Der Angeklagte, der sich seit dem Oktober 2019 im vorzeitigen Strafvollzug befindet, brachte in den letzten Jahren wenig bis nichts geschäftlich auf die Reihe: Die Bar, die er gepachtet hatte und erwerben sollte, damit er einer Ausweisung entgehen konnte – die L-Bewilligung des in der Schweiz Geborenen lief aus – lief schlecht, so dass er die ausstehenden geschäftlichen und privaten (Miet-)Schulden oft erst verspätet zahlen konnte. Dieser immer drängender werdenden Situation versuchte er Herr zu werden, indem er im Spielcasino regelmässig die Tageseinnahmen setzte – in der vergeblichen Hoffnung, mit mehr Geld herauszukommen als er hineingegangen war. In dieser Notlage – fehlendes Geld und unmittelbar bevorstehende Ausweisung – sah er keine andere Möglichkeit mehr, um das Blatt zu seinen Gunsten zu wenden, als die Raiffeisenbanken in Oberuzwil (am 10. Dezember 2018; 11 500 Franken Beute) und in Schwarzenbach (am 2. Juli 2019; 13 750 Franken Beute) zu überfallen.

«Keine Aufenthaltsbewilligung mehr bekommen»

Vom Richter befragt, wie er denn auf diese «verrückte Idee» gekommen sei, erwiderte der Beschuldigte: «Ich sagte mir, dass ich das Geld zusammenkriegen muss, um in der Schweiz bleiben zu können.» Heute wisse er, dass er einen Riesenfehler begangen habe, bereue die Tat und verbüsse nun seine Haftstrafe. Er machte deutlich, dass er die Haft zwar akzeptiere, zugleich aber Angst vor dem drohenden Landesverweis – die Anklage forderte 45 Monate Haft und sieben Jahre Landesverweis – habe. «Das würde mich viel härter als die Haft treffen, da ich hier meinen Lebensmittelpunkt habe.» Doch in diesem Punkt kannte der Richter kein Pardon. Denn bei einer Verurteilung wegen Raubes sei der Landesverweis obligatorisch, erläuterte er in der Urteilsbegründung. Und noch mehr: «Sie haben keine Aufenthaltsbewilligung mehr und werden in Zukunft auch keine mehr bekommen. Uns ist es schon bewusst, dass Sie ihr ganzes Leben in der Schweiz verbracht haben, aber die Situation ist nun einmal so, dass wir den Landesverweis aussprechen müssen», so der Richter.

Nicht Spielsucht dominierte, sondern Geschäftsinteresse

Auch dass der Angeklagte beim Raub eher dilettantisch vorging und mit der halbverdeckten Spielzeugpistole die Bankangestellten nicht wirklich bedrohte, sei genauso wie die Spielsucht des Angeklagten kein Grund, um auf den Landesverweis zu verzichten. Denn «zum einen planten Sie zumindest den zweiten Überfall bewusst und zum anderen brauchten Sie ja das Geld nicht, um ihrer Spielsucht nachzugehen, sondern Sie wollten damit das Geschäft erwerben, um in der Schweiz bleiben zu können», argumentierte der Richter. Der Verteidiger hatte zuvor geltend gemacht, dass der Beschuldigte spielsüchtig gewesen sei und deswegen zur Tatzeit nur vermindert zurechnungsfähig gewesen sei. Dies hatte aber der Beschuldigte selbst in Abrede gestellt: «Ich habe probiert am Spielautomaten genug Geld zu gewinnen, um die Firma, wo ich gearbeitet habe, übernehmen zu können.»

Dass das Urteil bei der Haft um fünf Monate und beim Landesverweis zwei Jahre unter der von der Anklage geforderten Strafmass blieb, war einen der gegenüber den Bankangestellten gezeigten Reue geschuldet. Hingegen gab es für das abgelegte Geständnis keinen Haft-Rabatt, da seine Schuld zu diesem Zeitpunkt schon festgestanden habe.

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Vorschau: Zweifacher Bankräuber steht heute vor Gericht (06.05.): 

Zwei Banken soll der 53-jährige Italiener im Zeitraum eines halben Jahres überfallen und ausgeraubt haben. Der erste Überfall soll sich am 10. Dezember 2018, kurz vor 16.45 Uhr, ereignet haben. Der beschuldigte Mann betrat laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft den Schalter der Raiffeisenbank in Oberuzwil und verlangte «mit einer dunklen Spielzeugpistole, die einer Faustfeuwerwaffe ähnlich sah,» von einem Bankangestellten Bargeld herauszugeben. Dabei soll der Beschuldigte den Angestellten ermahnt haben, keine Polizei zu rufen oder einen Alarm auszulösen. Aus Angst händigte ihm der Angestellte 11 500 Franken aus dem automatischen Kassentresor der Notgeldlieferung aus. Danach soll der Beschuldigte das Geld an sich genommen und die Bank verlassen haben. «Der Beschuldigte handelte wissentlich und willentlich sowie in Aneignungs- und Bereicherungsabsicht», heisst es in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft.

Am 2. Juli 2019, um etwa 14.40 Uhr – rund ein halbes Jahr später – soll der gleiche Beschuldigte die Raiffeisenbank-Filiale an der Wilerstrasse in Schwarzenbach überfallen haben. Auch dort forderte er Bargeld von einem Bankangestellten. Und auch in dieser Bankfiliale nutze der Mann eine Waffenattrappe, die einer Faustfeuerwaffe täuschend ähnlich sah. Das alles um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen. In der anderen Hand soll der Beschuldigte einen gefalteten Zettel, auf dem er vor dem Überfall handschriftlich «Cash, no alarm» geschrieben hatte, auf den Tresen gelegt haben. Während des ganzen Überfalls hat der Beschuldigte laut Staatsanwaltschaft in gebrochenem Englisch gesprochen. «I don't want to kill you», soll der Beschuldigte gesagt haben. Daraufhin händigte der betroffene Angestellte ihm 13 750 Franken aus. Mit dem ganzen im Plastiksack verstauten Notengeld konnte der Mann vorerst flüchten. 

Verhaftung nach acht Tagen

Acht Tage nach dem zweiten Überfall konnte der Beschuldigte am 10. Juli 2019 im Kanton Thurgau verhaftet werden. Denn auf die Öffentlichkeitsfahndung mit dem Täterbild der Kantonspolizei hin waren mehrere Hinweise auf den Täter eingegangen. Nach der Verhaftung befand sich der Beschuldigte 84 Tage in Untersuchungshaft. Seit dem 2. Oktober befindet er sich im vorzeitigen Strafvollzug.

Das fordert die Staatsanwaltschaft

Heute Mittwoch muss sich der Angeklagte vor dem Kreisgericht Wil in Flawil verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten sowie einen Landesverweis von sieben Jahren. Bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

hallowil.ch wird heute Mittwoch an dieser Stelle über die Verhandlung am Kreisgericht berichten.