Was nur führt SVP-«Urvater» Christoph Blocher mit dem Kauf der «Wiler Nachrichten» im Schilde? Dies war die Hauptfrage, als die Lokalzeitung vor knapp einem Jahr von der Verlegerfamilie Zehnder an ihn verkauft wurde. In der Ausgabe von heute Donnerstag kommt nun Blocher gleich doppelt zu Wort. Einerseits darf er zu einer «Nachlese zum 1. August» ansetzen, in welchem er sich für die Erhaltung der Schweizer Werte stark macht. Andererseits äussert er sich in einem Interview zum Rahmenabkommen mit der EU. «Ganz offensichtlich spricht sich Blocher für die Selbstbestimmungs-Initiative aus und fordert einmal mehr die Unabhängigkeit von der EU, dem Knechtschaftsvertrag und den fremden Richtern», so Timo Räbsamen, Präsident der JUSO St. Gallen. Und weiter: «Als vor rund einem Jahr die JUSO den Kauf der Gratiszeitungen kritisierte, hiess es von Seiten der «Wiler Nachrichten», sie bleibe unabhängig und neutral. Heute sieht man, dass die Motivation von Christoph Blocher wahrscheinlich doch war, eine Plattform zu schaffen, in der er seine Propaganda betreiben kann.» Der Abstimmungskampf zur Selbstbestimmungs-Initiative werden zeigen, ob dies eine einmalige Sache oder der Anfang von einem weiteren SVP-Extrablatt war.

Stadt durchleuchtet die Wiler Medien
Blochers Artikel haben zusätzlichen Sprengstoff, weil die «Wiler Nachrichten» amtliches Publikationsorgan der Stadt Wil ist. «In einem offiziellen Amtsblatt kann es nicht sein, dass solche Artikel ohne Kommentar abgedruckt werden. Dies Stadt steht nun in der Pflicht, zu handeln und unter Umständen den Vertrag mit den Wiler Nachrichten zu künden», so Räbsamen.

Genau darüber war kurz nach dem Verkauf bereits einmal auf politischer Ebene diskutiert worden. SP-Stadtparlamentarier Mark Zahner hatte Ende August 2017 eine Interpellation zu diesem Thema eingereicht. Dabei fragte er den Stadtrat unter anderem, ob dieser bereit sei, den Vertrag mit den Wiler Nachrichten zu überprüfen. Die Antwort: Da kein allgemeiner Vertrag zwischen der Stadt Wil und der Zender Regionalmedia AG oder einem Vertragspartner bestehe, habe der Verkauf keine Auswirkungen und eine Überprüfung des Vertrags entfalle. Jedoch werde die Zusammenarbeit mit den «Wiler Nachrichten» überprüft. Dies sei aber Bestandteil eines Projekts, das vom Stadtrat bereits vor dem Bekanntwerden des Verkaufs der «Wiler Nachrichten» angestossen worden sei. Die grundsätzlichen Veränderungen in der Medienbranche hat den Stadtrat veranlasst, zu überprüfen, ob das redaktionelle Umfeld der beiden amtlichen Publikationsorgane «Wiler Nachrichten» und «Wiler Zeitung» für die Inhalte der Stadt weiterhin stimmen. Um allfällige Konsequenzen abschätzen zu können für die mediale Kommunikation der Stadt Wil und somit für die Wahl des städtischen Publikationsorgans, wurde eine interne Erhebung in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liegt noch nicht vor.