Es ist sechs Uhr morgens. Er atmet tief durch, bevor er an der Haustüre klingelt. Als die Tür aufgeht, sagt er freundlich «Guten Morgen». Stellt sich und seinen Kollegen, der ihn begleitet persönlich vor. Dann hält er dem Hausbesitzer ein Papier entgegen. «Das ist ein Hausdurchsuchungsbefehl», erklärt er weiter. Die Staatsanwaltschaft ermittle in einer Strafanzeige. Es bestehe der Verdacht, dass in diesem Fall zu Unrecht ein Covid-Kredit beantragt wurde. «Wir müssen ihr Haus nach Beweismitteln durchsuchen und sicherstellen», führt der Ermittler weiter aus. Der Hausbesitzer schaut ihn überrascht an. Sagt aber kein Wort. Wehrt sich auch nicht gegen die Hausdurchsuchung. Er geht sogar einen Schritt zurück, damit die beiden Ermittler eintreten können. Das tut er, weil er wahrscheinlich genau weiss, was er gemacht hat. Aber es ist ihm unangenehm. Nun laufen die beiden Herren von der Kantonspolizei von zu Zimmer zu Zimmer. Sie stellen Papierunterlagen, einen PC, Vermögenswerte und Briefe sicher.

Seit dem Jahr 2003 ist Beat Gisler Wirtschaftermittler bei der Kantonspolizei Thurgau. Mittlerweile leitet er die Abteilung. Er sitzt am langen Holztisch im Essbereich seines Einfamilienhauses in Bronschhofen während er diese Szene aus seinem beruflichen Alltag beschreibt. «Ich war ein Quereinsteiger», erzählt der 55-Jährige weiter. Auf diese Stelle sei er über ein Zeitungsinserat aufmerksam geworden. Quereinsteiger, weil er eigentlich eine kaufmännische Lehre abgeschlossen hatte und sich danach im Treuhand und Wirtschaftsprüfungsbereich weitergebildet hatte. Aber zu diesem Lebensabschnitt wird er später kommen. Die Staatsanwaltschaft beauftrage ihn mit Ermittlungsverfahren. Als Wirtschaftsermittler müsse er eben Beweise sammeln, Befragungen durchführen, die Sachlage verständlich schildern, sodass die Staatsanwaltschaft schlussendlich ein Urteil darüber fällen kann. «Ich bin als Polizist vereidigt worden und bin während meines Dienstes bewaffnet», erzählt Gisler. Eine vollumfängliche Ausbildung an der Polizeischule habe er nicht absolvieren müssen, sondern spezifische Fächer. «Wir müssen schliesslich eigenständig Hausdurchsuchungen machen», schildert er, «und wir wissen nicht, wie die betroffenen Leute auf unser Erscheinen reagieren. Wer Gisler etwas länger und genauer zuhört, merkt, dass er vor allem in der «Wir»-Form redet. Ein Teamplayer also? «Ja, ich arbeite gerne mit meinen Kollegen zusammen», geht er auf die Frage seiner Gesprächspartnerin ein, «ich würde von mir auch behaupten, dass ich gut führen kann.» Er sei ein umgänglicher und kommunikativer Typ. In seinem beruflichen Alltag nütze ihm dies nicht immer. «Die Menschen, die wir befragen und bei denen wir ermitteln, sind nicht gerade gut auf uns zu sprechen», so Gisler. Schliesslich seien dies meistens Zwangsmassnahmen. «Irgendwie verständlich. Ich hätte auch keine Freude, wenn jemand mein Haus und in meinen persönlichen Sachen wühlen würde.» 

Zu seinem grössten Fall, den Gisler bisher ermitteln und aufdecken musste, war der sogenannte «Flow Tex»-Fall. «Im Jahr 2000 ist in Deutschland der 'Flow Tex'-Betrugsfall aufgeflogen», erzählt Gisler «Das Unternehmen hatte für Milliarden D-Mark Horizontalbohrsysteme 'verkauft', von denen die meisten nur auf dem Papier existierten.» Es sei einer der grössten Wirtschaftsbetrugsfälle in Deutschland gewesen. Das Unternehmen habe 3000 Maschinen von Banken finanzieren lassen – in Wahrheit habe es nur 300 Maschinen gegeben. In Deutschland sei der Geschäftsführer zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Und weil auch Geld in die Schweiz geflossen sei, habe die Thurgauer Staatsanwaltschaft im Jahr 2009 ein Strafverfahren gegen die Ex-Frau des Geschäftsführers, ihren Rechtsanwalt, den Geschäftsführer selbst sowie ihre beiden Kinder wegen Geldwäscherei, Veruntreuung oder Betrug sowie Urkundenfälschung eröffnet. «Der Fall beschäftigte mich als zuständiger Ermittler über Jahre und war bis anhin der grösste Wirtschaftsfall im Kanton Thurgau - da ist Ausdauer gefragt», erzählt Gisler.

 
(Video Mykhailo Zinchenko)

Sein Weg von Altdorf nach Bronschhofen

Gisler steht auf und geht in die Küche, die sich gleich beim Esszimmer befindet. Er bietet einen Kaffee an. «Das erste was ich nach dem Aufstehen am Morgen mache», sagt er, «ist ein Kaffee.» Den brauche er, um in die Gänge zu kommen. Aber er sei kein extremer Kaffeetrinker. «Höchstens drei Tassen am Tag – und nicht mehr zu spät am Abend.» Gleich in der Nähe der Kaffeemaschine befindet sich eine Getreidemühle aus Holz. «Die kommt ursprünglich aus meinem Heimatkanton Uri», erzählt er. Eigentlich ist das kaum zu überhören. Denn der 55-Jährige hat diesen typischen Innerschweizer Dialekt. Geboren ist er nämlich in Altdorf, die ersten fünf Lebensjahre in Bürglen im Nordosten des Kantons Uri aufgewachsen. «Danach ist meine Familie wieder nach Altdorf gezogen, wo ich zur Schule gegangen bin und in einer Baufirma meine kaufmännische Lehre abgeschlossen habe.» Seine Eltern und seine beiden jüngeren Brüder haben die Heimat bis heute nicht verlassen. «Mein Vater hat sein ganzes Leben bei Dätwyler, dem international tätigen Industriekonzern mit Sitz in Altdorf, als Kautschuktechnologe gearbeitet», erzählt Gisler. Kautschuktechnologe? «Ja, ein Beruf, den man so nicht mehr erlernen kann», weiss Gisler. Mittlerweile sei sein Vater 80 Jahre alt und noch immer springe er stundenweise ein, wenn sein alter Arbeitgeber sein Knowhow benötige.

Seit 20 Jahren ist Bronschhofen nun seine Heimat. Hier hat er seine Ehefrau Nicole Blumer geheiratet. Hier sind zwei seiner drei Kinder zur Welt gekommen und aufgewachsen. «Es ist nicht nur der richtige Zeitpunkt», erklärt Gisler, «es fühlt sich auch richtig an.» Zwei seiner Kinder seien erwachsen, die Jüngste beginne in einem Jahr die Lehre, und nun habe er wieder vermehrt Zeit, um «ein solches herausforderndes und verantwortungsvolles Amt» wahrnehmen zu können. «Warum ich für den Wiler Stadtrat kandidiere?», wiederholt Gisler die Frage. Er habe nun einmal nichts zu verlieren. «In erster Linie interessiert es mich natürlich, was mit der Gemeinde Wil in Zukunft passiert», betont das CVP-Vorstandsmitglied. Als Stadtrat könnte er sich einbringen und die weitere Entwicklung prägen. Politik habe ihn schon immer interessiert, denn er sei ein Mensch der mitanpacke. So war er einst Schulrat in Bronschhofen. «Im Wiler Stadtrat wäre ich genau richtig, weil ich einen grossen Rucksack an Lebenserfahrungen mitbringe», ist der dreifache Familienvater überzeugt. So konnte er nur wenige Jahre nach seiner KV-Lehre in einem Urner Bauunternehmen die kaufmännische Leitung übernehmen. Dort hat er sehr viel im Finanz- und Rechnungswesen dazu gelernt und erste Führungserfahrungen gewonnen. Später wechselte er zur Treuhand-Gesellschaft Visura, jetzt BDO, und absolvierte eine Ausbildung zum Treuhänder und Wirtschaftsprüfer. Als Mandatsleiter war er für die Buchhaltung, Lohnbuchhaltung, Steuererklärung und Revisionsmandate verschiedener Unternehmen und privaten Kunden zuständig. «Das war eine sehr spannende Zeit für mich», erinnert sich Gisler noch heute. Denn er hatte die unterschiedlichsten Unternehmen betreut und damit in viele verschiedene Branchen hineingeschaut. «Von der Gotthard Raststätte bis hin zu den Bergbahnen Sedrun/Andermatt – ich habe gesehen wie einzelne Unternehmen organisiert sind», so Gisler. Sein Weg nach Bronschhofen führte ihn wegen der Liebe her. Weil seine ehemalige Arbeitgeberin eine Niederlassung an der Toggenburgerstrasse in Wil hatte, konnte er intern wechseln. «Das hat mir damals den Umzug nach Bronschhofen sehr erleichtert», erzählt der Stadtrats-Kandidat.  

«Altstadt dürfte belebter sein»

Mittlerweile steht Gisler mitten im Garten. Das Herzstück bildet ein Naturschwimmteich. Rundherum hat es unzählige Grünflächen, die von ihm und seiner Familie gepflegt werden. «Hier verbringe ich gerne meine Freizeit», sagt er. So als Ausgleich zu seinem Berufsalltag. Und wenn er nicht gerade im Garten ist, macht er viel Sport. Er sei vor allem mit seiner Frau mit dem Rennvelo, Bike, aber auch joggend oder wandernd unterwegs. Das Highlight in diesem Jahr sei eine gemeinsame Velotour von Wil nach Lausanne gewesen. Für ihn sei das Herzstück der Stadt Wil die Altstadt. «Ich persönlich finde zum Beispiel, dass die Altstadt belebter sein dürfte», meint Gisler. Sollte er im Herbst in den Stadtrat gewählt werden, dann weiss er bereits jetzt, welche Themen er als erstes anpacken würde. «In der nächsten Legislatur sollte endlich einmal die Diskussion rund um das Kathi geklärt werden», meint Gisler. Es müsse endlich eine Lösung her, damit klare Verhältnisse entstehen und Planungssicherheit im Oberstufenbereich entsteht. Eigentlich hätte man die Situation der Mädchensek bereits vor der Fusionierung von Wil, Bronschhofen und Rossrüti lösen sollen. Auch das Verkehrs-Problem müsse angepackt werden. «Seit ich hier wohne, ist die Verkehrsbelastung immer grösser geworden», betont Gisler. Sein Ziel wäre, den Privatverkehr zu minimieren. «Der öffentliche Verkehr, eben der Busverkehr, müsste teilweise anders aufgestellt werden.» So schlägt er zusätzliche Buslinien vor. Immerhin stecken viele Buslinien morgens und abends zu den Pendlerzeiten oft im Stau fest.

Gisler ist auch überzeugt, dass der Corona-Lockdown und dessen Auswirkungen die Stadt Wil in Zukunft über einen längeren Zeitraum beschäftigen wird. «Vor allem in finanzieller Hinsicht wird eine grosse Herausforderung auf uns zukommen.» Als Wirtschafts- und Finanzexperte geht er davon aus, dass es in den nächsten Jahren zu weniger Steuereinnahmen kommen wird. Auf die Frage, welches der heutigen Departemente er gerne übernehmen würde, wenn er in den Stadtrat gewählt werden sollte, meint Gisler: «Wenn es ein Wunschkonzert wäre, dann würde ich das Departement Bildung und Sport gerne übernehmen.» Auch das Departement Bau, Umwelt und Verkehr würde er gerne leiten. Diese beiden Departemente würden aufgrund seiner beruflichen Erfahrung zu ihm passen. «Aber schlussendlich ist jedes Departement hochspannend», sagt Gisler.

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Folgende Porträts sind bereits publiziert worden:

Stadtpräsidium:

Hans Mäder (CVP):

 

Daniel Meili (FDP):

 

Dario Sulzer (SP):

 

Stadtrat:

Ursula Egli (SVP):

 

Jutta Röösli (parteilos):

 

Jigme Shitsetsang: