Bichelsee ist die Urbank der Schweizer Raiffeisenbanken. Vor rund 120 Jahren gründete der Bichelseer katholische Pfarrer Johann Evangelist Traber die erste Bank in der Schweiz nach dem Vorbild von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Es war ein Akt der Hilfe für die damals arme, ländliche Bevölkerung im Thurgau: Bauern und Gewerbetreibenden sollten Zugang zu benötigten Krediten erhalten, um sich zu entwickeln. Das Modell «mit den Spareinlagen aus dem Ort, Kredite im Ort vergeben» wurde zu einer Erfolgsgeschichte, die auf Vertrauen, Kundennähe und Nachhaltigkeit, aber auch Weitsicht gründe, sagt Thomas Mayer, aktuell Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank am Bichelsee.

Die alten Werte vergessen

«Natürlich hat die Erfolgsgeschichte von Raiffeisen in unserem Kanton ihren Anfang genommen», ergänzt die Thurgauer Regierungsratspräsidentin Cornelia Komposch. Wohlstand für alle Menschen in der Gemeinde sei das ursprüngliche Ziel, was ihr als Sozialdemokratin gut gefalle. In der Tradition des Bichelseer Gründers hätten die Nachfolger vieles richtig gemacht, findet Komposch. Die Raiffeisenbanken seien in der Gesellschaft tief verankert, was auch eine grosse Verantwortung mit sich bringe.

Wer über so lange Zeit erfolgreich sei, habe über all die Jahre etwas richtig gemacht, sagt Guy Lachappelle, Verwaltungsratspräsident Raiffeisen Schweiz. Über die Jahrzehnte hätten sich die örtlichen Raiffeisenbanken immer wieder den Kunden angepasst. Das schaffe die einzigartige Kundennähe und Vertrauen. Nachhaltigkeit sei der Leitgedanke. In den vergangenen Jahren hätten einige Leute in der Raiffeisen Schweiz die alten Werte vergessen, sodass die Reputation der Raiffeisen Schweiz gelitten habe. Daraus habe man gelernt, die Werte wieder hoch zu halten. Lachappelle ist überzeugt, dass das Genossenschaftsmodell auch im heutigen schnelllebigen, digitalen Zeitalter noch zeitgemäss ist.

Ein stolzer Kundenstamm

Gegenwärtig haben die 15 Thurgauer Raiffeisen-Genossenschaften über 112‘000 Mitglieder, so Urs Schneider, Präsident Regionalverband Thurgauer Raiffeisenbanken. Das seien mehr als die Hälfte der erwachsenen Thurgauer. Der Tradition des Genossenschaftsgedankens fühle sich die Raiffeisenbank am Bichelsee als das Rütli der Schweizer Raiffeisenbanken besonders verpflichtet, sagt Verwaltungsratspräsident Mayer. Das Vertrauen, die lokale Verankerung und Kundennähe seien wichtige, gelebte Erfolgsfaktoren. Die «Causa Vincenz» habe Mayer betroffen gemacht: «Wir haben mit mehr als klaren Worten unser Unverständnis ausgedrückt.» Mit den Urbanken in Deutschland, Österreich und den Niederlanden stehe die Bichelseer Bank in Kontakt.

Unlängst wurde das 100-jährige Bestehen gefeiert. Am Festakt in der Katholischen Kirche St. Blasius in Bichelsee, am Apéro und dem folgenden Show-Programm mit Abendessen nahmen insgesamt rund 230 Gäste aus Politik und Wirtschaft, sowie Raiffeisenbank-Vorstände und Verwaltungsräte und auch zirka 90 Mitglieder der Thurgauer Raiffeisen-Genossenschaften teil. «Wir wollten einen würdigen Rahmen für die Feier am Ursprung der Raiffeisenbanken in Bichelsee», sagt OK-Präsident Andre Kobelt. Mit dem Fest wolle der Verband die Bodenständigkeit und Nachhaltigkeit als Werte innerhalb der Raiffeisen-Familie demonstrieren: zurück zu den Wurzeln.

By Hayo Eckert

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Die Gäste der Jubiläumsfeier beim Apéro nach dem Festakt im Schulzentrum Lützlmurg in Bischelsee-Balterswil.