Die Kulturkommission der Gemeinde Oberuzwil freute sich deshalb vermutlich so richtig, als der eintönige Wetterbericht der letzten Wochen plötzlich auch das Symbol «Sonne» wieder zeigen konnte. 

Und tatsächlich: Schöner hätte die alljährliche Sommerserenade zum Schulferienende nicht über die Bühne gehen können!

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Malerische Kulisse vor dem Konzert ...
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... und grosser Andrang beim traditionellen, letztes Jahr schmerzlich vermissten Apéro. 

Begrüssung mit besinnlicher Note

Kulturpräsident Reto Almer zeigte seine Freude über den vielversprechenden Musikabend mit liebenswürdigen Worten an die grosse Zuhörerschaft. Man habe gegen 200 Interessierte begrüssen dürfen. Danach schlug er besinnliche Töne an, erinnerte an den unerwarteten Tod von Heiri Alder, welcher 22 Jahre in der Kulturkommission mitgewirkt habe und – nicht nur dafür – 2019 mit dem Kulturpreis der Gemeinde Oberuzwil geehrt worden sei. Stehend wurde des Verstorbenen mit einer Schweigeminute gedacht. Und Margrit Dürr, zurückgetretenes Kulturkommissionsmitglied, wurde vor der Bühne für ihr ebenfalls langjähriges Mitwirken mit einem schönen Blumenstrauss verabschiedet.

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Duo Inish

Die Baslerin Tamy Gorsatt und der Ire Brendan Wade haben sich auf irische Musik spezialisiert. 2014 gründeten sie das Duo «Inish». Wade war in Irland schon früh ein Star, begeisterte als junger Mann mit der Formation «Cry before dawn». Und die Musikerin Gorsatt steckte sich nach ihrer klassischen Musikausbildung mit dem Irland-Fieber an, der Freude an speziellen Instrumenten, der besonderen Lebensfreude und Melancholie der Iren und ihrer Musiktradition. Neu findet man die beiden auf dem Internet unter dem Namen «Selskar» – Robbenfels. 

Tamy Gorsatt fand, dass zu einem richtigen Irischen Abend noch etwas fehle – der Regen. Denn Irland ist nicht zuletzt wegen der vielen Regenfälle als Grüne Insel bekannt. Doch auf diesen Teil der Ambiance konnte das Publikum nach den langen Schweizer Regentagen gut verzichten, nicht aber auf den irischen Humor und die herrliche Musik.

Instrumente der besonderen Art

Zur Musik eines ganz besonderen Landes wie Irland gehören auch ganz besondere Instrumente. So war wohl vielen im Publikum erst gar nicht so recht klar, woher jetzt die Töne aus dem Instrument von Brendan Wade plötzlich herkommen sollten. Es klang wie ein Blasinstrument, man sah den Mann aber gar nicht blasen. Des Rätsels Lösung: Der Mann spielte auf einem Instrument namens «Uilleann Pipes». Dies ist ein irischer Dudelsack, den man mit einem Blasbalg bedient, welcher mit dem Ellbogen betätigt wird. Das Instrument verlangt eine ausserordentliche Abstimmung von Fingern, Ellbogen und dem Betätigen von zusätzlichen Knöpfen. Die Gitarre kam ebenfalls zum Einsatz. Die angenehme Stimme von Brendan Wade passt sehr gut zu diesem Instrument, aber auch zur etwas  feineren Stimme seiner Duo-Partnerin.

Tamy Gorsatts kleines Örgeli sieht aus wie ein argentinisches Bandoneon, heisst aber Concertina und wird seit dem frühen 19. Jahrhundert für die irische Volksmusik eingesetzt. Dass dabei auch ein Schweizer Uhrmacher namens Louis Lachenal seine Hände im Spiel hatte, ist für Schweizer Ohren sicher interessant. Er war seinerzeit für die technischen Details wie Material und Ausführung des Instruments und vor allem für die Stimmzungen zuständig. Gorsatt spielte zwischendurch auch immer mal wieder auf einem äusserst hübsch anzusehenden Akkordeon mit Klaviertasten.

Melancholie und Lebensfreude

Auch die irische Musik lebt nebst vielen anderen von den Themen Liebe, Tod, Verrat und Lebenskampf. Brendan Wade hat viele der Songs des Duos selber komponiert, so auch das berührende Stück «Welcome Home». Wer das fesselnde Buch «Die Asche meiner Mutter» des irischen Schriftstellers und Pulitzerpreisträgers Frank McCourt gelesen hat, hat erfahren, wie die riesige Armut Hunderttausende Iren über den Ozean nach Amerika flüchten liess. Dort kamen sie als Underdogs an, katholisch, von Heimweh geplagt. Heute gibt es Millionen von Amerikanern mit irischen Wurzeln. Das Heimwehgefühl, auch nach der gälischen Sprache und dem keltischen Erbe, ist auch heute bei vielen noch immer präsent, genauso wie die irische Musik. 

Abwechslungsreiches Konzert

So schnörkellos wie ihr Auftritt – keine Glitzerkleider, keine Uniform – so unaufgeregt waren auch die musikalischen Darbietungen. Da brauchte es keine Effekthascherei, kein Sich-wichtig-machen, die Musik sprach für sich. Und sie begeisterte. Als Zuhörerin oder Zuhörer durfte man sich einfach zurücklehnen, in den von feinen Wölkchen durchzogenen blauen Himmel schauen oder auf die riesigen Ahornbäume und sich von den Klängen verzücken lassen. Vor dem inneren Auge tanzten irische Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne, mit stets geradem Oberkörper, aber wippenden und wirbelnden Beinen, und das gleich im Multipack. Die Tanzgruppe «Riverdance» mit Michael Flatley ist diesbezüglich auch hierzulande zu einem Begriff geworden.

Irische Musik besticht durch ihre langanhaltenden, immer wiederkehrenden Melodienfolgen, bis man beim Zuhören – oder auch beim Tanzen – fast in Trance fällt. Man spürt den Wind von der Küste, riecht das grüne Gras, hört den pochenden Herzen zu. Wade und Gorsatt spielten gekonnt mit den einzelnen Gefühlszuständen der erzählten Klanggeschichte, je nach Instrument und Stimmeinsatz.

Moderation in irischer Sprache

Brendan Wade bestritt den grössten Teil der Ansagen. Wer kein Englisch verstand, spürte jedoch bestimmt einfach aus der Stimmung eines Stückes heraus, worum es ging. Hätte er allerdings gälisch gesprochen, wäre vermutlich niemand aus dem Publikum mehr in der Lage gewesen, auch nur ein Wort zu verstehen. So ganz eindeutig war dies jedoch sowieso immer, so beispielsweise beim Stück «Ride on». Denn Wade meinte, ganz genau wisse man bis heute nicht, ob dieses Liebeslied jetzt einer umwerfenden Frau oder einfach einem ganz tollen Pferd gewidmet sei ...

Eingespieltes Team

Im Stück «Lough Gowna» verflochten sich plötzlich zwei Stücke ineinander, hatte doch Tamy Gorsatt anfänglich eine andere Weise im Kopf als ihr Duo-Partner. Doch ein gewiefter Musiker kann sofort umschwenken und macht auch aus so einer kleinen Unaufmerksamkeit eine tolle Nummer! Dies sei der langen Abwesenheit von Auftritten vor Publikum zuzuschreiben, meinte die Künstlerin. Eine wirklich gut nachvollziehbare und äusserst sympathische Erklärung.

Wer hätte gedacht, dass Peter Alexanders Hit «Die kleine Kneipe» unter dem Namen «Red Rose Cafe» aus Irland stammt. Es war dort ein Riesenhit. Schon bei den ersten Tönen des Refrains stimmte denn auch das Publikum mit ein, was Wade zum Einwurf veranlasste: «Aha, Peter Alexander!» Ob unsere die Jugend dieses Stück wohl noch kennt?

Irische Gesangskultur

Nicht umsonst ging der «Eurovision Song Contest» seit Beginn des musikalischen Wettbewerbs so oft nach Irland. Dort pflegt man bis heute eine wunderbare Erzähl- und Gesangskultur. In den Pubs wird gesungen, alle kennen die Lieder, das schweisst eine Gesellschaft zusammen. In der Schweiz kennt man das noch in einigen Gegenden des Appenzellerlandes und des Toggenburgs. Hier wie dort haben viele Lieder einen melancholischen Anklang, werden traurige Ereignisse in Musik umgesetzt, um unvermutet wieder mit fröhlichen Elementen aufgelockert zu werden. 

Natürlich gehört auch die Trinkkultur dazu. Wenn aber das eigene Kind das in einem Schweizer Migros-Laden zum Thema macht, wie das Tamy Gorsatt mit ihrem lauthals singenden Söhnchen erfuhr, dann kann es leicht zu Naserümpfen kommen. Als Zugabe erfuhr schliesslich auch das Publikum davon – und sang begeistert mit: «Whiskey, Whiskey». Beschwingt, ja fast berauscht von den irischen Klängen verzog sich das Publikum nach und nach in die heimischen Räume. Erst nahmen Besucherinnen und Besucher aber noch eine der traditionell verteilten Sonnenblumen in Empfang, nachdem sie zuvor die angebotenen Wolldecken wieder in die Zivilschutzschachteln zurückgebracht hatten.