Früher, ohne Kettensägen, schnitt man Liebesbotschaften noch nicht aus Baumstämmen, sondern ritzte sie in die Rinde derselben. Chöre sangen das Volks- und Kunstlied «Am Brunnen vor dem Tore» aus voller Kehle. Selbstredend kam im Text auch die Liebe vor. Und was machte der verliebte junge Mann damals? Er schnitt in die Rinde des Lindenbaumes ‘so manches liebe Wort’. Das dürfte er heute nicht mehr. Naturschützer würden ihn ob seines frevelhaften Tuns zu Recht in die Schranken weisen. Vielleicht würde er heute in Ermangelung eines Taschenmessers seine Botschaft einfach mit einer Spraydose versprühen. Lindenbäume stehen ja nicht mehr in allzu grosser Zahl zur Verfügung, dafür Hauswände, Brückenpfeiler und Eisenbahnwaggons.

Tiefe Gefühle, ob positive oder negative, müssen sich Luft verschaffen. «Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über». Diese Formulierung aus der Bibel-Übersetzung von Martin Luther trifft den Kern der Sache. Für Gefühle tiefer Zuneigung gilt dies natürlich das ganze Jahr über. Der Frühling und der bevorstehende Wonnemonat Mai sind und waren aber zu allen Zeiten eigentliche Höhepunkte. Der Frau, die das kunstvoll gefräste hölzerne Herz bekommt, und ihrem Verehrer bleibt abschliessend zu wünschen, dass der Talisman Garant für ewige Liebe sein möge.