hallowil.ch: Herr Keller, alle zwei Jahre führt die Bühne Thurtal im Sommer ein Freilichtspiel durch. Nun ist bekannt, dass Ihre Theaterproduktionsgruppe im Sommer 2020 im Kloster Fischingen spielen wird. Warum gerade diese Location?

Simon Keller: Wir haben ziemlich früh bestimmt, dass wir ein Stück produzieren möchten, dass die Geschichte von Reformator Zwingli erzählt. Es war sogar im aktuellen Jahr, weil heuer das Reformationsjubiläum stattfand, geplant. Somit haben wir nach einem Ort gesucht, dass das Thema aufgreift und somit das Stück umrahmt. Und welcher Ort würde da besser passen als das Kloster Fischingen? Für mich ist es zwingend, dass ein Theaterstück zur Location passt. Auch das Kloster war an einer Zusammenarbeit interessiert. Ich persönlich war von dieser Location begeistert, weil wir dort sehr viel Platz für unser Stück haben. Und somit war klar, dass wir das Zwingli-Stück als Freilichtspiel aufführen werden.

hallowil.ch: Das neue Freilichtspiel der Bühne Thurtal heisst «Zwinglis Frau» – was muss man über das Stück wissen?

Dieses Jahr ist die Geschichte über Zwingli eben auf grosses Interesse gestossen und überall wurde sie erzählt. Wir haben deshalb entschieden, dass wir ein Jahr später seine Geschichte mit dem Fokus auf seine Ehefrau Anna Reinhart erzählen möchten. Mit «Zwinglis Frau» wollen wir zeigen, wie diese Beziehung und sie als Paar funktionierten – zu dieser Zeit war es ja heikles Thema, wenn ein Priester eine Ehepartnerin hatte. Das muss eine grosse und starke Liebesbeziehung gewesen sein, damit die beiden das überhaupt zusammen durchstehen konnten. Teil des Stück wird aber auch der ganze politische und religiöse Hintergrund aus diesem Zeitalter sein.

hallowil.ch: Wie weit sind Sie mit den Vorbereitungen aktuell?

Die Schreibarbeiten habe ich erst gestern beendet. Dieses Freilichtspiel war jetzt eineinhalb Jahre in Bearbeitung. Die Schauspieler setzen sich bereits auch mit ihren Rollen auseinander – hierfür nehmen sie an einem Workshop teil, damit sie erfahren, welche Figur sie überhaupt in diesem Stück spielen. Im Frühling möchten wir dann mit den Proben beginnen.

hallowil.ch: Zum Programm im neuen Jahr gehören zwei weitere Produktionen – die Dinnerkomödie «Verdammte Baustellen» und das Kindermärchen «Eine Woche voller Samstage». Warum haben Sie sich für diese Stücke entschieden?

Mein Anspruch ist, dass wir über das ganze Jahr ganz unterschiedliche Stücke aufführen. Im Sommer haben wir eben dieses historische Stück über Zwingli. Im Frühling möchten wir ein frisches und vor allem freches Theater zeigen, das auch ein bisschen provozieren soll. Bei «Verdammte Baustellen» greifen wir ein sehr aktuelles Thema auf: nämlich die gesellschaftlichen Rollenbilder von Frau und Mann. Auch bei diesem Stücken setzen wir einen etwas anderen Fokus. Denn wir stellen die Männer in den Mittelpunkt und erzählen beispielsweise die «Me too»-Bewegung aus ihrer Sicht. Im Winter möchten wir der Region eine Märchen-Bühne schenken.

hallowil.ch: Warum ausgerechnet ein Kindermärchen?

Als Schauspieler habe ich früher in unzähligen Märchen gespielt – was ich übrigens auch sehr gerne gemacht habe. Die Entscheidung ist dann auf «Eine Woche voller Samstage» gefallen, weil das unter anderem mein Lieblingsmärchen ist. Märchen auf der Theaterbühne sind etwas Besonderes: Auf der Bühne habe ich immer mitbekommen, was für ein schönes Erlebnis ein Theaterbesuch für Kinder ist. Und deshalb möchten wir nun jeden Winter auch ein Märchen aufführen …

hallowil.ch: … weil Sie damit auch ein breites Publikum erreichen möchten?

Genau. Natürlich sind die einzelnen Stücke so unterschiedlich, dass sie eben verschiedene Zielgruppen ansprechen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die verschiedenen Zuschauergruppen sich alle Stücke anschauen können.

hallowil.ch: Seit diesen Frühling sind Sie Künstlerische Leiter der Bühne Thurtal – welches Fazit ziehen Sie nach rund sieben Monaten?

Schwierige Frage (lacht). Für mich persönlich war es bisher eine aufregende Zeit. Denn ich habe erfahren, was es bedeutet eine Gruppe von leidenschaftlichen Theatermenschen führen zu dürfen. Es ist eine unglaubliche Motivation mit so vielen tollen und talentierten Künstlern zusammenarbeiten zu können. In den letzten Monaten habe ich auch gemerkt, dass sich die Menschen in der Region freuen, dass etwas Neues auf die Beine gestellt wird. Die Erwartung und Spannung habe ich in letzter Zeit sehr oft gespürt.

hallowil.ch: Mit ihrem Amtsantritt haben ein Generationenwechsel – Sie sind gerade mal 25 Jahre alt – und Umstrukturierungen stattgefunden. Was möchten Sie besser machen?

Ich würde nicht von einer besseren oder schlechteren Führung reden – das muss man überhaupt nicht gegen einander abwägen. Denn das was ich mit der Bühne Thurtal mache, ist nicht explizit besser. Es ist in erster Linie anders. Ich bringe vielleicht etwas frischen Wind in die Bühne Thurtal.

hallowil.ch: Am 10. Dezember haben Sie für die Finanzierung des Bühnenbilds und der Kostüme für das Freilichtspiel «Zwinglis Frau» ein Crowdfunding lanciert. Warum das?

Das gehört zum neuen Konzept. Es war eine Idee, die in unserem Team entstanden ist. Denn wir starten nun quasi von Null. Wir haben somit keine Mittel für das Stück – müssen aber jetzt schon gewisses Material für die Ausstattung finanzieren. Deshalb möchten wir es mit dem Crowdfunding probieren, das noch bis zum 2. Februar 2020 läuft und dessen Ziel darin besteht, mindestens 20 000 Franken für die Ausstattung zu «Zwinglis Frau» zu sammeln. Spender finanzieren damit nicht nur die Produktion, nein, auf die diese Weise unterstützen sie die junge Künstler, die grösstenteils aus der Ostschweiz stammen. Damit wird auch die kulturelle Vielfalt in der Region Wil sowie St. Gallen gefördert.

hallowil.ch: Aktuell sind 14 Prozent des 20 000 Franken teuren Projekts finanziert. Was denken Sie, wie lange werden Sie brauchen, um das Geld zu sammeln?

Gute Frage. Aber ich kann es Ihnen nicht sagen, weil ich es nicht einschätzen kann. Wir sind auf jeden Fall gespannt wie viel in den nächsten zwei Monaten zusammenkommen wird.

hallowil.ch: Was passiert mit Ihrem geplanten Freilichtspiel, wenn die Gesamtsumme von 20 000 Franken nicht zusammenkommt?

Dann müssen wir uns einen Plan B überlegen. Das Stück ist aufwendig und wir brauchen finanzielle Mittel, um das Bühnenbild realisieren zu können. Hinzukommen eben die Requisiten, Kostüme für 80 Personen und unzählige Masken.

hallowil.ch: Welche Ziele haben Sie sich für das neue Jahr gesetzt?

Natürlich ausgezeichnete Produktionen realisieren, die viele Menschen in der Region ansprechen werden. Ich wünsche mir, dass unsere Zuschauer nach einem Theaterabend nach Hause gehen und eine wundervolle Produktion in Erinnerung haben. Das steht an oberster Stelle. 

Das Crowdfunding ist unter www.lokalhelden.ch zu finden.