitenkarten, die er höchst variabel zu gegebenen Anlässen praktisch verteilen konnte. Es zeigten sich mehr musikalische Raffinessen als erwartet, weil Mozart die Konvention unter der gepuderten Perücke ab und zu gegen den Strich bürstete. So zum Beispiel in einem Fugato, wo die 2. Geigen eine höllisch schnelle Passage zu bewältigen hatten. Max Reger bearbeitete Bachs berühmtes Choralvorspiel zu «O Mensch bewein dein’ Sünde gross» für Streichorchester – eine Verneigung vor dem grossen Meister und eindrücklich für die Zuhörenden.

Der Mozart des 19. Jahrhunderts
«Er ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt» pries Robert Schumann Felix Mendelssohn Bartholdy. Mit neun Jahren trat er das erste Mal im Konzert auf, präsentierte sich mit zwölf Jahren dem Dichterfürsten Goethe - beide zeigten sich beeindruckt von der Begegnung. Mit der Sinfonie für Streicher Nr. 10, h-moll, die der 16-jährige Felix Mendelssohn komponierte und auch selbst dirigierte, bot das Orchester einen erlebnisreichen musikalischen Genuss. Den langsamen, gefühlvollen Intervallen im Adagio folgte ungewöhnlich kraftvolle Leidenschaft, die von den Orchestermitgliedern in stimmiger Harmonie zu Gehör gebracht wurde. Das Allegro intonierten die Musiker und Musikerinnen mit rhythmischer Rasanz. Die Geigenbogen tanzten förmlich auf den Saiten.

Kleinod aus dem 20. Jahrhundert
Der norwegische Komponist Knut Nystedt lebte von 1915 bis 2014 und wurde vor allem durch seine Chor- und Orgelkompositionen bekannt. Der präsentierte Choral «Komm, süsser Tod» komponierte Bach für ein Gesangbuch und zeigte dabei die Todes- und Himmelssehnsucht im Melodieverlauf. Knut Nystedt lässt in seiner Bearbeitung aus dem Jahr 1988 den unsterblichen Bach die beiden Anfangszeilen vierstimmig a capella vortragen, dann singen fünf vierstimmige Chöre diese Zeilen gleichzeitig in verschiedenen gedehntem Tempo, die in Sekunden genau angegeben sind. Dies soll zeigen: Zeitlosigkeit, Ewigkeit hat etwas Zerfliessendes. Faszinierend setzte das Orchester das Werk um. 

Doppelkonzert von Bach
Vor dem Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso Continuo BWV 1043 kamen einige Kinder zum Zuhören. Ab und zu bietet der Abendmusikzyklus Anlässe um Kindern die Welt der Musik zu öffnen. In Leipzig war Bach das Collegium Musicum anvertraut. In diesem Studentenorchester sassen viele hochtalentierte Jungmusiker, unter ihnen sein eigenen Söhne Friedemann und Emmanuel. Sohn Carl Philipp Emanuel bescheinigt ihm im Nekrolog, bis ins hohe Alter die Violine „rein und durchdringend“ gespielt zu haben. Herrlich präsentierten der Konzertmeister Markus Berthold und Barbara Hidber, Stimmführerin der 2. Geige, diese interessante und variantenreiche Komposition, begleitet vom ganzen Orchester und setzte damit einen wunderschönen Schlusspunkt.