Die Liegenschaft wurde 1891 ursprünglich als einstöckiges Gebäude errichtet und als Gastwirtschaft genutzt. Es entstand in einer Zeit, in der sich in Wil viel veränderte. Der Ausbau der Eisenbahnlinien führte zu einem wirtschaftliche Aufschwung, speziell in der Region um den Bahnhof. In diesen Jahren entstandenen Stickereilokale und -fabriken. In der Folge wuchs Wil bevölkerungsmässig. Beim Beginn des Eisenbahnzeitalters wohnten rund 1200 Personen in Wil. Rund 40 Jahre später waren es bereits über 5000. Hungrige und durstige Kehlen wollten verpflegt werden. Um die Geleise wurden in jenen Jahren verschiedene Gasthäuser und Hotels errichtet. Übrigens erschien in Baujahr des «Steinbock» das erste Telefonverzeichnis in Wil. Zwei Dutzend Anschlüsse waren darin verzeichnet.

Technischer Fortschritt

Um diese Zeit des Aufbruchs bekam Wil ein eigenes Gaswerk, und die Stadt wurde elektrifiziert. Als erster Gastronomiebetrieb in Wil wies der «Steinbock» ein beleuchtetes Wirtshausschild auf. 

Um die Gästefrequenz zu erhöhen, wurde bald zusätzliche eine Brückenwaage eingerichtet, in der Hoffnung, Wägen und Durstlöschen würde gerne kombiniert.

Der damalige Wirt Georg Benz warb in einem Inserat: «Unterzeichneter empfiehlt dem gewerbetreibenden Publikum, sowie den Herren Landwirthen auf gegenwärtige Obst- und Fruchtsaison seine neu erstellte, seine vom Staat sanktionierte und geprüfte Brückenwaage.» In einer weiteren Annonce empfahl er sein Lokal für eine Abendunterhaltung.

Zusätzliche Stockwerke

Da der Geschäftserfolg ausblieb, folgten Handänderungen. 1895 kam im rückwärtigen Teil des Areals ein niederes Fabrikgebäude hinzu und das Haupthaus stockte man um weitere Etagen auf, wie der verstorbene Freizeit-Geschichtsforscher Willi Olbrich in einer Gastronomiegeschichte über Wil schreibt.

Die beiden Erker im Stil der damaligen Zeit verleihen dem Gebäude einen repräsentativen Eindruck. Die Fenster waren seinerzeit mit bleiverglasten Jungendstilmotiven verziert. Die Geländer der Balkone sind noch immer als Zeugen dieser Stilepoche erkennbar.

Umschlagplatz für Waren

Zwischen 1860 und 1914 wurden vor allem im West- und im Südquartier in zahlreichen Liegenschaften Textilien produziert, die Branche erlebte damals in der ganzen Ostschweiz goldene Zeiten. Das Steinbock-Fabrikgebäude diente dabei als Ferggerei, um die sich vor allem die Frau des Steinbock-Wirts Thomas Eisenring kümmerte. Fergger verteilten die Rohstoffe und sammelten die fertiggestellten Produkte der Textilfertigung ein, die oft in Heimarbeit entstanden. In den Ferggereien wurde auch die Qualitätskontrolle vorgenommen.

Das Geschäft mit den Stickereien war im Steinbock-Areal weit einträglicher als der Gastwirtschaftbetrieb. Dieser wurde 1903 eingestellt und die Räume als Büroräumlichkeiten des Textilbetriebs umgenutzt. Eisenring seinerseits gründete 1908 im Westquartier eine Stickereifabrik mit 120 Angestellten. Dies vermittelt einen Eindruck von den damals florierenden Zeiten in Wil.