Der Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit ist nicht immer leicht. Zu viele Zeiträuber sind unterwegs, um dieses wertvolle, unwiederbringliche Gut zu stehlen. Die Kabarettgruppe mit dem eher sperrigen Namen PESSIMOPTEN – ein zusammengewürfeltes Wort aus „Pessimisten“ und „Optimisten“ – hat sich zu diesem Thema in lockerer Szenenfolge Gedanken gemacht und damit ein interessiertes Publikum zum Nachdenken mit dem eigenen Zeitreservoir gebracht. Der Auftritt in Oberuzwil ist vorläufig der letzte von fünf Auftritten in der Region. Neu ist im Februar ein weiterer in Niederuzwil geplant.Nachtwächter als „Nummerngirl“
Im Zirkus zeigt oft ein Nummerngirl – kann auch gut ein „Nummernboy“ sein – die nächste Darbietung an. So einfach wollten es sich die Pessimopten jedoch nicht machen. Karl Ulmer trat als sich seiner Wichtigkeit bewusster Nachtwächter auf und sagte mit wuchtigem Bass nach dem jeweiligen Stundenschlag ab Band den Inhalt des kommenden Sketches an. Mit seinem umgehängten Flachmann und der oft gekonnt zurückgeschlagenen Lodenpelerine und der lockigen Mähne entsprach er völlig dem Klischee eines Nachtwächters aus früheren Zeiten, als man noch nicht vom Smartphone die Zeit ablas.

Die Ansagen erinnerten ein wenig an Erich Kästners Kinderbücher, beispielsweise an „Emil und die Detektive“, „Das doppelte Lottchen“ oder auch „Das fliegende Klassenzimmer“, in denen der Geschichtenerfinder in einem kleinen Vorwort jeweils ankündigte, was im Kapitel zu lesen sei.

Klatsch und Tratsch beim Coiffeur
In einem Coiffeursalon trifft sich Alt und Jung. Da werden jeweils auch die neuesten Nachrichten besprochen. Genau so hechelt Coiffeur Joe Jöhl auf der Gerbi-Bühne gerade das Liebesleben des Gemeindeammanns einer fiktiven Ortschaft mit seinen Kundinnen durch. Die wildesten Gerüchte machen erst die Runde, man verurteilt, ja verdammt den „unmoralischen Kerl“ bereits, bis eine mahnende Stimme alles wieder ins richtige, sprich moralisch-gute Licht rückt.

Bei näherem Hinschauen gibt es ja so oft eine ganz natürliche Erklärung von für Aussenstehenden unerklärlichen Vorfällen. Quelle aller Gerüchte ist hier die Zeitung „Trick“, eine Anspielung auf eine einheimische Tageszeitung mit sehr grossen Buchstaben. „Fake News“ sind keine Erfindung der heutigen Zeit, die gab es schon immer, nur geht es über FACEBOOK und TWITTER halt sehr viel schneller und erst noch einfacher…

Redaktionssitzung als Spiegelbild der Gesellschaft
Vermutlich verläuft eine Redaktionssitzung unserer Tageszeitungen etwas tiefgründiger und informativer ab als die der Zeitung „Trick“, die auf der Gerbi-Bühne verfolgt werden kann. Es muss einfach etwas sein, „was die Leute aufregt“, so die Redaktionsleiterin. Will man erst Bundesrätin Leuthard in die Pfanne hauen oder Bundesrat „Parmesan“ als Nichtstuer anklagen, der nicht merke, dass die Chinesen das Land übernähmen, so kommt man im ersten Fall doch wieder davon ab, schliesslich ist Leuthard beliebt.

Dass aber in der Schweiz alle Neopyhten, diese eingeschleppten Pflanzen, Gelbblütler sind, deutet doch schon auf chinesische Expansionsgelüste hin. Und auf der Rütliwiese wollen die Chinesen gar eine Mauer bauen! Dabei schläft Bundesrat Parmesan munter weiter, was für ein Skandal! Gerüchte über Gerüchte, angeheizt und täglich neu aufgemischt durch die Zeitung „Trick“.

Pessimistische Berufsaussichten
In einem weiteren Zeitsplitter befassen sich die Pessimopten mit aussterbenden Berufen. Roboter werden viele Arbeiten ausführen, die Autos selbstfahrend unterwegs sein, auch der Postbote wird überflüssig werden, wenn überall Drohnen herumschwirren und die Postzustellung übernehmen. Und selbst Zeitungsreporter „werden abgeschafft, weil ja jeder auf den Bildschirm gafft“… Auch die altbewährten Berufsbezeichnungen fallen unter den Tisch, denn von nun an heisst es „Software-Developper“ oder CEO oder...

Zeit zurückholen
Viele versuchen ja die Zeit anzuhalten, nicht umsonst haben Anti-Aging-Angebote Hochkonjunktur. Da machen natürlich auch die Pessimopten mit. Mit lächerlicher Frisur, eine erscheint sogar in neckischem Bauchfrei-Blüschen, und einem bestimmt seit Tagen bereits zerkauten Kaugummi -, passend zu den zerrissenen Hosen des älteren Herren - plaudern sie im Jugendslang. Natürlich gehört es da auch dazu, dass man den Abfall auf den Boden schmeisst. Eine vorbeigehende Frau bringt schliesslich wieder Ordnung ins Chaos, es wird aufgeräumt. Ja, die Jagd nach der ewigen Jugend zeigt sich hier als Fata Morgana, als unerreichtes Ziel, schliesslich lebt man vorwärts und nicht rückwärts.

Lamento über verlorene Zeit
Ja, wo ist denn auch die verlorene Zeit geblieben? Am Tresen in der Bar? Im Kindergarten, in der Schule? Auf den Bühnenboden werden Styropor-Zeittrümmer ausgeleert. Passanten kommen vorbei und nehmen unter Preisgabe der verlorenen Zeit ein Stück weg. Das Aufreissen einer todsicher verschweissten Plastikverpackung gehört zu den ärgerlichen, ständig wiederkehrenden Zeitstehlern. Und erst die Bügelwäsche, die wartet und wartet, bis sie der Hausfrau Zeit stehlen kann! Gelebte Zeit kann aber auch zu einem Gewinn werden, beispielsweise im Stau stehen und dabei etwas Kluges denken, einen Stromausfall mit Kerzenlicht abfedern und zu einer Mussestunde umwandeln…

Unbeantwortete Fragen
Eine Frau ruft bei der Psychologin an. Ihr Kind hat eine Party veranstaltet, doch dummerweise über FACEBOOK, was zu ungeheuren Zuständen geführt hat. Die „Psychotante“ am Telefon – so wird die Fachfrau respektlos genannt, was NACH dem Telefon aber nicht mehr so unpassend scheint – hat zu jedem Satz der hilfesuchenden Mutter einen Gemeinplatz über Zeit parat, was die Frau am andern Ende des Drahtes schliesslich doch zum Aufmucken bringt. Ausser Spesen nichts gewesen…

Morgens um Vier
„Wie das Leben wirklich läuft, merkt man erst, indem man säuft“ schmettert der Nachtwächter in den Saal. Zwei ältere, etwas heruntergekommene Damen sinnieren mit der Flasche in der Hand über die Flut der Termine, die heute jede und jeder hat. Irgendwann fällt das Wort „Terminator“, was vor allem bei den Herren im Publikum sofort Assoziationen zur Steyrischen Eiche - Arnold Schwarzenegger - hervorruft. Vielleicht ist ja so viel Körperkult auch Zeitverschwendung? Für die Frauen ist der Terminator allerdings der Herr über die Termine…

Abwechslung in der Darbietungsform
Die Pessimopten haben alle Texte selber geschrieben, da gab es keinen Gag-Schreiber von aussen. Ihre Zeitsplitter werden einmal als Rap, ein andermal als Choreinlage oder auch einfach als gesprochener Text dargeboten. Das bringt Abwechslung und hält die Spannung. Zwischen den einzelnen Szenen hört man anfänglich klassische Musik ab Band, dazwischen auch jazzige Pianostücklein. Der Stundenschlag entschleunigt, man kann mitzählen und sich auf die nächste Szene vorbereiten.

Schlusspointe
„Das Spiel ist aus!“ heisst der Schlusssatz des Kabaretts. Aber die angesprochenen, teils abenteuerlich überhöhten Zeitprobleme – Probleme der Zeit, aber auch Probleme mit dem Umgang mit der Zeit – werden noch nachhallen. Pessimisten kamen zu Wort, aber auch Optimisten. Die „Zeitsplitter“ werden in nächster Zeit immer dann im Kopf wieder zustechen, wenn irgendwo ein Zeiträuber auftaucht. Nachdenken darüber ist jederzeit gestattet…


Am Donnerstag, 22. Februar 2018, treten die Pessimopten mit diesem Programm im evangelischen Kirchgemeindehaus Niederuzwil auf. Näheres wird später bekanntgegeben.

Homepage der PESSIMOPTEN

Im folgenden Artikel gibt es viele Informationen zum unvergessenen Kinderbuchautoren und Gedichteschreiber Erich Kästner, der aber auch Erwachsenen noch heute viel zu sagen hat.

Erich Kästner