«Warum schuldig? Ich habe nichts getan!», wird der Beschuldigte während der Urteilsverkündung ausrufen und dabei seine Hände verwerfen und die Richter ungläubig ansehen. Seine Unschuld beteuert der Mann 38-jährige Afghane, der seit 20 Jahren in der Schweiz lebt und heute in Wil zu Hause ist, während der ganzen Verhandlung. Ein heute 19-Jähriger bezichtigt ihn der Schändung, und zwar soll der 38-Jährige an ihm sexuelle Handlungen vorgenommen haben, und zwar während der Kläger im Drogenrausch war. Der Afghane spricht ein bisschen deutsch, wann immer er kann adressiert er direkt das Gericht. Meist wird aber übersetzt. Er konzentriert sich auf seine Übersetzerin, scheint ihr aufmerksam zuzuhören, nickt, fragt nach und erklärt seine Sicht der Dinge. Wegen Schmerzen im Unterleib kann er kaum sitzen und erhält vom vorsitzenden Richter die Erlaubnis, während der Verhandlung stehen zu bleiben. Er wird den Saal mit der Übersetzerin zwei Mal verlassen müssen, da sich auch der Kläger äussern muss. Der 19-jährige Kläger ist gleichzeitig der Geschändete und damit Opfer der Tat. Er hat also eine Anrecht auf besonderen Schutz und muss dem Angeklagten nicht begegnen. Auch ist er zwar dazu verpflichtet, sich zu den Fragen des Gerichts zu äussern, wenn es aber um den Intimbereich geht, darf er von besonderen Opferrechten Gebrauch machen und muss sich nicht äussern.

Was war geschehen?

Soviel vorweg: Was genau passiert ist in dieser Nacht im Juli 2019 wird auch am Ende der Verhandlung nicht eindeutig geklärt sein. Vielmehr geht es um die Frage der Glaubwürdigkeit: Wer ist glaubwürdiger, wer ist näher an der Wahrheit?

Gemeinsam mit einem Kumpel habe der Kläger im Juli 2019 beim Angeklagten übernachtet. Eigentlich hätten beide die Nacht in der Durchgangsstation Winterthur (DSW) verbringen müssen, einer Institution für männliche Jugendliche des Straf- und Massnahmenvollzugs des Kantons Zürich. Der vorsitzende Richter will vom 19-Jährigen wissen: «Damals waren Sie auf Kurve, wie sind sind Sie auf den Beschuldigten gekommen?» Sein Kumpel hätte dies vorgeschlagen, er habe den Angeklagten nicht gekannt. Man sei an diesem Abend von Winterthur nach Wil gefahren und habe beim Angeklagten viel Bier getrunken und gekifft. Zudem habe der Kläger verschiedene Medikamente eingenommen.

Soweit sind sich Anklage und Verteidigung einigermassen einig. Der Kläger erzählt weiter, sein Kumpel sei im Laufe des Abends auf dem Sofa eingeschlafen, auch er habe sich schläfrig gefühlt. So habe er den Beschuldigten um etwas Aufputschendes gebeten. Der Beschuldigte sagt erst, es habe keiner der drei Männer geschlafen, dann sagt er, nur er selbst habe ein bisschen geschlafen. Der Kläger habe ihn ausserdem gebeten, Kokain für ihn zu besorgen, was er aber abgelehnt habe. Er habe zu ihm gesagt: «Wenn Sie eine Tablette nehmen wollen: bitte schön!» Daraufhin habe er ihm eine Tablette ausgehändigt. Da dem Kläger das Medikament unbekannt gewesen sei, habe er nicht alles nehmen wollen. Einen Viertel der Tablette habe er zerdrückt und das Pulver durch die Nase eingenommen. Dies bestätigen beide Parteien. Daraufhin sei er noch schläfriger geworden und habe beim Angeklagten duschen wollen. Dieser sagt, das sei nicht wahr, der Kläger habe nie bei ihm geduscht. Dieser aber beharrt darauf. Mehr noch: Der Angeklagte sei ihm in die Dusche gefolgt, um ihm die «beste Warmwassereinstellung zu zeigen». Das habe «komisch gewirkt», zumal er schon unter der Dusche gestanden sei. Danach sei er zurück in die Stube, wo sein Kumpel noch immer schlafend auf dem Sofa gelegen habe. Er habe sich dazu gesetzt und sei gleich darauf auch eingeschlafen.

Falsche Erinnerung oder erlebnisorientiert?

Was er dann schildert, ordnet die Verteidigung als «false memory» ein, die Staatsanwaltschaft als «erlebnisorientierte Aussage». Unter dem Begriff «false memory» wird in der Psychologie eine Erinnerung an Ereignisse verstanden, die von der jeweiligen Person zwar als echt wahrgenommen werden, die so aber nicht stattgefunden haben – eine falsche Erinnerung also, die aber nicht mit einer gezielten und bewussten Falschaussage zu verwechseln ist. «Erlebnisorientiert» meint in diesem Zusammenhang, dass die Ereignisse so überzeugend und glaubwürdig geschildert werden, dass man diesen getrost Glauben schenken kann. Nach Aussage des Klägers soll der Beschuldigte also seinen wehrlosen, «quasi bewusstlosen» Zustand ausgenutzt und ihm mehrfach an Penis, Gesäss und After gefasst haben. Auch soll er ihn mit dem Finger mehrfach anal penetriert haben. Zudem habe der Beschuldigte von «Liebe» gesprochen, ihn auf Mund und Penis geküsst. Währenddessen sei er, der Kläger, immer wieder aufgewacht, aber nicht richtig zu Bewusstsein gekommen. So habe er denn auch erst ein paar Tage später realisiert, was wirklich passiert sei. Das sei alles nicht wahr, beteuert der Angeklagte. Er sei keiner, der «so etwas» tue, er sei ein anständiger Mensch. Und ausserdem sei er seit langem schon impotent, denn er sei einst in seiner Heimat verhaftet und schwer misshandelt worden. Man habe ihn geschlagen und getreten, auch in den Unterleib.

Bis zum Mittag dauern die Vorträge von Staatsanwaltschaft, Kläger und Verteidigung sowie das Schlusswort des Beschuldigten. In einem solchen Verfahren hat der Angeklagte stets das letzte Wort, bevor sich das Gericht für die Beratung zurückzieht. «Ich habe nichts getan und ich hoffe, dass ein faires Urteil getroffen wird.» Gute drei Stunden brauchen die Richter vom Kreisgericht Wil, um zu einem Urteil zu kommen: Der 38-Jährige wird der Schändung schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten mit einer Probezeit von drei Jahren verurteilt. Zudem wird er für fünf Jahre des Landes verwiesen und im Schengener Informationssystem ausgeschrieben, ein Härtefall läge nicht vor. Auf das Aussprechen einer zusätzlichen Busse verzichtet das Gericht, der Landesverweis sei wohl «Denkzettel genug».

Info: Was ist das «SIS»?

Das Schengener Informationssystem SIS ist ein europaweites Fahndungssystem. Seit Mitte der 1990er Jahre ist es so etwas wie ein Ersatz für die Kontrollen an den Binnengrenzen, seit August 2008 haben auch Schweizer Behörden Zugriff auf das System. Im SIS werden (gestohlene) Gegenstände, aber auch Personen ausgeschrieben, welche für die Sicherheitsbehörden von Relevanz sind. So etwa jene Personen, für die ein Landesverweis ausgesprochen wurde.