Wenn man flach in die Gerste blickt, zeichnet sich der Wind darauf ab wie Strömungen auf dem Wasser. Die borstigen Ähren wogen in Schlangenlinien hin und her, dahinter ziehen Wolkenformationen über den Himmel. Im Osten ist die Kappelle Maria Dreibrunnen zu sehen, ansonsten Feld und Wald. Dieser Blick, von unten über das leicht ansteigende, in vollem Wuchs stehende Feld, hinter dem sich direkt der Himmel zu erheben scheint, finde er jeden Sommer wieder schön, sagt Bauer Marcel Rickenmann, der in Trungen Gerste für die Rebsteiner Brauerei Sonnenbräu anbaut. In Rebstein wird auch Thurbobräu, Slogan «Bier mit Wiler Tradition», gebraut.

Am Montagnachmittag steht Rickenmann am Rand dieses Felds und erzählt von 13 Jahren Braugersten-Anbau. Gelernt hat er bei Ruedi Rhyner, der die Thurbobräu-Gerste vor ihm angebaut hatte. Mit fünf Tonnen pro Hektare rechnet er in diesem Jahr. «Da musst du zufrieden sein», sagt er. Auf den beiden Hektaren von Rickenmanns Land, auf denen im Sommer jeweils Gerste steht, kommen so ungefähr zehn Tonnen Gerstenkorn zusammen, wenn im Juli ein Lohnunternehmer mit dem Mähdrescher auffährt. Die Braugerste baue er auch an, weil die Leute Freude am Bier haben, sagt Rickenmann. Am Anfang sei es nicht leicht gewesen. Krähen hätten ihm in den ersten Jahren die Felder regelrecht abgegrast. Er hatte so früh im Jahr angesät, dass seine Gerste das einzige Attraktive für die Vögel in der Umgebung gewesen sei.

Umsatzanstieg während Corona

Die zehn Tonnen Gerste entsprechen ungefähr der doppelten Menge, die in Rebstein pro Jahr zu Thurbobräu verarbeitet wird. Der Hopfen dazu kommt aus Stammheim im Kanton Zürich. Nach der Ernte führt der weitere Weg die Gerste nach St. Margrethen, wo das Korn in der Getreidesammelstelle der Lütolf AG gelagert und nötigenfalls getrocknet wird. Ideal ist ein Feuchtigkeitsanteil von 14 Prozent. Alles, was darüber liegt, kann zur Folge haben, dass sich Schimmel bildet. Die Trocknungskosten trägt der Bauer. Weil es in der Schweiz keine grossen Mälzereien mehr gibt, wird die Gerste in Deutschland zu Malz gemacht. 

Nur vier Kilometer liegen zwischen Trungen und dem Hof zu Wil in der Altstadt. Und doch ist Thurbobräu in vielen Wiler Beizen noch nicht wirklich präsent. Diesen Umstand verdeutlicht auch eine Zahl: Um knapp fünf Prozent ist der Absatz von Thurbobräu von Januar bis Mai gestiegen, sagt Claudia Graf, Geschäftsführerin und Ur-Enkelin des Gründers der Brauerei Sonnenbräu. Zum Vergleich: Für die gleichen Monate lag die Umsatzeinbusse beim restlichen Bier der Brauerei zwischen 20 und 40 Prozent. Weil Thurbobräu vor allem im Detailhandel und im Direktverkauf an Privatkunden abgesetzt wird, konnte es während der Corona-Zeit zulegen, während beim restlichen Bier die monatelange Schliessung der Gastronomie negativ zu Buche schlug. Das Thurbobräu ist in den meisten Läden und Händlern in der Region, bei denen man Bier kaufen kann, erhältlich. Pro Jahr werden knapp 40'000 Liter abgefüllt.

Meist als Zweitbier aus der Flasche wird Thurbobräu in einigen Restaurants in der Region ausgeschenkt, im «Pilgerhaus» Dreibrunnen, der «Blumenau» Tägerschen, der «Traube» Niederstetten oder den Wiler Lokalen «Capo's Burger», «Art's» oder «Böckli-Bar». Auch im «Gare de Lion» gibt es Thurbobräu. Dazu kommen soll nun auch das Restaurant «Falkenburg» an der Kirchgasse. Obwohl dem meistens nicht so sei, denken viele Wirte, die Verträge mit grossen Brauereien haben, dass sie kein Zweitbier ausschenken dürfen, sagt Claudia Graf. Sowieso könne Sonnenbräu die Leistungen, die Wirte von ihren Verträgen gewohnt sind, also etwa Bierdeckel, Gläser und Rückvergütungen genauso bieten wie grosse Brauereien. Es habe sich gezeigt: Überzeugen lassen sich die Wirte am besten, wenn man sich in ihren Beizen und Restaurants zeige und versuche, ihnen das Bier und den angebotenen Service näher zu bringen.

Gutes Anbaujahr

Anders als vor zwei Jahren, als die anhaltende Trockenheit praktisch einen Ernteausfall zur Folge hatte, sei dieses bisher ein gutes Anbaujahr, sagt Marcel Rickenmann im Gerstenfeld zu Trungen. Ende März konnte Rickenmann bei guten Bedingungen ansäen. Trotz der kurzen Trockenperiode sei die Saat schön «aufgelaufen». Das sei auch den Krähen nicht entgangen, die sich im Frühling an der spriessenden Gerste gütlich taten. Im April hat der Bauer die Pflanzen mit 300 Kilogramm schweren Rollen gewalzt. Dadurch wird der Boden kompakter und die Gerste robuster. «So bilden sich mehr Seitentriebe aus und es gibt eine breite, kräftige Pflanze», sagt Rickenmann.

Damit der Boden nicht ausgelaugt wird, ist es wichtig, mit Fruchtfolgen zu arbeiten. Nach der Gerstenernte sät Rickenmann Ende August Raps an und dann, in der Folge, Weizen, Gründüngung und Mais. Erst dann kommt wieder Gerste aufs Feld. Zur Gründüngung nimmt Rickenmann Phacelia oder Gelbsenf. Diese Kulturen werden nicht wirtschaftlich genutzt, sondern geschnitten, liegengelassen und schliesslich untergepflügt, um Nährstoffe zurück in den Boden zu bringen. Alle vier Jahre steht dann in Trungen wieder Gerste auf dem Feld.