Unweit von Wil wurde mitten im Advent, am 12.Dezember 1226, eine heimtückische Bluttat verübt. Um sie zu sühnen, wurde wahrscheinlich die Kirche Maria Dreibrunnen gestiftet. Die beschauliche Anlage ist seit Jahrhunderten eine Wallfahrtsstätte. Öfters diente sie auch als Filmkulisse. Diese Vorstellung jagt jeden Bräutigam den eiskalten Angstschweiss auf die Stirn: vor versammelter Hochzeitgesellschaft verhaftet zu werden. Genau diese Ungeheuerlichkeit passiert dem Hauptdarsteller im Film „Achtung fertig, Charlie!“ Die Requisiten-Handschellen klickten nicht irgendwo. Genau vor dem Traualter in der Kirche Dreibrunnen ging der Drückeberger der Filmpolizei ins Netz. Sein Vergehen: er war nicht fristgerecht in die Rekrutenschule eingerückt. Im Jahr 2003 kam die erfolgreiche Komödie in die Kinos. Mit von der Partie waren bekannte Darsteller wie Melanie Winiger, Marco Rima und Mike Müller.

Zwei Elefanten und ein Hubschrauber
Sechs Jahre später erreichte Dreibrunnen erneut nationale Aufmerksamkeit. Die Szenerie auf dem Filmset war noch grotesker als bei der Militärkomödie. Vor dem Gotteshaus standen zwei ausgewachsene Elefanten, einer warf mit seinem Rüssel kameragerecht einen Rosenstrauss in ein offenes Grab. Unweit davon parkte ein pechschwarzer Oldtimer-Leichenwagen und ein Hubschrauber der Rega landete auf der Wiese. Gedreht wurde Spot, der im Schweizer Fernsehen für die Berücksichtigung von Hilfswerken im Testament warb.

Optimaler Lichteinfall
Nicht nur nationale Produktionsfirmen, auch ein Regisseur aus der Region schätzt die Wallfahrtskirche als Kulisse. Franco Diomaiuta, Inhaber der Wiler Firma onlineproductions, wählte sie als Drehort für einen witzigen Werbespot für ein Möbelhaus.

Er schätzt an ihr die günstige Lage für den Transport der Statisten und des Filmmaterials. „Sie bietet gute Zufahrtsmöglichkeiten, da sie nicht mitten in einer Stadt liegt.“ Vor allem aber hebt der erfahrene Werbefachmann die Lichtverhältnisse hervor: “Durch ihre Position strömt von beiden Seiten viel Tageslicht durch die Seitenfenster, dies sorgt für besonders schöne Bilder.“ Und auch die reiche künstlerische Innenausstattung überzeugte ihn bei der Wahl.

Ort der Besinnung
Abgesehen vom regen Anreiseverkehr zu den Gottesdiensten sowie zu den Hochzeiten und den Taufen verbreitet die Anlage eine beschauliche Stimmung. Jede Jahreszeit und jede Wetterstimmung wäre eine Inspirationsquelle für Kunstmalerinnen und – maler. Speziell im Frühjahr ist die üppige Blütenpracht an den Obstbäumen in der Umgebung eine Augenweide.

Während den wärmeren Monaten mischt sich regelmässig der hell klingende Stundenschlag ins Bimmeln der Kuhglocken auf den Weiden. Diese Gleichförmigkeit unterstreicht den Eindruck, dass der Kirche etwas Zeitloses anhaftet. Sie wirkt wie ein Ruhepol und eine Oase in den wechselhaften Strömungen des Zeitgeistes.

Baudenkmal unter Bundesschutz
Im Jahr 1938 hat die katholische Kirchgemeinde Wil die Anlage käuflich erworben. Zuvor waren die Besitzverhältnisse wechselnd. Seit einer Aussen- und Innenrenovation 1964 steht das Gebäude unter Bundesschutz. Wenn die Sonne den mit Goldauflagen üppig verzierten Altarraum aufleuchten lässt, braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Generationen von Gläubigen diese spirituelle Stätte als einen nahezu mystisch wirkenden Ort zur seelischen Stärkung erlebt haben, und noch immer erleben.

Heimtückischer Brudermord
Legenden ranken sich um die Ursprünge des Gotteshauses. Urkundlich erwähnt wurde es erstmals um 1275. Anlass für ihren Bau dürfte ein Auftragsmord gewesen sein: Diethelm II. aus dem Hause Toggenburg liess am 12. Dezember 1226 seinen Bruder Friedrich I. beseitigen. Dieser lebte auf der Burg Rengetschwil, die rund vier Kilometer von Dreibrunnen entfernt stand. Sein Mörder lauerte ihm laut Legende auf seinem Weg nach Wil auf. Die Gründung der Kirche in Dreibrunnen ist wahrscheinlich ein Akt der Sühne.

Feuchtzone
Der Name Dreibrunnen geht auf Quellen zurück, die in jener Region entspringen. Ursprünglich war das Gebiet sehr wald- und wasserreich. Zwischen 1937 und 1940 wurde es drainiert. Zuvor dürfte die ehemalige Feuchtregion zum Torfabbau genutzt worden sein.

Babys aus dem Weiher?
Um Wasser im Allgemeinen ranken sich verschiedene Legenden. Dr. Kurt Derungs bringt sie in seinem Buch „Mythologische Landschaft Schweiz“ (edition amalia) ausdrücklich auch mit Dreibrunnen in Verbindung. Der Ethnologe berichtet von im Mittelland verbreiteten Mythen über die Herkunft der Babys.

Angeblich lebten sie vor ihrer Geburt in Schluchten, Tobel, Sodbrunnen und in anderen Gewässern. Mancherorts kennt man bis heute die Bezeichnung „Chindlibrunnen“. Im Wasser hausten gemäss heidnischem Volksglauben launische Geister, die sich bisweilen in Frauengestalt als Nymphen zeigten und die Ungeborenen bewachten. Ein sehr bekanntes Nymphen-Beispiel ist die Loreley.

Germanische Muttergöttin
Im Weiteren sind bei den Feensagen auch kultische Einflüsse der Göttin Holda, Holla oder Holle zu erkennen, die auch im Märchen von Frau Holle ihren Niederschlag gefunden hat. Ihr Name variiert je nach Region. Gemäss der germanischen Mythologie sorgt sie für den täglichen Abstieg der Sonne in den sogenannten Weltenbrunnen.

Von der Göttin zur Gottesmutter
Im Laufe der Zeit wandelten sich die Mythen der weiblichen Wesen als Hüterinnen der ungeborenen Kinder zur Gottesmutter Maria als spirituelle Beschützerinnen der Frauen mit Schwierigkeiten während der Schwangerschaft und der Geburt. Die allmähliche Verschiebung von Eigenschaften von heidnischen Gottheiten auf christliche Heilige ist in der Volksfrömmigkeit kein ungewöhnlicher Vorgang. An der äusseren Stirnseite des Kirchenbaus in Dreibrunnen prangt das Bild einer gekrönten Madonna mit dem Jesuskind, datiert von 1742.

Geschwister erblickt
Der Wiler Chronist Carl Georg Jakob Sailer (1817-1870) erwähnt in seiner 1864 erstmals erschienen Chronik zwei Teiche in Dreibrunnen, die ein Geheimnis bargen. “Waren sie doch nicht bloss die Behälter der Fische, sondern das heilige Gefäss, in dem die Mutter Gottes die noch nicht zum Leben gekommenen Kinder bewacht und bewahrte und den eifrig flehenden Müttern hie und da verabfolgte. Mancher Knabe wollte bei hellem Wasserstande die klaren blauen Aeuglein eines künftigen Brüderchens oder Schwesterchens ganz deutlich aus dem Grunde heraufblitzen gesehen haben.“

Marienverehrung hält an
Sailer beklagte, jene wundersame Gegend sei um des Geldes willen dem Torfabbau geopfert und die umgebenden Buchenhaine gerodet wurden. „Die Teiche und ihre Mythe sind verschwunden, eine furchtbare Nüchternheit ist an ihre Stelle getreten; aus ihrem Grunde strecken keine Kindchen mehr ihre Aermchen dem Licht sehnsuchtsvoll entgegen.“ Doch Sailer verfällt nicht in bittere Resignation: “Nur der Glaube an die Wundertätigkeit des dortigen Muttergottesbildes ist noch beim Landvolke geblieben und zieht wenigstens noch diese Scharen an schönen Sonntagen zu der sonst gefeierten Stätte.“

Wilde Ritter störten die Andacht
Um 1508 ist ein Haus für Schwestern in Maria Dreibrunnen urkundliche erwähnt. Heute ist wenig konkretes darüber bekannt. Möglicherweise war damit eine einzelne sogenannte Inkluse gemeint. Eine Sage deutet darauf hin. Sie berichtet von einer Mathilde von Bronschhofen, die ein asketisches, dem Gebet geweihtes Leben führte. Sie litt dabei unter dem Lärm von wilden Gelagen, die gemäss Sage häufig auf der Burg Rächberg gefeiert wurden. Dieses Bollwerk soll einst auf einer Anhöhe oberhalb des Rebbergs von Bronschhofen gestanden haben, an jener Stelle, die heute als Burgstall bezeichnet wird. In moderner Sprache ist dies ein Burgenplatz.

Inklusen, Frauen und Männer die sich in eine einem Gotteshaus angegliederte Klause einmauern liessen, waren im Mittelalter keine Seltenheit. In ihrem kargen Alltag strebten sie nach gottgefälliger Vollkommenheit. Ihr einzige Verbindung mit der Aussenwelt waren zwei kleine Fenster. Das eine gewährte den Blick auf den Altar, damit die Eingeschlossenen der Heiligen Messe folgen und die Kommunion empfangen konnten. Durch die zweite Öffnung wurden sie mit Nahrung, Licht und Luft versorgt. Zum Teil waren die Klausen unbeheizt.