Die Ursache für die Pestepidemie kannte man damals noch nicht. Erst 1894 wurde der Erreger von Alexandere Yersin erkannt. Seither wird das entsprechende Bakterium als Yersiania pestis bezeichnet. Die Ausbreitung der Pest wurde vor allem durch schlechte hygienische Lebensbedingungen begünstigt. Ratten und andere Säugetiere waren Träger des Bakteriums; vereinzelt sind sie es heute noch. Durch Flöhe wurden die Mikroben auf Menschen übertragen, über Tröpfchen befiehl sie weitere Personen.

In Wil erinnert heute das Stinkgässlein daran, dass im Mittelalter der Unrat aus dem Fester gekippt wurde und damit dem Ungeziefer viel Nahrung bot, was wiederum Seuchen begünstigte. Die Pest führte zu inneren Blutungen, die von aussen als dunkle Flecken am Körper erkennbar waren, daher wurde die Seuche auch als der «schwarze Tod» bezeichnet. 

Makaberer Totenreigen 

Um 1347 wurde die Schweiz und ganz Europa ein erstes Mal von einer Pestepidemie heimgesucht, die man als Strafe Gottes für ein sündiges Leben deutete. Die sich rasch verbreitende Erkrankung und die häufigen Todesfälle verstörten die damaligen Menschen. Historiker gehen von 25 bis 50 Millionen Verstorbenen aus. In Europa fand je nach Region rund ein Viertel bis die Hälfte der Bevölkerung den Tod. Manche Städte gewährten in der Folge ein erleichtertes Bürgerrecht, um wieder genügend Gewerbetreibende und Steuerpflichte zu bekommen.  

In zahlreichen sakralen Bauten und an Friedhofmauern tauchte damals europaweit das makabre Motiv des Totentanzes auf. Er sollte die Menschen daran erinnern, dass weder der Würdenträger noch der Bettler vor dem Sensenmann sicher sind. Das grausame Wirken des allmächtigen Todes bildete Stoff für vierzeilige Verse, die zum Teil in die szenischen Malereien eingearbeitet waren. In Wil wurde ein Totentanz in einer Nebenkapelle der Kirche St. Peter von einem unbekannten Künstler angebracht. Er war ungefähr 14 Meter lang und 130 Zentimeter hoch. Eine Kopie dieser Darstellungen ist vor einigen Jahren im Historischen Museum St. Gallen als Überraschungsfund aufgetaucht. Die Kapelle wurde bei einer Kirchenrenovation 1886 abgebrochen, dabei wurde auch das Bild zerstört. 


Pestprozession in Wil

Um die Massenkrankheit einzudämmen wurden Fürbitten an Jesus, Maria und an die heiligen Sebastian und Rochus gerichtet, die als Schutzpatrone der Pestranken gelten. Von der Kirche wurden Bitt- und Bussprozessionen organisiert. Diese Tradition wurde in Wil lange nach dem Ende der Pestepidemie beibehalten. Die Geistlichen und das Kirchenvolk zogen feierlich zur Kapelle Gärtensberg, um den Schutz gegen weitere Epidemien zu erbitten. An ihrer Fassade ist heute auf einer Inschrift zu lesen: «Zur Abwehr furchtbarer Seuchen ward diese Kapelle 1633 von unseren Vätern gebaut und 1634 St. Martin, Sebastian und Rochus gewidmet. Im gleichen Vertrauen auf Gott und seinen heiligen starken Schutz haben wir, die Nachfahren, das Kirchlein 1909 und 1954 erneuert.» Den Höhepunkt der Pest erlebte Wil im Herbst 1611, als rund 350 Personen starben.

Kranke wurden im Mittelalter in Hospitätlern bereut. In Wil stand diese Institution an der Stelle des heutigen Kirchplatzschulhauses. Menschen mit ansteckenden Krankheiten wurden jedoch in so genannten Sichenhäusern untergebracht, diese standen ausserhalb der Stadt. Mit «siechtuom» wird im Mittelhochdeutschen eine übertragbare Krankheit bezeichnet. In vielen Städten gab es entsprechende Einrichtungen. In Wil weiss man von einem Siechenhaus auf dem Areal der heutigen Rudenzburg, das um 1350 ausserhalb des entsprechenden Stadttores errichtet wurde. Den Siechenhäusern war in der Regel auch eine so genannte Siechenkapelle beigefügt, um für den Beistand der himmlischen Mächte und für das Seelenheil zu beten.

Gedämpfte Farbtöne in der Stadtkirche

1853 wurde das Siechenkirchlein bei der heutigen Rudenzburgkreuzung abgebrochen. «Einen letzten Baustein dieses Gebäudes hat man als Schutzsymbol gegen eine allfällige spätere Seuche aufbewahrt », weiss Ortsbürgerrat Ruedi Schär. Der Kenner der Wiler Geschichte weiss auch von Hans Caspar Knus zu erzählen. Der ursprünglich aus Konstanz stammende Renaissance-Künstler hinterliess vor allem in der St. Nikolauskirche künstlerische Spuren, etwa eine Darstellung des heiligen Rochus. Höchstwahrscheinlich malte er auch den Chor sowie das Rippengewölbe in der Kirche aus. «Wegen der Pestzeit wählte er dunkle Farben», so Ruedi Schär. Im Jahr 1611 verstarb Knus, auch er wurde wahrscheinlich ein Opfer der Pest. Schär vermutet, dass auch die Kapelle in Gärtensberg einst als Siechenkappelle diente. «Sie steht heute zwar auf Thurgauer Boden, aber sie gehörte zur katholischen Kirchgemeinde Wil.»