hallowil.ch: Aktionen auf der Strasse, Anfragen und Ausharren im Parlament – beisst sich das nicht irgendwie, Timo Räbsamen?
Nicht zwingend, finde ich. Es ist aber schon so: Der Kampf auf der Strasse ist radikaler, während man sich im Parlament manchmal die Frage stellen muss, welche Kompromisse man wie mitträgt. In meinen Augen sind allerdings beides wichtige Orte für die Auseinandersetzung: Einerseits kämpfen wir auf der Strasse für eine deutliche Vision, für eine klare Utopie, also für langfristige und tiefgreifende Veränderungen. Andererseits kämpfen wir im Parlament für Verbesserungen im bestehenden System und im Hier und Jetzt. Natürlich kann man sagen, dass man auf das Parlament verzichtet, weil der Kampf auf der Strasse das Einzige ist, was den Kapitalismus überwinden kann. Das wird wahrscheinlich sogar so sein, aber wir leben nun mal im Hier und Jetzt mit diesem System. Wir sollten doch versuchen, gerade für die Schwächsten die Gegenwart besser zu machen. Ich meine, es ist immer noch besser, «nur» 200 Franken AHV mehr herauszuholen als darauf zu warten, dass wir das System grundlegend verändert haben.

«Jede Tonne CO2 bringt uns näher an den Abgrund», schreiben Sie in Ihrer Interpellation an den Stadtrat. Er wird darin um die Beantwortung verschiedener Fragen gebeten, die alle mehr oder weniger mit der Klimapolitik zu tun haben. Hat die Stadt überhaupt Möglichkeiten, eine solch globale Krise anzugehen?
Sicher! Die Klimakrise ist eine globale Krise und es ist mir schon klar, dass wir sie nicht lösen, wenn wir jetzt alle von einem Tag auf den anderen «grüner» leben. Aber als Stadt kann man trotzdem aktiv werden und die richtigen Signale senden: Eine autofreie Innenstadt zum Beispiel würde die Lebensqualität steigern und käme auch dem lokalen Gewerbe zu Gute. Mit einer autofreien Innenstadt müsste denn auch der Ausbau von öffentlichem und Langsamverkehr einhergehen, was sich wiederum positiv aufs Klima auswirken würde. Auch könnte die Stadt bei Gebäuden aktiver werden, zum Beispiel wenn es um Heizungen geht. Wenn man als Eigentümer seine Ölheizung durch eine klimafreundliche Variante ersetzt, gibt es sogar bereits Förderbeiträge. Aber das wissen offenbar viele Leute nicht, die durchaus bereit wären, ihre Heizungen zu ersetzen. Meiner Meinung nach könnte die Stadt einen ziemlich banalen Schritt gehen, und zwar: Diese Information unter die Leute bringen.

Gegen die «grüne Transformation» wird oft eingewendet, dass man Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze nicht gefährden dürfe. Wie begegnen Sie diesen Argumenten?
Nun, die Forderung nach «netto-0» bis 2030 soll uns nicht einfach radikal klingen lassen, es ist das, was uns die Wissenschaft auch sagt: Wenn wir global gesehen bis 2050 bei 0 sein wollen, dann müssen wir das eben schon 20 Jahre vorher geschafft haben. Es geht dabei ja auch stark um die Klimagerechtigkeit. Der globale Norden ist es, der am meisten CO2 ausstösst und der globale Süden ist es, den die Folgen am heftigsten treffen. Ein anderer Vergleich: Der Finanzplatz Schweiz stösst etwa doppelt so viel CO2 aus wie die Schweiz als Land. Ich glaube, wir müssen viel mehr auch an diesen Stellen ansetzen und hartnäckig bleiben.

Um zu den Gegnerinnen und Gegnern und deren Argumenten zurückzukehren: Gerade im Falle der Klimapolitik stimmt das Argument, dass Arbeitsplätze verschwinden würden, nicht. Wenn etwa von fossilen Brennstoffen auf Solarenergie umgerüstet wird, braucht es auch an diesen Anlagen wieder Menschen, die sie bedienen, die sie warten usw. Die grüne Transformation schafft direkt und indirekt Arbeitsplätze.

Sind Sie zuversichtlich, dass sich etwas tut?
Zuversichtlich gestimmt hat mich sicher die Klimabewegung, die es geschafft hat, weltweit Massen zu mobilisieren. Ich glaube, den «system change» schaffen wir dann, wenn wir nicht nur im Parlament sitzen und Kompromisse ausarbeiten. Sondern dann, wenn wir auf der Strasse Druck aufbauen und Veränderungen antreiben.

Warum sind Sie eigentlich in der konservativen Stadt Wil Aktivist und Politiker geworden?
Ich bin hier aufgewachsen und mir gefällt es hier. Wil hat eine gute Grösse und trotzdem ist es keine anonyme Grossstadt. Und ich habe das Gefühl, dass Wil ein riesiges Potential hat, das nur noch ausgeschöpft werden muss. Dafür muss man aber etwas tun. Veränderungen kommen nicht einfach so, man muss sich dafür einsetzen.

Wenn Sie einen Wunsch für die Stadt Wil frei hätten, was würden Sie ihr wünschen?
Nur ein Wunsch?
Ja.
Dann vielleicht: Wil soll eine lebendigere Stadt werden, die für alle und insbesondere für Jugendliche (Frei-)Räume bietet und dabei klimaneutral ist.