Kurz vor Weihnachten regte sich Sebastian Koller, Präsident der IG Kultur Wil, in einem Leserbrief über das Atelierstipendium, das die Stadt Wil dieses Jahr vom 1. August bis 30. November in der serbischen Hauptstadt Belgrad vergeben möchte. Koller kritisiert dieses Vorhaben, «weil Kulturschaffende geeignete Räume und Infrastruktur in der Region benötigen». Sollte die Infrastruktur, welche die Stadt den regionalen Kulturschaffenden bieten möchte, also nicht in Wil zur Verfügung stehen? Dazu meint die Wiler Kulturbeauftragte Kathrin Dörig: «In Wil wird eine vielfältige Infrastruktur für die Kultur zur Verfügung gestellt, meist unentgeltlich oder zu sehr günstigen Konditionen.» Dabei handle es sich um Proberäume für Chöre und Ensembles, Bandräume, Bühnen und Ausstellungsräume. «Einzig für Künstlerinnen und Künstler, die sich der bildenden Kunst widmen, stehen keine städtischen Räumlichkeiten zu Verfügung», so Dörig. Alle Ateliers würden privat gemietet werden. 

Mit dem Entscheid ein Atelierstipendium mit einem längeren Aufenthalt in Belgrad zu vergeben, «möchte die Stadt Wil aber keine Kulturförderung in Serbien betreiben». Mit der Mitgliedschaft bei der Städtekonferenz Kultur (SKK) würden die Mitgliederstädte die Gelegenheit bekommen, zu sehr guten Konditionen in einem regelmässigen Turnus Atelierplätze zu vergeben. «Vier Ateliers stehen zur Verfügung», betont Kulturbeauftragte Dörig «das sind Belgrad, Buenos Aires, Genua und Kairo.» Alle Ateliers werden von der SKK, die sich um die Infrastruktur und den Unterhalt kümmert, betreut. «Die Stadt Wil ist seit März 2019 Mitglied der SKK und profitiert deshalb von diesem Angebot», erklärt Dörig gegenüber hallowil.ch. Atelierstipendien seien ein Fördergefäss für Künstler aus allen Sparten, die in der Region leben. Bei diesem Atelierstipendium gehe es um den Austausch unter Kulturschaffenden und um die Möglichkeit, sich in einer Arbeit in neuer Umgebung inspirieren zu lassen und zu vertiefen. Natürlich ist das Atelierstipendium für die Stadt Wil nicht kostenlos. «Hierfür leistet die Stadt Wil einen Beitrag von 4000 Franken», antwortet Hörig auf die Anfrage von hallowil.ch.

Der Bedarf nach einem Stipendium ist da

Obwohl das Wiler Kulturwesen in erster Linie von Laien und Vereinen – die sich nur nebenberuflich kulturell betätigen können – getragen wird, ist Dörig davon überzeugt, dass ein mehrmonatiger Auslandaufenthalt auch für diese eine Option ist. «In der Vergangenheit gab es jeweils erfreulich viele Bewerbungen auf die Ausschreibung des Bick-Stipendiums», so die Kulturbeauftragte. Dies zeige, dass sehr wohl ein Bedarf für ein solches Atelierstipendium bestehe. «Nebenberufliche Kulturschaffende werden in der Stadt Wil ebenfalls auf unterschiedliche Art und Weise unterstützt», sagt Dörig. 

In seinem Leserbrief meinte Koller, Präsident IG Kultur Wil, zudem: «Mit der Liegenschaft Turm verfügt die Stadt über ein Gebäude, das für vielseitige kulturelle Nutzungen prädestiniert ist. Die Projektidee eines Kultur- und Musikschulzentrums im Turm wurde jüngst mit einer breit abgestützten Motion ins Stadtparlament eingebracht. Obschon der Stadtrat keinen Vorschlag für eine andere Verwendung des Gebäudes hat, sperrt er sich gegen die Motion und bestreitet den Bedarf nach einem Kulturzentrum. Eine weitsichtige Exekutive würde ein solches Projekt als Chance zur Standortentwicklung begreifen.» Warum will der Wiler Stadtrat den «Turm» quasi leerstehen lassen? «Das will der Stadtrat natürlich nicht», weist Dörig die Vorwürfe von sich «die Stellungnahme zur Motion zeigt den vorgeschlagenen Weg klar auf.»

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Stadt sorgt bei IG Kultur für rote Köpfe (20.12.2019): 

«Um entstehen und reifen zu können, braucht Kunst neben Inspiration und Ideen auch Zeit und Raum – und genau diese beiden Dinge bietet die Stadt Wil in Form eines Atelierstipendiums vom 1. August bis 30. November 2020 in Belgrad an», informiert die Stadt in einer Medienmitteilung. Künstlerisch Tätige mit Wohnsitz, Wirkungsort oder starkem Bezug zur Stadt Wil könnten ihre Bewerbung für das Atelierstipendium, das für den Zeitraum vom 1. August bis 30. November vergeben werden soll, bis 15. Februar 2020 schriftlich bei der Fachstelle Kultur der Stadt Wil einreichen. Dabei geht es darum, dass die Städtekonferenz Kultur (SKK) ihren Mitgliedstädten in Zusammenarbeit mit dem Verein «Atelier Belgrad» zwei Atelierplätze in Belgrad für jeweils vier Monate zur Verfügung stellt. Ziel der Ateliervergabe sei es, professionelles Kunstschaffen und den Kulturaustausch zwischen der Schweiz und dem Gastland zu fördern. Die Ateliers könnten jeweils von zwei Personen aus verschiedenen Städten gleichzeitig genutzt werden. «An den Lebenskosten vor Ort beteiligt sich die Stadt Wil mit 4000 Franken», heisst es in der Mitteilung weiter. Ein weiteres Atelier werde in Meyrin im Kanton Genf vergeben. Diese Ausschreibung richte sich an Kulturschaffende der Bereiche Kunst, Fotografie, Video, Film, Theater, Tanz, Literatur und Musik.

Kritik von IG Kultur Wil

Doch die Idee mit den Atelierstipendium in Serbien findet nicht nur Anklang, sondern bekommt auch Gegenwind. In einem Leserbrief betont Sebastian Koller, Präsident der IG Kultur Wil, gleich zu Beginn, dass Kulturschaffende geeignete Räume und Infrastruktur benötigen. «Fragt sich bloss, ob diese Infrastruktur nicht hier in Wil zur Verfügung stehen sollte?», schreibt Koller. Die städtische Kulturpolitik müsse primär darauf abzielen, das kulturelle Leben vor Ort zu fördern, sodass die eingesetzten Mittel dem einheimischen Publikum zugute kommen und in die lokale Wirtschaft fliessen würden. Fakt ist, dass im Wiler Kulturwesen Laien und Vereine tätig sind. «Personen, die sich nebenberuflich kulturell betätigen, dürfte ein mehrmonatiger Auslandaufenthalt keine Option sein», ist Koller überzeugt. Ausserdem existiere mit dem sogenannten Bick-Stpendium bereits ein vergleichbares Angebot. «Es entsteht allmählich der Eindruck, dass sich die Kulturverantwortlichen der Stadt lieber auf den Bereich des Elitären und der Symbolik fokussieren», holt Koller noch weiter aus, «anstatt sich um die handfesten Probleme und strategischen Herausforderungen im lokalen Kulturwesen zu kümmern.»

Es werde Kulturförderung in Serbien betrieben

Doch vor welchen Herausforderungen stehen die regionalen Kulturschaffenden genau? Als Beispiel nennt Koller die Entwicklung der Kulturinfrastruktur. «Seit Jahren beklagen sich ortsansässige Kulturschaffende und Vereine über einen Mangel an Probe-, Lager- und Atelierräumen», heisst es im Leserbrief, der auch von Vize-Präsident Erwin Böhi unterzeichnet wurde, weiter. Mit der Liegenschaft Turm verfüge die Stadt über ein Gebäude, das für vielseitige kulturelle Nutzungen prädestiniert sei. Die Projektidee eines Kultur- und Musikschulzentrums im Turm wurde jüngst mit einer breit abgestützten Motion ins Stadtparlament eingebracht. «Obwohl der Stadtrat keinen Vorschlag für eine andere Verwendung des Gebäudes hat, sperrt er sich gegen die Motion und bestreitet den Bedarf nach einem Kulturzentrum», zeigt sich Koller über die Geschehnisse verärgert. Eine weitsichtige Exekutive würde ein solches Projekt als Chance zur Standortentwicklung begreifen. Und zum Schluss meinen die Verantwortlichen der IG Kultur Wil noch: «Doch der Wiler Stadtrat lässt den Turm lieber leerstehen und betreibt derweil Kulturförderung in Serbien.»

Doch was sagt die Stadt zu diesen Vorwürfen? Am Freitag vor den Festtagen konnte hallowil.ch kein Statement von Seiten der Stadt einholen. «Die zuständigen Personen für dieses Thema sind abwesend», so die Kommunikationsabteilung der Stadt. Die Redaktion werde Anfang Januar 2020 entsprechend Antworten erhalten. (pd/mac)