Ich finde den Artikel über die Blitzlichterinnerung sehr ansprechend, lässt Erinnerungen in mir hochkommen. Ich arbeitete damals auf dem Steueramt Bronschhofen, meine erste Stelle nach der Lehre. Wir waren hinterm Haus in der Rauchpause, als meine Chefin durchs offene Fenster mit erschrockenem Gesicht rief, dass was schlimmes passiert sei in NewYork. Ich schüttelte den Kopf, es klang so sureal, ich konnt's kaum glauben, rauchte ruhig meine Zigarette fertig und setzte mich wieder an die Arbeit. Am Abend in den Nachrichten kam's überall in den TV-Nachrichten, sodass ich's dann endgültig realisierte

Spannend ist, dass ich mich gleichzeitig stark an den etwas muffigen Bürogeruch erinnere, hab ihn sozusagen noch in der Nase :) Eine weitere Erinnerung die hochkommt, sind diese überdimensionierten Röhren-Computer-Bildschirme die im Büro beinahe den ganzen Schreibtisch ausfüllten :) Den Tag werd ich nie vergessen, so banal die Erinnerungen klingen.

René Inauen

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«9/11»: Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich im Zug sass und mein Handy klingelte. Ein Freund hatte mich angerufen, um mir zu erzählen, dass ein Flugzeug in einen Turm des New Yorker World Trade Center geflogen sei. Er hat dabei gekichert und sich über den damaligen US-Präsidenten George W. Bush lustig gemacht. Ich weiss auch noch, dass ich das unangebracht fand und glaubte, er habe etwas falsch verstanden oder mache böse Scherze. Abgesehen davon, war es mir damals ziemlich unangenehm, in Gesellschaft fremder Leute zu telefonieren. Randnotiz: Die grossflächige Verbreitung von Handys kam damals erst gerade in Mode, man fiel oft negativ auf, wenn man seine Privatgespräche in der Öffentlichkeit führte.

Jedenfalls beendete ich das Gespräch ziemlich schnell und wollte mich eigentlich an die Hausaufgaben setzen, als mir die merkwürdige Stimmung im Zug auffiel. Es war ein «Feierabendzug», die Sitze waren alle besetzt und es herrschte eine ungewohnte Unruhe. Normalerweise war es zu dieser Zeit eher ruhig im Zug, die Leuten lasen viel. Oft in den Pendlerzeitungen «Metropol» und «20 Minuten», die damals noch ziemlich neu waren. Doch an diesem Abend war es anders: Fremde Leute tuschelten miteinander, einzelne flüsterten in die Telefone – und ich hörte aus den Gesprächen heraus, dass der Freund sich offenbar nichts ausgedacht hatte. In Wil angekommen, eilte ich nach Hause und schaltete den Fernseher ein und konnte gefühlt auf jedem Sender die Bilder der Flugzeuge sehen, die in die Türme des World Trade Centers flogen. Bei den Terroranschlägen von «9/11» starben etwa 3000 Menschen, die Twin Towers sowie Teile des Pentagons wurden zerstört. Die Hauptausgabe der Tagesschau vom 11. September 2001 ist auf der SRF-Seite heute noch verfügbar.

Was ich an diesem Abend sonst noch gemacht oder mit wem ich mich unterhalten habe, weiss ich nicht mehr. Sehr lebhaft in Erinnerung geblieben sind mir die Augenblicke im Zug. «Blitzlichterinnerungen» nennt man diese greifbaren Erinnerungen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie ausserordentlich lebhaft sind, und entstehen dann, wenn wir etwas Überraschendes, Schockierendes, aber auch Schönes, Erleichterndes erfahren. Eine solche Blitzlichterinnerung kann sich also auch einstellen, wenn wir zum Beispiel einen Wettkampf gewinnen, beim ersten Kuss oder bei der Geburt des eigenen Kindes. Apropos «erinnern»: Rund zwei Monate vor den Anschlägen hatte ich New York besucht und natürlich auch Fotos von der berühmten Skyline gemacht. Im Fotoalbum habe ich die Twin Towers später extra angeschrieben, so dass auf keinen Fall vergessen gehen konnte, was ich dort eigentlich gesehen hatte – nur wenig später war klar: Das World Trade Center werde nicht nur ich so schnell nicht vergessen.

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Entwickelt und eingeklebt: Erinnerung an die Rundfahrt durch den New Yorker Hafen.

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