Denise Halter liebt die Abwechslung und hat deshalb in ihrem Leben schon vieles verändert und neu angepackt. Vor sechs Jahren ist sie nochmals richtig durchgestartet.
Das grosse Bauernhaus in Schönholzerswilen hat die 23-jährige Denise damals mächtig beeindruckt, als sie vor über 30 Jahren das erste Mal bei ihrem Freund Ueli Halter zu Hause war. Sie wuchs als Stadtkind in einem kleinen Haus in Winterthur auf und arbeitete als Hotelfachfrau in Zürich. «In meinen Jugendjahren habe ich die Selbstversorgung idealisiert und ein grosses Haus zu haben, war schon immer mein Traum», erzählt die 53-Jährige Mutter dreier erwachsener Kinder in der Wohnküche. «Den nehme ich», habe sie sich damals gesagt, und sie war sich ihren Entscheid noch nie reuig, von der Stadt ins kleine Thurgauer Bauerndorf gezogen zu sein. «Kochen, Gäste bewirten und Haushalten liegt mir», erzählt sie am langen Holztisch, der wie geschaffen ist, eine Menge Leute zu verköstigen. Das Rüstzeug zur Bäuerin hat sie sich vor der Heirat an der Bäuerinnenschule in Uster geholt. Und lachend ergänzt sie: «Als junge Städterin wollte ich mir gegenüber den Bäuerinnen im Dorf keine Blösse geben.»

Ein offenes Haus
Eine Tochter und zwei Söhne vervollständigten die junge Familie, Arbeit war genügend vorhanden, nebenbei gab sie Sonntagsschule, gründete mit anderen Frauen zusammen einen Frauentreff, sang im Kirchenchor und besuchte 1997 einen Patchworkkurs. «Ich komme aus einer stoffigen Familie», erzählt sie. «Mutter und Grossmutter waren Näherinnen und mir lag das kreative Nähen.» Nach einem Kurs für Pflegeeltern, den sie zusammen mit ihrem Mann besucht habe, entschied sie sich, eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erziehung und Begleitung von Pflegekindern zu machen. «Wir hatten genügend Platz, die eine oder andere Hand noch frei und das Herz offen für Kinder, die ein liebevolles Zuhause suchten. «Später kamen Jugendliche mit schwierigen, sozialen Problemen zu uns, Drogenabhängige - eine äusserst schwierige Aufgabe und auch für die eigenen Kinder nicht ganz einfach», resümiert sie rückblickend. Ein schwerer Unfall eines Pflegkindes forderte die Familie so stark, dass sie entschied, keine Kinder und Jugendliche mehr aufzunehmen.

In der Schule gut angekommen
An Arbeit fehlte es ihr nicht, den Hof stellten sie bereits in den Neunzigerjahren auf Bio um, sie hatten zu diesem Zeitpunkt über 20 Milchkühe. Heute produzieren sie Tafeltrauben und Tafelobst in Schönholzerswilen und pflegen seit seit 2003 im Kreuzlinger Seeburgpark eine halbe Hektare Trauben. Daraus stellen sie je ein Weiss- und ein Rotwein, ein Schaumwein und ein Traubenbrand her, schildert die quirlige Frau. Sie hegen die Reben durchs Jahr und geben die Trauben einem Önologen, der sie separat keltert und später wird der Wein ab Hof verkauft. Denise Halter begann wieder vermehrt zu nähen. Im Nähatelier im ersten Stock ihres Hauses zeigt sie in einem dicken Skizzenbuch, wie sie ihre gezeichneten Ideen stofflich umsetzt. Genähte Bilder sind es im weitesten Sinn, Kunstwerke die viel Handarbeit und Gespür für Farben und Formen voraussetzen. 2008 organisierte sie zusammen mit einer Freundin die erste Ausstellung und zeigte ihre Arbeiten erstmals öffentlich. Doch hin und wieder fragte sich, was sie nun, Mitte vierzig, mit ihrem Leben noch anfangen konnte. Später bewarb sich auf ein Stelleninserat für den Haushalt. Sie bekam die Stelle nicht, aber die weise Frau erklärte ihr, dass sie für diesen Job überqualifiziert sei und dass sie sich noch in Geduld üben müsse, um den richtigen Weg in ihre berufliche Zukunft zu finden. «Heute bin ich der Frau sehr dankbar», denn kurze Zeit später habe die Volksschulgemeinde Nollen sie angefragt, ein Kind mit speziellem Förderbedarf, in der Primarschule zu begleiten. «Ich war begeistert, die Arbeit gefiel mir und später bekam ich die Gelegenheit Stützunterricht zu geben und die Ausbildung als DAZ-Lehrkraft (Deutsch als Zweitsprache) zu absolvieren.» Heute begleitet sie vorwiegend Kinder in der Oberstufe, arbeitet zwischen vierzig und siebzig Prozent im nahegelegenen Schulhaus und ist voll und ganz in ihrem Element.

Muss heute nicht mehr melken
«Dass ich diese berufliche Chance erhalten habe macht mich sehr glücklich», sagt Denise Halter zufrieden. Dadurch sie auf dem Hof vor drei Jahren auf Mutterkuhhaltung umgestiegen sind, falle das Melken weg, mit dem sie einfach immer etwas überfordert war, wenn ihr Mann weg war und sie die Verantwortung trug. Durch die 13 Wochen Ferien an der Schule gelinge es ihr gut, auch bei den Reben und beim Obst Hand anzulegen und zusammen mit ihrem Mann die Arbeiten zu bewältigen. «Und immer, wenn ich einen ruhigen Moment habe, verziehe ich mich in kreative Stübchen zum Zeichnen und Nähen.» Sie sei ihrem Mann dankbar, dass er ihr immer die Freiheit lasse, die sie brauche. Er habe all ihre Kabriolen mitgemacht und seit ein paar Jahren haben sie auch einen Weg gefunden, zusammen eine Ferienwoche zu verbringen, die für beide stimmt, erzählt sie. Und zu ihrem 30. Hochzeitstag fuhren sie gar einen ganzen Monat nach Chile, während ihr jüngster Sohn, der im Moment die Zweitausbildung zum Landwirt absolviert, zu Hause zum Rechten schaute.