Panikstimmung im Coiffeursalon Wiederkehr an der Wiler Marktgasse. Ein Kunde liest aufgeregt ein Flugblatt mit einer Schreckensnachricht vor: «Allgemeine Mobilmachung der Schweizerischen Armee für morgen Vormittag.» Die dramatischen Eingangsszenen für den Film «Füsilier Wipf» wurden 1937 in einem Studio gedreht. Durch geschickten Zusammenschnitt mit den Aussenaufnahmen entsteht der Eindruck, sie würden in der Ladenpassage unweit des Wiler Hofes spielen. Damals prominente Charakterdarsteller wie Zarli Carigiet, Sigfrit Steiner, Elsi Attenhofer, Lisa della Casa und Emil Hegetschwiler agierten vor der Kamera. Letzterer spielte den etwas knorrigen Inhaber des fiktiven Wiler Haarfachgeschäfts. Sein junger Gehilfe namens Reinhold Wipf, verkörpert von Paul Hubschmid, ist die Hauptfigur im Film. 

Im Verlauf der Handlung entwickelt er sich vom linkisch wirkenden und verweichlichten Jüngling zu einem bodenständigen Mann und senkrechten Schweizer. Für diesen Reifeschub sorgte sein Einsatz im Militär während der Grenzbesetzung von 1914-18. Der Film mit dem vollständigen Titel «Füsilier Wipf. Aus der schweizerischen Grenzbesetzung 1914/1918» traf 1938 den Nerv der Zeit. Innerhalb eines Jahres hatte ihn jeder dritte Schweizer Einwohner gesehen.


Novelle von 1917

In Frauenfeld ist beim Verlag Huber 1917 die Grundlage für das Filmdrehbuch erschienen. Autor der gleichnamigen Novelle war der Zürcher Schriftsteller und Gymnasiallehrer Robert Faesi (1983-1972). Die Filmregie führte der aus Wien geflohene Jude Leopold Lindtberg, der als Regisseur am Zürcher Schauspielhaus wirkte. Als Co-Regisseur wurde Hermann Haller engagiert. Der Zürcher hatte seine theoretischen und praktischen Filmkenntnisse in Deutschland erworben.

Angesichts der immer unverschämteren Drohgebärden der Braunhemden jenseits vom Bodensee blickten viele Schweizer sorgenvoll in Zukunft. Ohne Widerstand hatten die Nazis Österreich besetzt; Deutschland trat in Europa fordernd und provokativ auf und stockte die Bewaffnung der Wehrmacht massiv auf. Krieg lag in der Luft.

Wiler Nazi-Treffpunkt

Die einen Schweizer fürchteten, bald sei Hitler ihr Landesherr. Andere freuten sich auf eine neue Ordnung, wenn die Schweiz von der Wehrmacht besetzt werde. Die Nazi-Ideologie hatte viele heimliche Anhänger in der Schweiz. 

Historiker gehen heute davon aus, dass sie auch in bürgerlichen Parteien viele Befürworter und Bewunderer fand. Im ganzen Land bildeten sich in den 1930er-Jahren Parteien, die unverhohlen judenfeindliche Parolen verbreiteten, öffentliche Aufmärsche organisierten, Hassreden hielten und Kampflieder sang. In Wil war das ehemalige Restaurant «Metropole» in der Region der Unteren Bahnhofstrasse der Treffpunkt der örtlichen Nazis. Bis auf die Strasse waren ihre braungefärbten Gesänge zu hören.

Uneinheitliche Frontbewegung

Eine der bekanntesten damaligen Parteien war die «Nationale Front». Die verschiedenen weiteren Gruppierungen fusionierten und zerstritten sich, deshalb konnten sie nie breit Fuss fassen. Bei Wahlen erreichten sie magere Resultate. Einzelne Gruppen nannten sich beispielsweise «Bauernheimatbewegung», «Nationalsozialistische Eidgenössische Arbeiterpartei» oder «Bund treuer Eidgenossen nationalsozialistischer Weltanschauung». Sie erhielten ihre Direktiven zum Teil direkt aus Deutschland. 

Rund 2000 Schweizer überschritten die Grenze nach Grossdeutschland und meldeten sich als Freiwillige zur SS. Und es wurden von Schweizern militärische Geheimnisse an Nazi-Deutschland verraten. 17 verurteilte Landesverräter wurden exekutiert. Der St. Galler Ernst S. wurde am 11.11.1942 zwischen Oberuzwil und Jonschwil hingerichtet. Vielen Wählenden in der Schweiz widerstrebte auch das Auftreten der Mitglieder der hiesigen Nazi-Parteien im Stil von deutschen Parteibonzen oder im Gehabe von Mussolini. Gleichwohl konnten sie viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das Klima war aufgeheizt. Manchenorts kam es zu Schlägereien und zu Anschlägen auf politisch Andersdenkende. Es wurden auch Listen aufgestellt, welche Politiker und Journalisten nach einer Besetzung der Schweiz durch die Wehrmacht als erste verhaftet würden. 

Bundesrat mit unklarer Haltung

Nach der Eroberung Frankreichs durch die Deutschen hielt der damalige Bundespräsident Marcel Pilet-Colaz eine inhaltlich und rhetorisch umstrittene Rede. Man warf ihm in der Folge mangelnde Distanzierung von Nazi-Deutschland vor. Zudem empfing er offiziell Abordnungen von Schweizer Nazi-Sympathisanten. Im Weiteren war die Pressezensur in der Schweiz sehr streng. Der Bundesrat befürchtete, allzu kritische Zeitungsartikel könnten eine Besetzung der Schweiz durch die Wehrmacht provozieren. All dies sorgte für viel Unmut in der Bevölkerung.

Um dem penetranten Herrenrasse- Geschwätz etwas entgegenzusetzen, rief das nationale Parlament eine mentale Gegenbewegung ins Leben: die geistige Landesverteidigung. Sie sollte den Willen zur Selbstbestimmung, zur Wehrhaftigkeit sowie der Pflege der eigenen Werte und Bräuche in der Schweizer Bevölkerung fördern. Verschiedene Kinofilme mit propagandistischen Zwischentönen sollten den Widerstandwillen gegen die braune Gehirnwäsche anstacheln. Dabei kamen die Zürcher Filmleute auf Wil als historisch gewachsene kleinstädtische Gemeinschaft, die von der Wehrmacht akut bedroht wird als idealen Drehort für den Streifen «Füsilier Wipf».

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Die Schweizer Nazis stellten unverhohlen ihre Forderungen im Stil Hitler-Deutschlands.