‹Würde es nach mir gehen, sähe alles ganz anders aus.› Hand aufs Herz: Wer hat sich das nicht auch schon gedacht? Zum Beispiel, wenn wir in der Medienberichterstattung von gewissen Richtersprüchen und Urteilen lesen. Den Einen sind die Strafen zu hart, den Anderen sind sie zu mild. Schnell ist man überzeugt: ‹Recht und Gerechtigkeit sind halt nicht das Gleiche. Denn: Hätte ich das Urteil gesprochen, es wäre für alle Beteiligten gerechter gewesen.› Ganz so einfach ist es aber dann doch nicht, immerhin gilt es, sich an Rechtsgrundsätzen zu orientieren, diese einzuhalten und durchzusetzen – auch wenn das subjektive Empfinden ein ganz anderes sein mag.

Als Gerichtsbeobachterin stellt man sich gerade mit dem «in dubio pro reo»-Grundsatz im Hinterkopf oft die Frage, wie leicht es für die Richterinnen und Richter tatsächlich ist, eine Person zu verurteilen. Etwa dann, wenn sie davon überzeugt sind, die beschuldigte Person bereue aufrichtig, habe nicht gewollt, was geschehen ist und von der sie zudem sicher sind, sie sei – wenn überhaupt – nur stark vermindert schuldfähig gewesen. Oder wie es in Juristendeutsch heisst: Es habe eine «hochgradig eingeschränkte, fast gänzlich aufgehobene Steuerungsfähigkeit» vorgelegen, ausserdem sei der besonderen (unschönen) Vorgeschichte des Falles Rechnung zu tragen. Dies jedenfalls ist so in einem Urteilsdispositiv zu lesen, das sich mit einem Fall am Kantonsgericht St. Gallen beschäftigt. Zu beurteilen galt es die Schuld eines jungen Mannes, der im Streit seinen Bruder getötet hatte und am Kantonsgericht St. Gallen Berufung gegen das Urteil der Vorinstanz eingelegt hatte. Der Mann bestritt den Kern der Anklage nicht – die Tötung seines Bruders –, aber er plädierte auf Notwehr und damit auf einen Freispruch. Die St. Galler Richter haben diesem Ansinnen zwar nicht entsprochen, haben aber das von der Vorinstanz ausgesprochene Strafmass deutlich nach unten korrigiert. 

So leicht kann die Urteilsfindung also wirklich nicht sein, wenn sich selbst Fachleute regelmässig uneins sind. Das ist aber auch ganz gut so, so müssen Urteile nämlich immer wieder neu ausgehandelt und diskutiert werden – gerade weil Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt deckungsgleich sein müssen.