In den vergangenen Jahrhunderten war Wil ein Zentrum der Goldschmiedekunst. Bereits im Jahr 1288 wurde erstmals ein entsprechender Kunsthandwerker in Wil urkundlich erwähnt. Von 1541 bis 1838 waren 26 Goldschmiede in der Stadt tätig – 35 weitere sind bekannt, aber keine Arbeiten mehr von ihnen mehr auffindbar. Heute sind Goldschmied und Silberschmied zwei eigenständige Berufe, in früheren Jahrhunderten trennte man sie nicht so klar. Sailer, Gennius, Renner, Beck, Riggenschwiler, Preker sind einige Namen der Wiler Goldschmiedemeister von denen zum Teil mehrere Generationen tätig waren. Die Familie Wieland war eine besonders erfolgreiche Dynastie. Das Haus «zum letschte Wieland» an der Wiler Marktgasse ist eines der Erinnerungszeichen an die Blütezeit dieser Kunsthandwerker.  

Goldschmiede hatten eine Art Vertrauensstellung. Sie mussten per Eid bezeugen, bei ihren Arbeiten ein von der Obrigkeit festgelegtes Feinheitsgebot bei den Legierungen der Edelmetalle einzuhalten. Damals war das Münzwesen nicht so vereinheitlicht wie heute, Währungen unterschiedlichster Herkunft waren im Umlauf. Die Äbtestadt war ein Marktort mit zahlreichen Gasthäusern, oft wechselte Geld den Besitzer. Die Wiler Goldschmiede waren die Qualitätsprüfer, sie waren verpflichtet, Münzen von minderer Qualität den Behörden zu melden. Dabei kam es gemäss den Protokollen auch zu Auseinandersetzungen betreffend Schadenersatz. Auch Preziosen, wie Becher, Schalen und kirchliche Kultgegenstände, bei denen sie Zweifel an der Metallqualität hatten, mussten sie anzeigen. 

Silber des Rates

Die Stadt hatte einigen Bedarf an Silbergegenständen. Weibel, Boten sowie Spielleute wurden mit silbernen Wappen ausgestattet, damit sie mit Achtung behandelt wurden. So wurden sie eher in andere Städte eingelassen und mussten keinen Brückenzoll entrichten. Im Rathaus sowie im Gerichtsgebäude waren damals zahlreiche Silberbecher vorhanden. Viele Städte besassen wie Wil ab dem Mittelalter sogenanntes «Ratssilber». Es diente vor allem repräsentativen Zwecken, es sollte den Bürgerstolz ausdrücken und unterstreichen. Die Städte standen in Konkurrenz mit dem Klerus und dem Adel um die Macht. 

Zum Teil schenkten die Behörden silberne Schalen und dergleichen an verdiente Würdenträger. Wenn eine Nichtbürgerin einen Bürger heiratete, hatte sie einen entsprechenden Becher in Silber als Mitgift an die Stadt abzuliefern. Hatte sich jeweils eine grössere Menge angesammelt, übergab man sie dem Goldschmid zum Einschmelzen. Der Ertrag floss in die Stadtkasse, die daraus ihre Aufgaben finanzierte. Auch die Stadtschützen waren ihrerseits Besitzer von wertvollen Objekten aus Edelmetall. Die Wiler Goldschmiede stellten zum einen Wertgegenstände her, andererseits veränderten sie sie gemäss Auftrag, sie wurden etwa mit Wappen versehen oder stilistisch angepasst, wenn sich der Zeitgeschmack änderte. 


Leergeräumte Gotteshäuser

Eine Hochblüte erlebten die Wiler Goldschmiede ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zuvor waren während der Reformation im Land viele kirchliche Statuen und weitere Gegenstände geraubt, beschädigt oder verkauft worden. Zudem eigneten sich weltliche Behörden sakrale Kultgegenstände an, weil sie damit einen materiellen Ausgleich zu den Privilegien von Kirche und Klöstern erwirken wollten. 

Diesem so genannten «Bildersturm» war eine umstrittene Entwicklung in der katholischen Kirche vorangegangen: Gläubige hatten sich mit Schenkungen von Kultgegenständen eine Befreiung von den Strafen für ihre Sünden «erkauft». Zudem waren Statuen von Heiligen in einer Weise verehrt worden, wie wenn diese physisch präsent wären. Gegen diese und weitere Praktiken richtete sich die Reformation.

Grosser Bedarf an Preziosen

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirken viele Kirchen nach der reformatorischen Leeräumung kahl und entmystifiziert. Die Kirchenführer beschlossen am Konzil von Trient 1545 die Erneuerung des katholischen Glaubens durch eine Gegenreformation. In der Folge bestand eine grosse Nachfrage nach Statuen von Heiligen, an Reliquienschreinen aus Edelmetall und weiteren Kultgegenständen. Dies bescherte den Wiler Goldschmieden viele Aufträge, etwa für Monstranzen, Büsten von Heiligen, Kronen für Umtragefiguren, Vortragekreuze, Rauchfässer, Chorampeln und weiterem mehr.

Kultgegenstände im Hof

Werke von Wiler Goldschmieden sind in zahlreichen Kirchen und Klöstern in der Region zu finden, respektive waren dort vorhanden. Einzelne Kultgegenstände werden im Landesmuseum in Zürich aufbewahrt. Zu den fürstäbtlichen Zeiten war auch der Hof eine Schatzkammer, in einem um das Jahr 1806 erstellten Inventarverzeichnis wurden drei Dutzend Silberbecher, 30 Bestecke sowie Löffel aus Silber aufgelistet. Im Weiteren ein silberner Arm, ein goldener Arm mit Silberhand, ein silbernes Kruzifix, eine kleine Monstranz aus Perlmutter, ein Straussenei mit einem Kreuzlein daran, verschiedene Reliquiengefässe und weiteres mehr. Wo sich diese Kultgegenstände heute befinden, ist weitgehend unbekannt. Vermutet wird, dass ein Teil in der Stiftsbibliothek in St. Gallen gelandet ist. Einige dort inventarisierte Gegenstände sind unklarer Herkunft, sie könnten ursprünglich aus dem Wiler Hof stammen.