Wo sich heute zwischen dem Nebengebäude des Baronenhauses, dem Haus Anker, und der Trinkstube zum Hartz Auto neben Auto reiht, stand einst ein prächtiges Rathaus. Rückblende: Während fünf Jahrhunderten residierten im trutzigen Hof die mächtigen Fürstäbte des Klosters St. Gallen. Sie nutzen ihn als Verwaltungszentrum und als Gerichtstand. Eine Portion des herrschaftlichen Glanzes fiel auch auf die Stadt ab, die sich bis heute stolz Äbtestadt nennt. 

Als Markplatz und Regionalzentrum profitierte Wil auch wirtschaftlich von der Anwesenheit der Landesherren. Es war wohl der geschäftliche Erfolg und das dadurch gestiegene Selbstbewusstsein, die das Wiler Bürgertum besonders mutig werden liessen: 1505, während des Übergangs des Mittelalters in die Neuzeit, bauten sie ins direkte Bilckfeld des Fürstabtes ein markantes Rathaus, sozusagen ein Gegenpol zu seinem Trutzbau. Sein Bau kostete das Siebenfache der jährlichen Steuereinnahmen. Vielleicht wollten sie mit dem neuen Prestigebäude dem Fürstabt ein Signal senden, es sei eine neue Epoche angebrochen, die Untertanen hätten der klösterlichen Macht mittlerweile selber einiges entgegenzusetzen.

Neue Machtverhältnisse

Mit dem Übergang von der Gotik in die Renaissance wurde die Allmacht der Kirche und der Klöster etwas eingeschränkt, sie waren nicht mehr das alleinige Mass aller Dinge. Rund 20 Jahre vor dem Bau des Rathauses kam Huldrych Zwingli zur Welt. Er und weitere Reformatoren verhalfen den Menschen zu einer neuen Sicht auf ihr Dasein und zu einem neuen Selbstbewusstsein. Rund 30 Jahre zuvor erblickte Albrecht Dürer das Licht der Welt, in seinen Bildern und Zeichnungen stellte er die Menschen und die Welt in einer bisher ungeahnten Schönheit dar.

Wertvolles Täfer im Gerichtshaus

1854 wurde das Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Die Begründung war seine Baufälligkeit und seine unzureichenden Platzverhältnisse. Eine noch heute sichtbare Säule sowie eine seitliche Mauer wurden stehen gelassen, damit das benachbarte Haus Anker eine genügend stabile Aussenmauer aufweist. Wahrscheinlich wurden beide Häuser gleichzeitig errichtet. Das Baronenhaus seinerseits steht seit 1795.

Die Ratsherren zogen vor dem Abbruch vom ehemaligen Rathaus ins Gerichtsgebäude um. Die politische Gemeinde bezog 1982 jenes Haus, das bis heute als Rathaus dient. Ein prachtvoller Renaissance-Schrank von 1612, ein Wandtäfer als Zeuge hoher Handwerkskunst sowie ein gusseiserner Ofen schmücken heute den Saal im Gerichtshauses schräg vis à vis. Sie sind neben einigen spärlichen Bilddokumenten die einzigen Zeugen eines kulturhistorisch wertvollen Verlustes.