«Diese Tomaten sind wahre Leckerbissen», sagt die 54-jährige Anita Brunner und legt ein paar der prallen, roten Köstlichkeiten in ein Kartonschälchen, das mit Bio angeschrieben ist. Es sind die letzten Tomaten, die im Innern des Hauses richtig ausreifen, erzählt sie und schildert, wie ein Gast die Setzlinge im Frühsommer mit viel Herzblut gepflegt habe und sie jetzt Monate darnach von einer schönen Ernte profitieren könne. «Wenn meine Gäste wollen, dürfen sie mir gerne bei der Arbeit zur Hand gehen, aber müssen tun sie nichts, die Menschen, die ihr Angebot «MeHuNa» (Mensch, Hund, Natur) annehmen und in ihrer Rehabilitationsherberge Halt machen, um zu gesunden. Viel zu oft haben diese Menschen, oft an verschiedenen Fronten, geschuftet und sich keine Pausen gegönnt. Leistung über alles, heisst heute vielerorts die Devise – bis es nicht mehr geht.

Sieben Gäste im ersten Jahr

Anita Brunner weiss, wovon sie spricht. Vor ein paar Jahren war sie selbst von einem Burnout oder möglicherweise einer Vorstufe davon, betroffen. «Ich hatte so viele Pläne und so wenig Energie», sagt sie heute und erzählt, wie sie kaum mehr imstande war, ihre Arbeit auf dem Hof auszuführen. Ihr fehlte der Antrieb, das Vertrauen und die Kraft. Eine vierwöchige Auszeit half ihr wieder auf die Beine. «Lebensfreude und Lebenslust kamen zurück und ich habe das Rüstzeug kennengelernt, Krisen zu überwinden», sagt sie. Sie habe ein paar Veränderungen auf dem Hof zulassen können und wieder zu sich selber gefunden. Diese Erfahrungen wiesen ihr den Weg und im 2013 begann sie eine Ausbildung zur Burnout-Prophylaxe-Trainerin bei der Akademie für Burnout Prophylaxe in Rapperswil. «Genial was ich dort lernen durfte», sagt Anita Brunner. Mein lang gehegter Wunsch, eine Herberge zur Regeneration für Menschen, die ihr Leben verlangsamen wollen, schien plötzlich Gestalt anzunehmen. »

Endlich fand sie die Kraft, das Wohnhaus auf dem Hof, den sie bereits im Jahr 1997 von ihrem Vater gepachtet und 2002 gekauft hatte, radikal umzubauen. Nebst einer kleinen Wohnung für ihre noch rüstige Mutter, vergrösserte sie ihren Wohn- und Lebensbereich um drei Gästezimmer mit Nasszellen, verwirklichte im Erdgeschoss einen hellen Seminarraum und durfte im vergangenen Jahr bereits sieben Gäste bei sich aufnehmen.

Lebensfreude zurückgewinnen

Ihre bisherigen Gäste hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ältere und jüngere Menschen, aus der Stadt und vom Land, in den unterschiedlichsten Berufen und Lebenssituationen unterwegs, waren bei ihr zwischen zwei und vier Wochen zum Auftanken. Die Betreuung erfolge individuell und werde täglich neu definiert, erzählt die Bäuerin, die ihren Gästen als Coach zur Verfügung steht, ihnen aber auch als Gesprächspartnerin viel Zeit und Raum bietet. «Ich will die Menschen aus dem Hamsterrad herausführen, ihnen Bewältigungsstrategien aufzeigen, damit sie ein gesundes Gleichgewicht in ihrem Alltag erreichen und ihre Lebensfreude zurückgewinnen», sagt sie.

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Gäste unterschiedlichster Natur gehen bei Anita Brunner aus und ein.

Gesundheit sei weit mehr als das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen, ist Brunner überzeugt. Sie versuche mit ihren Gästen dem ganzheitlichen Wohlergehen nachzuspüren um den Zusammenhängen im körperlichen, geistigen und sozialen Bereich näher zu kommen. Sie will ihren Gästen eine Oase der Ruhe bieten, ihnen Alternativen zeigen zum digitalen Umfeld, aus dem sie herkommen und sie will die Menschen mit gemeinsamen Erlebnissen stärken. Dabei spiele auch die Natur eine wichtige Rolle. Vor allem aber will die Bäuerin und Therapeutin, dass Menschen lernen, mit der Leere umzugehen und offen sind, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Zum Therapieangebot zählen auch Kurse, Seminare und Einzelsitzungen, die individuell gebucht werden können.

Gelernt, mit Tieren zu kommunizieren

Anita Brunner ist zusammen mit einer Schwester auf dem Bauernhof in der Schöllen in Degersheim aufgewachsen. Nach der Bäuerinnen-Ausbildung hat sie eine Gärtnerlehre gemacht und anschliessend fünf Jahre in den USA gelebt. Seit 1994 arbeitet sie auf dem Hof. «Mein Vater hat damals auf Bio umgestellt. Wenn er das nicht gemacht hätte, wäre ich nicht nach Hause gekommen», sagt sie bestimmt. Drei Jahre später wurde sie Pächterin und vor 16 Jahren hat sie den Betrieb mit 17 Hektaren Landwirtschaftliche Fläche von den Eltern übernommen. Den Betriebszweigen Rindvieh, Hühner, Pensions-Pferde und Schafe, aber auch Gemüseanbau mit Vermarktung ist sie treu geblieben.

Im Jahr 2007 ist sie mit dem Nachbar eine Betriebsgemeinschaft eingegangen, was den Neubau eines Laufstalls nötig machte. Heute haben sie 34 Kühe. Seit vielen Jahren sind Hunde im Leben der Bäuerin und Therapeutin ein grosser Bestandteil. Sie hat gelernt, mit ihren Vierbeinern zu kommunizieren und ihre Hunde verstehen sie, bevor sie ihren Gedanken zu Ende gedacht hat. Heute gibt sie Hundekurse mit verschiedenen Schwerpunkten und ist deshalb auch offen, wenn Gäste ihren Hund in ihr Timeout mitbringen möchten. Für sie persönlich hat sie herausgefunden, dass man nicht immer wissen muss, was im anderen Garten wächst. Lieber will sie sich Sorge tragen, den Stolpersteinen nicht ausweichen und mit sich und an sich arbeiten – und das will sie auch ihren Gästen mitgeben.