Dass sich ein Pfarrer nach einer Predigt entschuldigen muss, hat wohl Seltenheitswert. Der Dorfgeistliche von Rickenbach musste 1654  die Wilerinnen und Wiler reumütig um Verzeihung bitten. Der der Stadtheiligen Agatha geweihte Altar in der Wiler St. Nikolauskirche war ein Anziehungspunkt für Gläubige von ausserhalb.

Nachdem Rickenbach 1603 und 1638 abgebrannt war, pilgerte die Dorfbevölkerung alljährlich am 5. Februar, dem Namenstag der Heiligen, nach Wil. Sie soll vor Feuersbrünsten bewahren. Auch in Wil waren sogenannte Agatha-Zettel mit einem Bittspruch an die Heilige gebräuchlich. Sie wurden als Schutz gegen Brände an die Türen geheftet. Brach dennoch ein Brand aus, wurde der geweihte Zettel in die Flammen geworfen, um sie abzumildern. Als 1440 die Untere Vorstadt bei einer Belagerung durch die Zürcher in Flammen aufging, wurde die Heilige Agatha zur Wiler Schutzpatronin.

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Die Schädeldecke der Heiligen Agatha wird im Zisterzienserkloster Kamp in Deutschland verehrt. 


Neidische Wiler

Statt einer aufbauenden Rede, hielt der Rickenbacher Pfarrer von der Kanzel St. Nikolauskirche herab seinen städtischen Nachbarn eine Strafpredigt. Sie seien im ganzen Land als missgünstige und neidvolle Leute bekannt, die schlecht über andere redeten. Und sie gingen nicht gegen Missetäter vor, in ihrem Gefängnis würden Spinnweben wachsen und der Schlüssel zu den Zellen würde verrosten. Die jungen Wiler ihrerseits seien stolz, hoffärtig und neidisch. Diese Vorhaltungen blieben nicht ohne Reaktion, auf Geheiss der Obrigkeit im Hof musste sich der Pfarrer beim Rat der Stadt und bei den Bürgern Wils öffentliche entschuldigen.

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Eine Darstellung der Heiligen des venezianischen Malers Giovanni Batista Tiepolo. 


Schreckliche Folter

Der Legende nach war die 225 geborene Agatha Tochter einer begüterten sizilianischen Familie. Als gottgeweihte Jungfrau wies sie den Heiratsantrag des Statthalters Quintinianus zurück. Darauf liess er sie foltern und dabei ihre Brüste abschneiden. Nach diesem Martyrium soll ihr der Heilige Petrus erschienen sein und ihre Wunden gepflegt haben.

Ein Jahr nach ihrem Tod rettete Agatha die Stadt Catania vor den Lavamassen des Ätna. Alljährlich wird ihr auf Sizilien in dreitägigen Feierlichkeiten gehuldigt und ihre Reliquie durch die Stadt getragen. Wegen ihrer damaligen Beziehung zu Feuer gilt sie als Schutzheilige der Feuerwehrleute, der Goldschmiede sowie der Glocken- und Erzgiesser.


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Der spanische Maler Francisco de Zurbaran malte die Heilige mit ihren abgetrennten Brüsten gemalt. 


Geweihtes Brot

Bis heute wird in Wil und anderswo der Brauch des Agathabrots gepflegt. Dieses wird entweder aus geweihtem Mehr gebacken oder nach dem Backen geweiht. Je nach Region hat es die Form eines kleinen Rings oder einer weiblichen Brust. Es soll gegen Fieber und Krankheiten sowie gegen Heimweh helfen und vor Feuersbrünsten schützen.

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Geweihte Zettel sollen vor Feuer schützen. 


Abbildung in der Altstadt

Eine Abbildung der Wiler Stadtheiligen ist heute an der Fassade des Nebengebäudes zum Rathaus zu erkennen. Der Wiler Kunstmaler Karl Peterli hat sie ausgeführt. Die Liegenschaft ist ein Ersatzbau aus dem Jahr 1940. Das vormalige Haus war derart baufällig, dass sich Stimmberechtigten für einen Abriss und einen Neubau entschieden. Das ehemalige Gebäude wurde während langer Zeit als Gasthaus zum «Schwert» genutzt. Aus jener Zeit wird berichtet, dass 1901 «die weltberühmte Kolossaldame Pauline Berg mit einem Lebendgewicht von 416 Pfund» die sensationshungrigen Gäste ins Lokal locken sollte.

Heute erinnert die «Schwertstiege», die von der Altstadt direkt zum Stadtweier führt, an die Zeiten der früheren Gaststätte zum «Schwert».  

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Ein weitere Version eines geweihten Agatha-Zettels.