Manche Menschen seien «sture Esel», sagt man, und meint damit bockige, uneinsichtige Leute. Dabei tut man den Vierbeinern allerdings unrecht. Denn Esel sind hochintelligent, sie machen bloss nicht alles kopflos mit. So laufen sie zum Beispiel nicht durch eine Pfütze ohne deren Tiefe und damit die Verletzungsgefahr zu kennen. Daher kommt auch der Ausdruck «Eselsbrücke» für die Erinnerungshilfe: Wenn unter einer Brücke etwa Wasser zu erkennen ist, weigert sich der Esel, diese Brücke zu überqueren. Die Brücke muss also «blickdicht» sein. Der Blick in die Tiefe und auf fliessendes Wasser bedeutet für den Esel «Gefahr». Immerhin ist er eigentlich ein Wüstentier. Fliessendes Wasser ist in solch karger Umgebung Mangelware.

Eselsbrücken gibt es oberhalb von Gähwil zwar nicht. Ein Paradies für Esel aber schon. Das Toggenburger «Eselparadies» ist ein Gnadenhof vor allem für Esel, aber auch für andere Tiere. Geführt wird der Hof von Willi Steffen und Nigel Carey. Seit sechseinhalb Jahren sind die beiden mit ihren Tieren im Schöchli Gähwil. Davor waren sie fast 30 Jahre am Greifensee. Schon in der Kindheit haben Esel die beiden Männer fasziniert. «Ich komme aus Südengland, als Kind besuchte ich oft die Esel vom ‹Donkey Sanctuary›», sagt der gebürtige Brite Nigel Carey. Willi Steffen ist am Greifensee aufgewachsen. Auf dem Hof seiner Mutter habe es immer schon Esel gegeben. Seit gut 35 Jahren widmen sich die beiden den Tieren gemeinsam. Bis vor Kurzem war Willi Steffen noch voll arbeitstätig, ist jeden Morgen um halb vier Uhr früh aufgestanden, hat sich um Stall und Tiere gekümmert – und sich dann auf den Weg zur Arbeit gemacht. Ob ihm das nie zu viel wurde? «Nein», versichert er, «wenn ich abends nach Hause kam, war das wie das Eintauchen in eine andere Welt. Die Esel haben mir neue Kraft geschenkt.» Das bestätigt auch Nigel Carey, der an einer schweren Krankheit leidet: «Die Esel sind meine Medizin.» Er kenne kein Tier, das einfühlsamer und klüger sei.

Im Video: Der Esel-Talk auf dem Gnadenhof

 

«Der Esel zielt»

«Ein Esel schlägt nie blind aus wie zum Beispiel ein Pferd das tut», erklärt Willi Steffen, «der Esel zielt». Einmal habe er das im Stall beobachten können: «Die Hufe einer Eselstute mussten geschnitten werden. Dafür kam der Hufschmied vorbei. Er hatte sich gerade in Position gebracht, da kam eine andere Stute hinzu und hat sich so gedreht, dass sie den Schmied mit dem Ausschlagen erwischt hätte.» Hätte, denn der Schmied habe damit gerechnet und sich entsprechend verhalten.

Derzeit leben 17 Esel oberhalb von Gähwil, und zwar 11 Stuten und 6 Wallache. So ein Esel kann gut und gerne 45 Jahre alt werden. Die Älteste auf dem Hof ist Stute Dorothy mit 35 Jahren. Neben den Eseln leben 7 Geissen, 11 Schafe, Hühner, Gänse, Hasen und eine Ente, ausserdem 2 Hunde und eine Katze. Ist ein Tier erst einmal im Eselparadies, bleibt es bis zum Lebensende. «Wir sind ein Gnadenhof, keine Pension», sagt Nigel Carey mit Nachdruck. Viele der Tiere hätten schlechte Zeiten erlebt. So kommen oft kranke oder misshandelte Tiere ins Eselparadies, wo sie erst einmal aufgepäppelt würden und Vertrauen zu den Menschen aufbauen müssten. Das kostet Zeit und Geld.


Helferinnen fast wie Schwestern

So sind die beiden Männer froh um die helfenden Hände, die ehrenamtlich zupacken. Im Lauf der Jahre hätten sich verschiedene Personen mehr oder weniger regelmässig eingebracht. Im Moment sind es deren sechs, die immer wieder kommen. Die beiden Frauen Conny und Regula sind zwei davon. Ob es ums Misten geht oder um die Fütterung der Geissen: Conny und Regula machen mit. «Sie sind für uns wie Schwestern geworden», sagt Nigel Carey.