Erst kürzlich war der bekannte Journalist Erich Gysling in Oberuzwil zu Gast und referierte über die Situation im Nahen Osten, jetzt hat auch die Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil - ohne Wissen um das diesjährige Thema der ökumenischen Bildungsabende - dieses brennende Thema aufgenommen. Mit Matthias Hofmann hat der Vorstand einen Referenten eingeladen, der die politische Landschaft des gesamten arabischen Raums von Afrika bis Afghanistan aus eigener Anschauung kennt. Seine fundierten Ausführungen machten in verschiedener Hinsicht betroffen. Matthias Hofmann
Der Referent ist ein ausgewiesener Kenner der arabischen Länder, hat Orientalistik und Geschichte sowie Medienwissenschaften studiert und ist sehr viel an Schulen und Lehranstalten als Berichterstatter über die Vorgänge im arabischen Raum unterwegs. Als „Interkultureller Berater“ der Bundeswehr in Afghanistan hat er tiefe Einblicke in die Zusammenhänge von heutigem Zustand und dem Einfluss der Geschichte auf den gesamten arabischen Raum gewonnen. Er ist zudem seit 2012 als Analyst für den Mittleren Osten und Nordafrika tätig, in der Funktion als Oberstleutnant der Reserve. Er wohnt mit seiner Familie im Raum Tübingen. Seine detailreichen Ausführungen regten zum Nachdenken über die eigene Sichtweise an.

Verrat an der arabischen Welt
Am Anfang allen Unheils in der arabischen Welt steht ein Abkommen, welches die politischen Verhältnisse nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches völlig auf den Kopf stellte. Den Arabern hatte man damals einen eigenen Staat versprochen. Doch wirtschaftliche und politische Interessen der Franzosen und Engländer setzten sich über dieses Versprechen hinweg. Dieses Abkommen heisst Sykes-Picot-Abkommen und wurde 1916 von zwei Männern ausgehandelt, dem Franzosen François-Georges Picot, Generalkonsul in Beirut und dem britischen Baron und Nahostexperten Mark Sykes.

Sykes nahm eine Landkarte und zog mit dem Massstab völlig willkürliche Linien durch die Landstriche rund ums südliche und östliche Mittelmeer, ohne Rücksicht auf Volksgruppen, Religionszugehörigkeit oder Befindlichkeit der ansässigen Bevölkerung. Diese Aufteilung wurde vom Völkerbund, dem Vorläufer der heutigen UNO, erstaunlicherweise zugelassen. Einzig das Interesse der beiden damaligen Grossmächte war bei der Grenzziehung für die beiden Männer von Belang. Viele kleinere und grössere Staaten entstanden durch diesen Vorgang. Seit diesem „Handel“ kommt die arabische Welt kaum mehr zur Ruhe. Ethnische und religiöse Konflikte, im Geheimen unterstützt durch die USA und Russland und andere Gruppierungen – neuerdings mischt da auch China mit – flackern immer wieder auf.

Ausbeutung von Kolonien
1911 stellte Sir Winston Churchill die englische Marine nach seinem Amtsantritt als Marineminister von Kohle auf Erdöl um. Darum wurde der Zugang zu Erdöl für die Briten äusserst wichtig, was auch die Aufteilung der Überreste des Osmanischen Reiches beeinflusste. Unter der Arabischen Halbinsel und den umliegenden Staaten waren unzählige Erdölvorkommen bekannt, das weckte Begehrlichkeiten. Heute gehen diese Vorräte allerdings langsam zurück, zudem ist der Ölpreis massiv gesunken. Dies ist für manche Staaten eine weitere Bedrohung, denn mit schwindenden Finanzen brechen Konflikte meist schneller auf.

Doppelt bestraft
In Afrika wurden jahrzehntelang südlich der Sahara wurden Bodenschätze aller Art ausgebeutet, diese darauf in die Heimatländer der Kolonialisten überführt und dort veredelt. Die eigentlichen Besitzer der Bodenschätze waren so doppelt bestraft. Erstens wurden ihnen die Rohstoffe gestohlen, zweitens erfolgte auch die Veredelung im Ausland. So konnte sich nie eine gute Industrie in diesen Ländern einrichten, Arbeitslosigkeit und Armut sind bis heute die Folge davon. Es ist darum nicht verwunderlich, dass gerade jetzt wieder so viele Menschen aus wirtschaftlicher Not gegen Norden aufbrechen.

„Arabellion“ oder „Arabischer Frühling“
In Tunesien begann 2010 das zarte Pflänzchen „Arabischer Frühling“ zu spriessen. In jenem Dezember übergoss sich ein Gemüsehändler in einer tunesischen Kleinstadt aus Frust über seine aussichtslosen Lebensumstände mit Benzin und verbrannte sich selbst. Die Armee wollte bei den darauf aufflackernden Unruhen nicht eingreifen, was den damalige Machthaber Ben Ali bewog, nach Saudi-Arabien zu fliehen. Tunesien gab sich kurz darauf eine neue, von Staatsreligion befreite moderne Verfassung. Viele arabische Staaten folgten dem Beispiel, doch die Bevölkerung war in den meisten Ländern noch nicht reif für so viel Freiheit. Zudem sollte alles schnell gehen, dabei ist mindestens die Zeitspanne einer Generation nötig, bis sich eine solche Neuerung durchsetzen kann.

Unterdessen etablierten sich an vielen Orten wieder machtbesessene Herrscher, welche ihr Volk unterdrücken und sich selber aus der Staatskasse üppig bedienen.

Voraussetzungen für gelingenden Staat
Ein Staat braucht eine Identität. Sehr wichtig ist eine gemeinsame Sprache. Eine Zusammenhalt gebende Religion - in der arabischen Welt der Islam - sowie eine Schule für alle, dazu eine funktionierende Verwaltung und ein gut ausgebildetes Militär gehören ebenfalls zu den Fundamenten eines gelingenden Staates. Die passende Staatsform für einen zu bildenden Staat kann eine Monarchie, eine Oligarchie oder gar eine Diktatur sein. Dass dabei oppositionelle Gruppierungen massig eingeschränkt werden, zeigen unzählige Beispiele der heutigen Konflikte. Demokratische Strukturen können jedoch erst später erfolgreich eingesetzt werden, wenn die Menschen dafür genügend ausgebildet sind.

Bildung als Grundlage für gelingende Demokratie
Eine gelebte Demokratie bedingt eigenständiges Denkvermögen. Das ist jedoch nur mit guter Bildung des ganzen Volkes möglich. Die Landwirtschaft war in dieser Hinsicht vielen Ländern ein grosser Hemmschuh. Schliesslich brauchten die Bauern die Kinder als Arbeitskräfte, Schule galt als Zeitverschwendung. Das war lange Zeit auch in unserem Land der Fall. Die Schulferien waren der Kompromiss, mit dem sich auch die landwirtschaftlichen Kreise mit der Schulpflicht arrangieren konnten.

Ayatollah Ruhollah Musawi Khomeini hat im Iran eine Schule für beide Geschlechter gegründet, was heute oft vergessen wird. Iran hat ein vorbildliches Bildungssystem, dabei sind an den Universitäten heute um die 70 % der Studierenden Frauen. Doch in manch anderem Staat steht es damit noch sehr im Argen, so beispielsweise im Jemen, von Hofmann als „katastrophale Situation“ bezeichnet.

Moscheen Ort der Opposition
Moscheen sind in vielen Ländern mit islamischer Staatsreligion, aber diktatorischem Regime vielfach die einzigen Orte, wo politische Vorgänge in Abgrenzung zur Staatsdoktrin diskutiert werden können. So hat sich in vielen arabischen Staaten die Wirkung der Religion ständig verstärkt, weil sie die einzige einende Kraft darstellt. Allerdings haben sich andrerseits die Religionsgräben weiter aufgetan, was die vielen Zwiste zwischen islamischen Ländern mit unterschiedlicher religiöser Ausrichtung leider täglich in den Zeitungen ins Gedächtnis rufen.

Gesteuerte Information
Hofmann rief dazu auf, sich gut zu informieren. Nicht vor allem Boulevard-Zeitungen und Spartensender sollten meinungsbildend sein, sondern seriöse Abonnementszeitungen, dazu TV-Sender wie Al-Jazeera oder andere Medien, die Hintergrundinformationen mit eigenen Recherchen vor Ort und ohne Parteilichkeit geben können. Jede Kriegspartei hat natürlich Interesse daran, sich selber in möglichst gutem Lichte zu zeigen. „Fake-News“ nennt man die Falschinformationen, die auf allen Seiten Hochkonjunktur haben. Sich selber ein Bild machen gehört deshalb zu den Grundvoraussetzungen für eine einigermassen objektive Einschätzung der Lage.

Es gibt keine „Guten“ in einem Krieg
Matthias Hofmann betonte verschiedene Male, dass es in einem Krieg keine einfache Einteilung in Gute oder Böse gebe, da überall Kriegsverbrechen an der Tagesordnung seien. Es gebe zudem Kriegstouristen, welche sich eine Zeitlang in einem Kriegsgebiet aufhielten, dort kämpften, dann wieder abtauchten und möglicherweise an einem andern Ort wieder in Aktion träten. Hofmann warnte davon, als militärische Macht „nur mal kurz“ in einen Krieg einzugreifen und dann schnell wieder zu verschwinden. Russland hat diesbezüglich in Afghanistan Lehrgeld bezahlen müssen, die Amerikaner in Irak und früher auch in Vietnam. Hofmann ist zudem der Ansicht, dass es unbedingt Militärbeobachter vor Ort braucht.

Waffen finden immer ihren Weg
Alle Seiten liefern Waffen an alle Seiten der Kriege in der Region, daran können auch Embargos oder mangelnde Finanzen nichts ändern. Man schraubt lieber an anderen wichtigen Staatsaufgaben herum, als die Aufrüstung zu reduzieren. Syrien hat seine Waffenimporte zwischen 2007 und 2011 um ganze 580% gesteigert. Russland hat mit 78 % dieser Einkäufe den grössten Anteil am lukrativen Geschäft mit der tödlichen Ware. Schliesslich geht es hier um Milliarden, da sind moralische Bedenken natürlich hinderlich…

Flüchtlingselend
Schon früh wurden in Libyen Flüchtlingslager gebaut, denn der Zustrom von Menschen aus wirtschaftlicher Not aus dem ausgebeuteten Afrika südlich der Sahara hat schon vor Jahrzehnten begonnen. Gaddafi galt lange Jahre als Garant für ein Bollwerk gegen diese Menschenmassen. Im Gegenzug sollte der Westen in Libyen investieren. Wie viele Menschen in all den Jahren in der Sahara umgekommen oder durch Schlepper zu Sklavenarbeit oder Prostitution gezwungen wurden, weiss vermutlich niemand. Die Diskussionen rund um den Bau der Sportstadien in Katar waren in diesem Zusammenhang vor noch gar nicht so langer Zeit in den Schlagzeiten der Presse, da hier Sklavenarbeit vermutet wird.

Die EU hat mit der Türkei ebenfalls ein Flüchtlingsabkommen geschlossen, welches aber wegen der politischen Verschiebungen in diesem Land immer mehr in Schieflage zu geraten droht. Die Fluchtrouten werden innert kürzester Zeit den neuen behördlichen Erlassen angepasst. Professionelle Schlepper sind schliesslich immer topinformiert. Auch dies ist ein Milliardengeschäft…

Wechselnde Allianzen
Der Westen hat Gaddafi lange Zeit hofiert, ebenso Saddam Hussein im Irak, doch irgendwann wurden die beiden Potentaten aus geänderten Eigeninteressen fallengelassen. Für die Amerikaner und Europäer ist der Zugang durch den Suezkanal lebenswichtig, dieses Nadelöhr für die Wirtschaftswege zwischen Ost und West. Doch auch Russland hat seine Interessen. Darum ist Assad in Syrien weiterhin an der Macht, weil er für sie der Garant für den Ist-Zustand ist. Auch Israel fürchtet sich vor einem Sturz des Diktators, da sie die Rebellen weit weniger gut einschätzen können.

Düstere Aussichten in Syrien
Es sind düstere Aussichten, die Hofmann für Syrien nach Beendigung des Bürgerkriegs kommen sieht. Sollte Assad gewinnen, werden die Rebellen verfolgt und gedemütigt und die Diktatur noch strikter werden, sind es die Rebellen, so müssen Christen und andere Eliten um ihr Leben fürchten. Und der Krieg könnte 25 – 30 Jahre länger dauern. Grosse Verlierer werden die Kurden sein, befürchtet Hofmann, so wie es das Nomadenvolk der Tuareg in den Randzonen südlich der Sahara bereits erleben musste. Und solange an so vielen Orten keine Aussicht auf Besserung zu sehen ist, wird auch der Flüchtlingsstrom nicht abbrechen…


Zu den Ländern der arabischen Welt von heute gehören Dschibuti, Jemen, Oman, Bahrain, Kuwait, Saudi-Arabien, Irak, Syrien, Jordanien, die Palästinensischen Gebiete, Sudan, Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko und Mauretanien. Auch die Arabischen Emirate – VAE – liegen im arabischen Einflussgebiet.

Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil

imago-mundi - Homepage von Matthias Hofmann

Es gibt einen besonderen Orientdienst, der über viele Hintergründe der heutigen Vorgänge in der arabischen Welt aufklärt.

Kurzer Abriss des Osmanischen Reiches von 1299 – 1922

Sykes-Picot-Abkommen

Al-Jazeera – ein NZZ-Artikel dazu

Die ZEIT hat eine ausführliche Auslegeordnung über den momentanen Zustand der einzelnen Staaten, die den Arabischen Frühling erlebten, veröffentlicht. Es lohnt sich, diese nachzulesen.

Arabellion oder was vom Frühling übrigblieb

Die Kultur der TUAREG

Ayatollah Khomeini

Und das ist die Sicht von Journalist Erich Gysling

Brandherd Nahost – Referat von Erich Gysling