Bis ins Jahr 2018 hat die Stadt Wil keine eigenen Grundlagen geschaffen, um Benachteiligungen für Menschen mit Behinderungen zu verringern. Höchste Zeit also, dies zu tun. Bereits vor fünf Jahren hat die Kommission «Gesundheit, Alter, Behinderung» ihre Arbeit aufgenommen und den Fokus auf das Thema «körperliche Behinderung» gelegt. Entstanden ist das Leitbild «Menschen mit Behinderungen».

Um dieses Leitbild zu erarbeiten, hat die Kommission vor drei Jahren ein zweiteiliges Projekt bei der Fachhochschule (FHS) St. Gallen in Auftrag gegeben. Das erste Teilprojekt befasste sich mit einem Blick in andere Schweizer Städte. Wie wird dort mit Behinderten umgegangen? Welche Massnahmen wurden ergriffen? Was kann in Wil adaptiert werden? Das zweite Teilprojekt erhob die Perspektive von Betroffenen und Schlüsselpersonen in der Äbtestadt. Danach hat die Kommission die Massnahmen priorisiert, weitere ergänzt und Handlungsfelder entwickelt. Der Stadtrat genehmigte das Leitbild vor einigen Tagen und beauftragte die Departemente mit der Umsetzung. Alle vier Jahre soll es überprüft werden.

Längere Grünphasen?

Sechs Handlungsfelder sind definiert worden. Eines besagt, dass sich Menschen mit Behinderung im Verkehr möglichst frei bewegen können. Heisst konkret: Die barrierenfreie Zugänglichkeit zu den Zügen der SBB ist zu verbessern. Diesbezüglich besteht vor allem im Fernverkehr Handlungsbedarf, da bei fast allen schnellen Zügen beim Ein- und Aussteigen Tritte überwunden werden müssen. Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember dürfte sich einiges ändern, wenn die versprochenen neuen Bombardier-Züge auch in Wil halten. Sie haben einen ebenerdigen Einstieg. Zudem soll geprüft werden, ob der Zugang zu den Perrons von der Hauptunterführung her mit einer Rampe oder einem Lift erschlossen werden können. Ferner ist der Zugang zu den städtischen Bushaltestellen sowie das Niveau der Haltestellenkanten behindertengerecht auszugestalten.

Ein zweites Handlungsfeld besagt, dass sich Menschen mit Behinderung im öffentlichen Raum möglichst frei bewegen können. Laut Leitbild sind bei wichtigen Strassenübergängen in der Stadt Trottoir-Absenkungen zu prüfen. Auch die Steilheit der Rampen sei einer Analyse zu unterziehen. Bei Neu- und Umbauten sind behindertengerechte WCs mit dem so genannten Eurokey Systems einzurichten. Fussgängerampeln sollen womöglich länger grün sein.

Mehr behindertengerechte Wohnungen

Ein weiteres Handlungsfeld unterstützt Massnahmen zum selbstbestimmten Wohnen. Die Stadt will das Angebot an erschwinglichen und behindertengerechten Wohnungen erhöhen. Zudem soll der Abend- und Notfalldienst der Spitex ausgebaut werden. Bei Neu- und Erneuerungsbauten sind die gesetzlichen Normen und Vorschriften SIA 500 anzuwenden.

Des Weiteren soll die Informationsdichte in dieser Thematik erhöht werden. Geplant ist ein Ratgeber für Menschen mit Behinderung sowie eine städtische Anlaufstelle. Die Stadt will Menschen mit Behinderung und deren Angehörige in die Prozesse einbinden. Alle diese Massnahmen sollen bis 2021 umgesetzt sein.