Schon die Anfahrt in Privatautos nach Libingen entführte in eine ganz eigene Welt. Vorbei an steilen Wiesen, sogenannten „Börtern“, ging die Fahrt von Bütschwil durch unzählige Kehren hinauf, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Beim Dorfanfang Libingen fielen sofort die wunderschön herausgeputzten, blumengeschmückten Häuser ins Auge. Die einundzwanzig mitgereisten Frauen freuten sich schon beim Aussteigen auf spannende Geschichten in der „Rösslischür“. Spaziergang zur Lourdes-Grotte
Doch weil die Frauen schon sehr früh in Libingen eintrafen, war es noch nicht ganz Zeit fürs Mittagessen. Deshalb wurde ein Besuch der nahen Grotte vorgeschlagen, 1887 vom damaligen Dorfpfarrer Johann Künzle, dem späteren Kräuterpfarrer, errichtet. Sie liegt in einer Senke, ein paar Minuten vom Dorfkern entfernt, neben einem plätschernden Bach und ist beliebt bei Hochzeiten, aber auch als Kraftort und Gottesdienstplatz. Die spirituelle Ausstrahlung dieses besonderen Ortes ist sehr gut zu spüren. Die gedeckte kleine Kapelle wurde grösstenteils in Fronarbeit von der Bevölkerung kürzlich sehr schön renoviert.

Auf dem Rückweg wurden am Wegrand bereits die ersten Herbstzeitlosen entdeckt, ein Zeichen, dass der Sommer sich langsam verabschiedet.

Berufung Hebamme
Dann war es endlich Zeit für den Gang ins Hebammenmuseum. Bereits ihre „Mutti“, wie Luzia Brands Mutter von jedermann genannt wurde, war eine begeisterte und begnadete Hebamme gewesen. Schon als kleines Mädchen gab es deshalb für die kleine Luzia Hollenstein keinen andern Berufswunsch als den der Hebamme. Und so war es kein Wunder, dass Klein-Luzia alle möglichen Listen ersann, um die Mutter auf ihren Gängen zu den werdenden Müttern begleiten zu können. Dabei kam ihr zugute, dass das Militärvelo mit dem Köfferchen so schwer war, dass Luzia stossen helfen musste, bis der Weg zu weit zurück für das kleine Mädchen war, um allein heimzugehen.

Vorwitziges Mädchen
Und natürlich war die kleine Luzia auch schon in jungen Jahren bestens über all die Vorgänge, die zu einer Geburt gehören, im Bild. Sie wusste schliesslich, wo Mutti das Hebammenbuch versteckt hatte und zog es heimlich immer wieder hervor. Das ging so weit, dass sie – noch nicht einmal zehnjährig – die Dorfkinder genau und fundiert aufklärte, was ihr allerdings eine strenge Ermahnung der Mutter eintrug. Doch auch das hielt das junge Mädchen nicht von seinem Berufswunsch ab. Unzählige Anekdoten aus Luzia Brands langjährigen und erfüllten Berufsleben liessen die Zuhörerinnen immer wieder auflachen.

Hebammenköfferli
Dieses braune Lederköfferchen übte schon ganz früh eine ganz besondere Faszination auf die kleine Luzia aus. Immer wieder räumte sie im Geheimen alle einzelnen Teile der Hebammenwerkzeuge ein und aus. Im Hebammenmuseum in der sehr schön ausgebauten Rösslischür können alle diese Instrumente nun bewundert werden. Man kann nur staunen, wie einfach diese waren. Elektronische Hilfsmittel gab es keine, sondern da zählte Erfahrung und Intuition zum Wohle der gebärenden Frauen. Besonders bestaunt wurde das Sterilisierungs-Ofelchen, eine Art metallenes kleines Bad mit dem nötigen Inhalt, sehr klug ausgedacht und mit Metatabletten beheizt – heute undenkbar, damals aber lebenswichtig.

Ständig längere Ausbildungsdauer
Wie in vielen Berufen hat sich auch im Hebammengewerbe vieles verändert. Hatte Mutti Hollenstein noch ein Jahr Ausbildung genossen, um danach als Hebamme tätig zu sein, waren es bei Tochter Luzia bereits zwei Jahre, die sie dafür brauchte. Und Tochter Gabriela Brand, bereits in dritter Generation tätig, ging drei Jahre in die Lehre, bis die Berufsausübung erlaubt war. Unterdessen studiert man an der ZHAW während vier Jahren und bekommt am Schluss ein Bachelor-Diplom. So ändern sich die Zeiten. Ironie der Geschichte: Noch heute fragen viele sehr gut ausgebildete Hebammen die lebenserfahrene, aber nicht derart lange „studierte“ Kollegin Luzia Brand um praktische Tipps an. Erfahrung ist eben noch fast wichtiger als das richtige „Papier“…

Sammlerin aus Leidenschaft
Luzia Brand hat alles gesammelt, was im Zusammenhang mit einer Geburt wichtig ist. Ihr Museum ist deshalb ein wichtiger Zeitzeuge einer vergangenen Zeit. An den Wänden hangen Bilder, die die verschiedenen „Geburtsmoden“ zeigen. Denn auch das Gebären ist dem Zeitgeist ausgeliefert. Wassergeburten, spezielle Geburtsstühle – vieles kam und ging auch wieder. Doch noch immer ist eine unterstützende Geburtshilfe für die werdende Mutter ein Segen. Das könnte kein noch so ausgeklügelter Roboter leisten, denn menschliche Zuwendung kann nicht an Maschinen delegiert werden.

Auch Ehemann Sepp vom Sammelvirus befallen
Vermutlich könnten die Brands gar nicht mehr in ihrem Haus wohnen, hätten sie all ihr Sammelgut noch in ihrem Wohnhaus aufbewahrt. Denn auch Gatte Josef „Sepp“ Brand hat ein grosses Hobby. Seit frühester Kindheit ist er an Schellen und Glocken interessiert. Man kann sich erst vorstellen, wie unendlich viele Ausführungen an klingenden Tierglocken es gibt, wenn man die schier unüberschaubare Anzahl im Museum schön aufgereiht sehen kann. Und auch Sepp Brand hat fast zu jedem noch so kleinen Glöcklein eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine Reise durch die Alpen, verbindet sich klanglich auch mit den unterschiedlichen Jodeltraditionen der Bauern in diesen Gebieten.

In Klangschmiede Alt St.Johann tätig
So verwundert es kaum, dass Sepp Brand seine grosse Erfahrung auch in der Klangschmiede Toggenburg in Alt St.Johann an Interessierte weitergibt. Im Ausstellungsraum in der Rösslischür liegt ein Modell einer halbfertigen Schelle. Es braucht viel handwerkliches Geschick, aber auch Wissen um die Eigenschaften des verwendeten Metalls, welches einen grossen Einfluss auf den Klang hat.

Spürbare Leidenschaft
Wer Josef Brand beim Erzählen zuhört, spürt das lodernde innere Feuer, welches noch immer zu spüren ist, auch nach so vielen Jahren und bald 1‘000 verschiedenen Glocken, die tiptop sortiert in der schönen Scheune aufgehängt sind. Er erzählt mit viel Liebe zum Detail, steckt mit seiner Freude an und lässt bestimmt seine Zuhörerschaft ein Geläute auf einer Weide ganz neu geniessen.

Genauso ist es bei Luzia Brand. Wenn sie von lustigen oder manchmal auch traurigen Erlebnissen aus ihrem langen Berufsleben erzählt, dann sprudelt es nur so aus ihr heraus. Ihr Lachen ist ansteckend, ihr grosses Wissen bereichernd, und ihren Ausführungen könnte man lange, lange zuhören. Da leben zwei Menschen zusammen, die zwar in ganz unterschiedlichen Welten zuhause sind, sich aber unbedingt gegenseitig unterstützen und mit ihrer Leidenschaft für die Nachwelt wahre Schätze zusammengetragen haben. Ein Besuch im Museum lohnt sich auf jeden Fall.

Kulinarisches
Der Frauenverein Uzwil verreist nie, ohne nicht auch etwas für den Gaumen zu organisieren. Dieser Ausflug war von Käthi Immoos aus dem Vorstand organisiert worden. Im Restaurant Rössli gab es diesmal ein gutbürgerliches Mittagessen, welches allen schmeckte. Das Dessert wurde hingegen auf die Zeit nach der zweistündigen Führung durch die zwei Ausstellungen in der Rösslischür verschoben. Wer dann jedoch draussen die feine Beerencrème geniessen wollte, wurde sofort von interessierten Wespen begrüsst.

Manche benutzten auch die Möglichkeit, eines der berühmten "Libiger Birnbrote" zu kaufen. Auf dem Heimweg gab es anschliessend genügend Zeit, um all die neuen Eindrücke zu diskutieren.


Weitere Artikel zum Thema können unter den folgenden Links nachgelesen werden

Frauenverein Uzwil

Rösslischür Libingen

Jedes Mal ein neues Wunder: Vortrag von Luzia Brand in Niederuzwil

Bericht über Luzia Brand auf Radio Musikwelle SRF

Tagblatt: Josef Brand und seine Schellen und Glocken

Josef Brand in der Klangschmiede Alt St.Johann

Buch: Ein Leben lang unterwegs zum Leben