Annette Fetscherin, seit Juli 2017 vertreten Sie die Ostschweiz beim Schweizer Radio und Fernsehen. Was macht Ihnen mehr Spass: Die Arbeit vor oder hinter der Kamera?
Die Kombination macht es aus. Bei der Arbeit hinter der Kamera geht es darum, Geschichten zu entdecken und zu überlegen, wie man diese dem TV-Publikum erzählen will. Darum kann man sich meist genauer mit den Protagonisten auseinandersetzen. Vor der Kamera befinde ich mich dagegen oft in Live-Situationen. Da bleibt teilweise keine Zeit für ausführliche Vorgespräche. Dafür macht genau die Live-Situation die Arbeit vor der Kamera auch so spannend. Der Kick, wenn das rote Lämpchen leuchtet, ist besser als Bungee-Jumping.

Wie verläuft bei einer Sportjournalistin ein typischer Tag?
Diesen kann ich nicht beschreiben, da es ihn nicht gibt. Jeder Tag ist anders. Mein Job beinhaltet verschiedene Tätigkeitsfelder. Als Moderatorin fahre ich ein paar Stunden vor Sendestart ins Büro und bereite die Moderationen vor. Danach geht es in die Maske und dann ab ins Studio. Als Reporterin bin ich beispielsweise für die Skirennen in ganz Europa unterwegs. Ich stehe bei Sonnenaufgang auf der Piste, schaue mir die Kurssetzung an und mache dann Interviews mit den Athletinnen. Und wenn ich als Produzentin arbeite, verbringe ich den Tag im Büro. Ich plane und organisiere die Sendung und «fahre» sie dann live aus der Regie.

Das Verhältnis zwischen Vorbereitung, Durchführung und Nachbearbeitung liegt bei…?
Der fürs Publikum unsichtbare Teil überwiegt. Drei Viertel der Arbeit passieren vor der Sendung. Die Durchführung und Nachbearbeitung beanspruchen einen Viertel.

Was muss eine Sportjournalistin mitbringen, damit die Erwartungen aller Anspruchsgruppen erfüllt werden?
Alle Erwartungen kann man nie erfüllen. Oberste Priorität hat für mich immer, kompetent zu sein. Eine Moderatorin ist nur glaubwürdig, wenn sie weiss, wovon sie spricht. Ausserdem versuche ich, den Sport auf eine positive, sympathische Art zu vermitteln. Sport soll den Menschen Freude bereiten, sie vom stressigen Berufsalltag ablenken.

Fussball oder Eishockey?
Es ist unmöglich, mich zu entscheiden. Eishockey reizt mit Action, Schnelligkeit und Power, Fussball mit seiner Klasse und taktischer Finesse. Er lebt auch von hochtalentierten Einzelkünstlern. Mich faszinieren beide Sportarten.

Welche Sportmomente bleiben Ihnen speziell in Erinnerung?
Die Olympischen Spiele in Pyeongchang, weil es meine ersten waren, bei denen ich live vor Ort war. Oder auch das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2019 in Zug mit seiner einmaligen Atmosphäre.

Ihr spannendster Interviewgast?
Bühne Huber bei seiner Brandrede pro Eishockey und contra Fussbälle, die in die Gelateria fliegen. Er war bisher wahrscheinlich der einzige, der wirklich zu 100 Prozent das gesagt hat, was ihm gerade auf der Seele brannte. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne zu taktieren.

Der Schwierigste?
Richtig schwierig sind eigentlich nur die, die nichts sagen wollen. Einen Namen werde ich nicht nennen. Und zum Glück gibt es das nur selten. Die meisten Interviewpartner sehen, dass es in jeder Situation eine Chance ist, sich zu erklären. Selbst wenn es mal nicht so gut läuft.

Gibt es Momente, welche Sie lieber schnell vergessen würden?
Ja klar, Blackouts beispielsweise. Wenn man einfach für einen Moment lang den Faden verliert. Diese Sekunden kommen einem wie eine Ewigkeit vor. Eine ganz schreckliche Ewigkeit. Und danach denkt man, man könne sich nicht mehr auf der Strasse blicken lassen, weil es bestimmt alle gesehen hätten.

Es gehört zu Ihrer Tätigkeit, ständig auf Achse zu sein. Welchen Stellenwert geniesst für Sie Ihr Heimatkanton Thurgau und der Hinterthurgau?
Einen sehr grossen. Ich bin oft bei meinem Papa in Aadorf und meinen Geschwistern und deren Kindern zu Besuch. Nach Hause zu kommen ist, gerade wenn man viel unterwegs ist, etwas vom Schönsten.

Ihr Lieblingsort?
Im Thurgau? Natürlich Aadorf. Ich hatte das Glück, meine ganze Kindheit und Jugend dort zu verbringen. Ich kenne jeden Fleck im Dorf. Klar, hat sich vieles verändert. Aber die unzähligen schönen Erinnerungen bleiben.

Bleibt neben der anspruchsvollen Zeit als Journalistin auch Platz für sportliche Betätigung in der Freizeit?
Ja, praktisch in jeder freien Minute. Mich hält nichts drinnen. Egal, wie das Wetter ist: Ich muss raus, mich bewegen, frische Luft einatmen. Im Sommer verbringe ich die ganze Freizeit auf dem Pferderücken, beim Polo spielen. Im Winter bin ich, wann immer möglich, in den Bergen beim Skifahren oder Langlaufen.

Über welche Sportart wird in der Schweiz noch viel zu wenig oder gar nicht berichtet?
Als leidenschaftliche Polo-Spielerin ist der Fall aus meiner Optik klar. Polo ist ein faszinierender Sport, unglaublich schnell und adrenalingetränkt. Die Leute kennen den Sport zu wenig, machen sich ein total falsches Bild davon. Man muss nicht reich sein, um Polo spielen zu können. Und wir lieben unsere Pferde über alles. Sie sind unsere Athleten. Ohne sie sind wir nichts. Meine Luciana ist grausam verwöhnt. Aber dafür gibt sie auch alles für mich auf dem Feld. Gegenseitiges Vertrauen ist alles.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich als Sportjournalistin in naher Zukunft konfrontiert?
Wegen Covid-19 sind einzelne Sportarten extrem «durchgeschüttelt» worden. Es wird noch eine Weile dauern, bis die Welt wieder so ist, wie sie war. Vielleicht wird sie sogar nie mehr so sein. Wir alle werden uns den neuen Bedingungen anpassen müssen. Dies ist herausfordernd, aber gleichzeitig freue ich mich persönlich einfach auf jeden weiteren Live-Sport-Event in nächster Zukunft. Wir mussten erfahren, wie es ohne Live-Übertragungen ist. Es ist schön, dass sich die Sportwelt wieder dreht.

Welchen Traum möchten Sie sich noch erfüllen?
Eigentlich träume ich nur davon, aus jedem Tag einen guten Tag zu machen. Ich freue mich auf viele tolle und spannende Tage – jetzt, wo der Spielbetrieb im Eishockey und Fussball wieder läuft und auch viele Schneesport-Events anstehen.