Es herrschte Lehrermangel. Junge Lehrpersonen wurden von oft fast verzweifelten Schulpräsidenten regelrecht umworben. Man rühmte die Schönheiten des Dorfes, die frische Luft und die tolle Zusammenarbeit unter den Lehrkräften. Ich entschied mich für eine Landschule in einem Dorf im Appenzeller Hinterland. Dort wurde ich mit offenen Armen empfangen.

Im Schulhaus war ein nicht eben grosses Zimmer jeden Vormittag für 37 Schülerinnen und Schüler bereit, dazu reichlich Wohnraum für eine Einzelperson wie mich. Schulische Infrastruktur gab es so gut wie keine, dafür für mich ein weiteres Schulzimmer, eine Stunde Fussmarsch entfernt, in welchem am Nachmittag jeweils 26 andere Kinder auf ihren Unterricht warteten. Dort wohnte im oberen Stock der Dorfpolizist. Für diesen «Schulweg» gab es immerhin jährlich eine «Schuhzulage» von zwei Dritteln eines Monatslohns, was später beim Erzählen nicht selten heiteres Gelächter auslöste.

Mit mir begann auch ein Semikollege an der Mittelstufe im selben Dorf. Er hatte Kollegen, eine passende Infrastruktur, weniger Schulkinder, erhielt aber – wie ich später auf Umwegen herausfinden musste – gut 10 Prozent mehr Lohn. Damals war eben alles auf ein patriarchales System ausgerichtet. Der Mann war Ernährer, die Frau hatte zuhause zum Rechten zu schauen. Doch mein Kollege war ledig, hatte also keine solchen Pflichten.

Es gab damals noch keine Klassenassistenz oder gar ein «Team-Teaching», zu meinem Arbeitsbereich gehörte auch die Pausenaufsicht. Hie und da kam der kantonale Schulinspektor vorbei. Er schaute in erster Linie, wie es mit Disziplin und Ordnung im Schulzimmer stehe. Hilfreiche Unterstützung gab es auch von dieser Seite keine. Erst am Wochenende blieb jeweils etwas Zeit zum Aufschnaufen, denn am Mittwochnachmittag hatte ich ebenfalls zu unterrichten. Im Mehrklassensystem gibt es zudem kaum Pausen, denn mit einer Klasse ist man eigentlich immer an der Arbeit. Und die anderen Klassen müssen still beschäftigt werden.

Ein Budget für Material? Fehlanzeige! Das Lernmaterial entwickelte ich grösstenteils selber. Geschrieben wurde mit quietschenden Griffeln auf Schiefertafeln. Papier war eine Kostbarkeit und musste sorgsam eingesetzt werden. Eine Zentralheizung gab es nicht. Deshalb gehörte auch das Heizen mit einem nahezu antiken Ölofen zu meinen Aufgaben. Wenn das Anzünden wieder einmal nicht klappen wollte, liess ich die Kinder ihre Winterkleider holen. Und ich stand dann da, mit schwarzen Händen, oft auch einem russigen Gesicht und musste mich damit abfinden, an diesem Tag kein warmes Schulzimmer zu bekommen. Unterrichtet habe ich trotzdem immer.

Wenn ich in späteren Jahren jungen Kolleginnen in bestens ausgestatteten Schulhäusern von meinen Anfängen als «Lehrgotte» erzählte, schauten sie mich jeweils nur ungläubig an. Und dass ich nicht den gleichen Lohn wie mein gleichaltriger Kollege bekommen hatte, wurde oft gar mit einem Achselzucken abgetan. Ob es denn nicht seit jeher Lohngleichheit im Erziehungswesen gegeben habe?

Dass diese Lohngleichheit auf den Einsatz von ganz vielen Menschen zurückzuführen ist, scheint gerade oft der jüngeren Generation nicht wirklich klar zu sein. Erst 1971 wurde Frauen endlich das Stimm- und Wahlrecht zugestanden. Seither können sie sich bei gesellschaftlichen Themen einbringen und mitentscheiden. Und doch gibt es bis heute noch in manchen Branchen Lohnunterschiede für die genau gleiche Arbeit. Es gilt also am Ball zu bleiben und zu verstehen, dass nur persönliche Beteiligung am politischen Geschehen die Umstände verändern hilft.