Es beginnt mit der Jahresversammlung vom Verein „Freunde der Oberen Bahnhofstrasse. Natürlich dort wo man für das auch hingehört, nämlich direkt in die Fussgängerzone. Oliver Kühn leitet die Versammlung, vergisst aber einige Traktanden, somit ist die Sache schnell erledigt. Gestört wird das ganze Szenario durch einige junge Mitbürger, sie grölen in das Geschehen rein; oder gehört das etwa zum Menu dazu? Fredy (Fredy Kuttipurathu) kommt auch dazu, der junge Südinder näht mit seiner Familie in einem kleinen Dorf Schuhe für den Welthandel zusammen. Nun hat sich Fredy eine Auszeit genommen und dies aus traurigen Gründen. Sein Bruder klagt über einen Bandscheibenvorfall und seine Mutter ist erblindet. Nichtsdestotrotz will er jetzt, in dieser familiär schwierigen Zeit wissen, wo seine genähten Schuhe denn so hinkommen auf der Welt. Am Samstag besuchte er zum ersten Mal die Obere Bahnhofstrasse und wurde Teil einer phantastischen Reise durch die Shoppingmeile.

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Fredys wundersame Reise führt ihn an die Obere Bahnhofstrasse. Diese theatralische Stadtführung ist ein Werk von Theater Jetzt und findet im Rahmen der Ohm41-Ausstellung statt.

Humor gepaart mit Tiefsinn
Mit dabei bei dieser Premiere von „Fredys wundersame Reise“, waren gut 50 Zuschauer, waren aber wirklich alles neutrale Zuschauer? Schwierig zu sagen, denn das Ganze verstrickt sich je länger es dauert, desto mehr in sich selbst. Die braungebrannte Frau etwa, die sich öfters eine Zigarette anzündete, gehört sie zum Ensemble dazu? Ein Fotograf schleicht unentwegt hin und her, knipst und knipst, aber wer war er wirklich? Und wo sind eigentlich mittlerweile die jungen „Störenfriede“ die anfänglich in die Versammlung platzten? Fragen über Fragen und genau so muss das sein. Einmal mehr spielt Oliver Kühn vom Theater Jetzt eine Rolle, die den Betrachter von Anfang an in seinen Bann zieht. Aber auch alle anderen, die zum Ensemble gehören (oder auch nicht), finden sich auf einem hohen theatralischen Level wieder. Es war nicht nur humoristisch gewürzt, die zweieinhalbstündige Aufführung. Nimmt man etwa die Szene in der Tiefgarage, bei der sich die leicht bekleidete Anna (Jacqueline Vetterli) ihr Geld mit Erotik im Internet verdient. Ein Warnruf an Alle: passt auf, was ihr in den Onlinemedien veröffentlicht.

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Oliver Kühn interviewt Stadtarchivar Werner Warth. Ganz links der Südinder Fredy der in Wil seine hergestellten Schuhe sucht.

Real oder Surreal das ist die Frage
Die theatralische Stadtführung wirft einen schwarz-humorigen Blick auf die globalisierte Waren- und Konsumwelt. Stadtarchivar Werner Warth berichtet dabei über die Geschichte der Stadt Wil, Banker Mike Hollenstein über die Wichtigkeit von Geld, Natal Müller von der Buchhandlung über seine Zukunftsvisionen und andere reale und erfundene Gewerbetreibende geben Einblick in ihr Schaffen. Die Frage stellt sich immer wieder; wer ist real und wer surreal, allesamt spielen ihre Rolle derart überzeugend, dass es stets real sein könnte. Und die Frage, ob Fredy – der Südinder – seine Schuhe finden wird, wird an dieser Stelle nicht beantwortet. Denn weitere Aufführungen finden statt – eine Teilnahme lässt sich wärmstens empfehlen.

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Mit Fredy (links), Oliver Kühn (rechts) und eigenen Sitzgelegenheiten geht es auf die Stadtführung.

Informationen und Reservierung unter www.theaterjetzt.ch