Als Gegenreaktion auf die Industrialisierung im 19.Jahrhundert entstand eine Bewegung, die eine gesunde Lebensweise propagierte. Dabei wurde auch Wassersport zur Stärkung von Körper und Gemüt empfohlen. «Baden und Schwimmen wurden von verschiedenen Seiten gefördert; von Medizin und Gesundheitsvorsorge ebenso wie von der Sportbewegung und der Tourismusindustrie», schreibt die Historikerin Monika Burri in einem Aufsatz zur Geschichte des Badens.

Badelust kontrollieren

Öfters stiegen damals Menschen an beliebigen Orten hüllenlos in die Flüsse, Weiher und Seen. Die Behörden reagierten darauf mit dem Bau von Strandbädern, um so das «Ärgernis des Nackt- und Wildbadens einzudämmen», schreibt Burri. «Mit verschärften Badevorschriften, Polizeipatrouillen und dem Bau von Badeanlagen sollte die ausufernde Badelust in kontrollierte Bahnen gelenkt werden.»


Kein Körperkult

Laut Burri war eine der umstrittensten Forderungen der Strandbadbewegung die Einrichtung von gemischtgeschlechtlichen Familienbädern. Es entwickelte sich vor allem aus kirchlichen Kreisen eine vehemente Gegnerschaft. «Die Körperkultur dürfe nicht zum «Körperkult» werden, hiess es in Flugblättern kirchennaher Organisation, sonst sei die Moral und die Schamhaftigkeit der Jugend schon im Aufkeimen bedroht», hält Historikerin Burri fest.

Gefahr für die Wiler Jugend

Auch in der hallowil-Region frönten damals einige Personen an der Thur der hüllenlosen Körperkultur. Dies führte zu Klagen beim Wiler Gemeinderat. Einige Bürger forderten ihn 1925 zum Bau einer Badeanlage auf, schreiben Verena Rothenbühler und Oliver Schneider. Die beiden Historiker sind Autoren der neuen Wiler Chronik, die 2020 erschienen ist. Sie berufe sich dabei auf einen Artikel in der damals bestehenden Zeitung «Wiler Bote». Die Badi-Befürworter begründeten ihr Begehren durch die sittlichen Gefahren für die Jugendlichen durch das Wildbaden.

Erster Verwaltungsrat

In der Folge nahm die neue Badeanstalt bei der Reitwiese am 8. August 1931 ihren offiziellen Betrieb auf. Der erste Verwaltungsrat setzt sich aus Mitgliedern des Gemeinderates, des Schulrats, Vorstandsvertreten des Verkehrs- und Verschönerungsvereins, dem späteren Verein Wil Tourismus, sowie zwei Lehrpersonen zusammen.

Schutz vor frivolen Blicken

An zwei Nachmittagen in der Woche sollten gemäss dem Verwaltungsrat Frauen und Männer in der Badi Weierwise im Rahmen eines «Familienbades» das Schwimmbecken benützen können. Dieser Plan gefiel nicht allen. Mit einer Zweidrittelmehrheit lehnte der Gemeinderat diese Mischung der Geschlechter ab.

Wem es mit einer richtigen christlichen Erziehung Ernst sei, könne nicht für ein gemischtes Baden sein, argumentierte einer der Gemeinderäte. Ein Amtskollege hielt dagegen, dass so ein Familienbad verhindere, dass sich Familien an der Thur weiter lüsternen Blicken aussetzen müssten.

Oberster Richterspruch

Die Kontroverse ging via den St. Galler Regierungsrat bis vor Bundesgericht. Dieses entschied im Sinne der Mehrheit des Wiler Gemeinderats, die das gemeinsame Baden untersagen wollte.

Um frivole Einblick zu vermeiden, war die ganze Badeanlage Weierwise von einem blickdichten hohen Bretterzaum umgeben. Der Bademeister musste immer wieder Astlöcher zukitten, damit keine unzüchtigen Perspektiven möglich waren.

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Beim sogenannten «Badisturm» im Sommer 1967 verschafften sich Frauen zur Unzeit Zugang zum Freibad. (Foto: wilnet) 


Gut zu wissen:

Der 23. Juli 1967 gilt in der Geschichte Wils als legendär, es ist das Datum des sogenannten «Badisturms». Damals war der Badebetrieb in der Oberen Weierwise noch immer streng nach Geschlechtern getrennt. An einem besonders heissen Sommertag waren einige Frauen des Wartens müde. Vor dem Zeitpunkt ihres Einlasses überstiegen sie kurzerhand den Zaun und verschafften sich Zugang zum Bad. Sie mischten sich unter die verdutzten Männer und Knaben, schreiben Verena Rothenbühler und Oliver Schneider. 

Der Wiler «Badistrums» war gemäss den beiden Historikern «Ausdruck einer gesellschaftlichen Aufbruchstimmung, die seit den 1960er-Jahren in ganz Westeuropa spürbar war.» Diese spektakuläre Okkupation des Freibades sorgte für kontroverse Leserbriefe sowie für einen Bericht im «Blick».

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Nach dem zweiten Weltkrieg wohnten immer mehr Menschen im Südquartier. Ein zweites Freibad wurde in Wil erforderlich. 1961 stimmten die Wiler einer Spiel- und Sportanlage im Bergholz zu. Frauen waren damals noch nicht stimmberechtigt. (Foto: wilnet)   


Veränderung im Zeitgeist

Am Folgetag sollen die Männer ihrerseits die Badi gestürmt haben, als sie offiziell für die Frauen reserviert waren. Damit war die Badi Obere Weierwise endgültig in der modernen Zeit angekommen. Zu bedenken gilt, dass Frauen erst vier Jahre später in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht zugesprochen erhielten.

Ihre Erstürmung des Freibades kann auch als Akt der Emanzipation gewertet werden. Gemäss Rothenbühler und Schneider war damals ein allgemeiner Wertewandel im Gange. Die Nachkriegsgeneration hatte eine veränderte Wertehaltung als ihre Elterngeneration, sie legte Wert auf individuelle Lebensgestaltung.