Am Mittwochmorgen fanden sich vor dem Kreisrichter in Flawil die Beschuldigte sowie ihre Begleitung ein, die sie zur moralischen, aber nicht rechtlichen Unterstützung mitgebracht hatte. Ausserdem war der Rechtsvertreter der Privatkläger anwesend, die Staatsanwaltschaft hingegen war von der Verhandlung dispensiert. Der Ablauf einer Strafverhandlung ist im Wesentlichen immer gleich. So gilt es zunächst, allfällige «Vorfragen» zu klären. In dieser Phase des Prozesses kann zum Beispiel Kritik am Verfahren bisher geäussert oder es können neue Beweise eingebracht werden. Dabei hat normalerweise die Person auf der Anklagebank das erste Wort.

«Was bedeutet das?»

Die Beschuldigte streckt den Rücken durch, blickt auf die Anklageschrift, dann zum Richter und fragt: «Was bedeutet das mit dem Ungehorsam?» Neben der versuchten Nötigung, der Verleumdung sowie der Drohung wird ihr auch Ungehorsam in zwei Fällen vorgeworfen. Diese Frage ist zwar nicht Bestandteil der Vorfragen, weist aber darauf hin, dass die Beschuldigte sich im Rechtswesen eher nicht besonders gut auskennt. Das fragt sie auch gleich, die Stimme fängt an zu zittern: «Warum habe ich niemanden, der mir hilft?» Der Richter nickt, man habe diese Frage auch diskutiert, so käme sie nicht unerwartet. Die Beschuldigte führt also aus, dass sie überzeugt sei, ein Anwalt könne ihr weiterhelfen: «Ich bin alleine, ich weiss doch nicht, was rechtlich bindend ist!»

Der Vertreter der Privatkläger hingegen hält fest, dass es «nicht mehr geboten» sei, jetzt einen Anwalt beizuziehen. Die Angelegenheit dauere inzwischen schon drei Jahre an und die Privatklägerschaft, die aus Familienmitgliedern des inzwischen verstorbenen Hauptklägers besteht, solle zur Ruhe kommen dürfen.

Die Verhandlung wird nach dem Sammeln der Vorfragen für ein paar wenige Minuten unterbrochen, bevor der Richter seinen Entschluss verkündet: «Wir kommen zum Schluss, dass hier ein Fall einer ‹amtlichen Verteidigung› vorliegt.» Diese «amtliche Verteidigung» ist in der Strafprozessordnung geregelt und sieht vor, dass die Verfahrensleitung eine solche Verteidigung anordnen kann, etwa wenn die beschuldigte Person nicht über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügt. Damit werde die Verhandlung vorerst «chli» gestoppt, allerdings wolle man sie auch nicht unnötig hinauszögern. So gibt sich der Richter denn auch zuversichtlich, dass man sich dieses Jahr nochmal sehen wird. hallowil.ch bleibt dran!

Bis zur Urteilsverkündung gilt die Unschuldsvermutung.

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So hat hallowil.ch bisher berichtet (18.10.21)

Am Mittwoch am Gericht: Frau wegen versuchter Nötigung und Drohung angeklagt

Kommenden Mittwoch muss sich eine Frau aus dem Wahlkreis Wil vor dem Kreisgericht Wil in Flawil den Richtern stellen. Unter anderem werden ihr versuchte Nötigung, üble Nachrede, Drohung und Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen vorgeworfen. hallowil.ch wird nach der Verhandlung an dieser Stelle weiter berichten.

Die fünfseitige Anklageschrift liest sich ein bisschen wie das Script einer schlechten Soap: Eine Frau aus dem Wahlkreis Wil scheint sich als Prostituierte betätigt zu haben und scheint von einem angeblichen Freier nicht bezahlt worden zu sein. So soll die Beschuldigte diesem Mann, der nach Angaben in der Anklageschrift einen Doktortitel hat, im Dezember vor drei Jahren ein Mail geschickt haben, in dem sie ihn zur Zahlung von 110'000 Franken aufgefordert habe. Die Frau habe in dieser Nachricht auch damit gedroht, die «kranke Wahrheit» über den Mann erzählen zu wollen, sollte dieser nicht zahlen. Der Mann zahlte nicht, sondern erstattete Anzeige.

Daraufhin soll die Frau über ihr öffentlich einsehbares Facebookprofil verschiedene Posts publiziert haben, die alle mehr oder weniger auf den Mann abgezielt hätten und deren Inhalte für die Staatsanwaltschaft die Tatbestände üble Nachrede sowie Drohung erfüllen. Ferner habe die Frau mehrfach Ungehorsam gegen im Betreibungsverfahren sowie gegen amtliche Verfügungen an den Tag gelegt haben.

Bis zur Urteilsverkündung gilt die Unschuldsvermutung.

Die Verhandlung am Kreisgericht Wil in Flawil beginnt am Mittwoch, 20.10.21, um halb 9 Uhr morgens. hallowil.ch wird an dieser Stelle weiter darüber berichten.