Das „Steckliträge“ der Stadtschützen Wil ist seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil des Wiler Brauchtums. Nach dem Wetterpech im Vorjahr marschierten Kindergärtler, Schulkinder und Stadtschützen mit den Klängen der Stadtharmonie Wil und der Stadttambouren am frühen Freitagabend bei schönem Wetter durch die Innenstadt.1669, vor bald 350 Jahren, wurde das „Steckliträge“ erstmals in einem Protokoll der Stadtschützen erwähnt. Schon damals bildete der Umzug den Auftakt zum Endschiessen. Der farbenfrohe Umzug, an dem sich jeweils auch die Wiler Trachtengruppe beteiligt, lockte eine stattliche Menschenschar in die Altstadt.

Startschuss aus dem Langgewehr
Gestartet wurde das „Steckliträge“ um 18.15 Uhr mit einem Schwarzpulver-Knall aus dem historischen Langgewehr des Stadtschützen Kurt Thalmann. Eine grosse Zahl von Kindergärtlern und Primarschülern in Begleitung ihrer Lehrkräfte und Eltern vermittelte auf dem Rundgang vom Hofplatz zur Oberen Bahnhofstrasse und zurück auf den Goldenen Boden ein buntes Bild. Mitgeführt wurden Fähnchen und kleine Päcklein, welche als symbolische Gaben an einem Stecken befestigt werden. Erfreulich viele Zuschauerinnen und Zuschauer säumten vor allem die Gassen in der Altstadt.

Der Einladung zum Mitmarschieren im Tatzelwurm waren in diesem Jahr Stadtpräsidentin Susanne Hartmann, Parlamentspräsidentin Ursi Egli und Jutta Röösli als Schulratspräsidentin und Stadträtin gefolgt.

Wehrhafte „Schiessgesellen“
Über die Entstehung des „Steckliträge“ ist recht wenig bekannt. Zu mittelalterlichen Zeiten musste sich auch das Städtchen Wil immer wieder gegen den Ansturm kriegerischer Horden wehren. Nebst gut gesicherten Stadttoren und Stadtmauern verliess sich die Bevölkerung nicht zuletzt auf die „Schiessgesellen der Stadt“, die Vorgänger der heutigen Stadtschützen. Diese „Schiessgesellen“ genossen ein hohes Ansehen. Deshalb liessen es sich die Obrigkeit und die Gewerbetreibenden nicht nehmen, den Schützen zum Endschiessen allerhand Gaben zukommen zu lassen. Die Wiler Schulkinder trugen die an Steckli gebundenen Gaben schon damals durch die Stadt.

Interessant ist, dass einst beim Sammeln der Gaben für das Absenden nach dem Endschiessen nicht nur eine Liste mit den Spendern geführt wurde, sondern dass auch jene Personen, von denen eine Absage kam, namentlich erwähnt wurden.

Süssmost und Brezeln
Der Umzug endete traditionellerweise auf dem Goldenen Boden, wo die Stadtharmonie und die Stadttambouren Jung und Alt mit einem Platzkonzert erfreuten. Für ihre Teilnahme werden die vielen Kinder und Erwachsenen jedes Jahr mit Süssmost und Brezeln belohnt.

Mit der Pflege dieses alten Brauchs wird zwischen den Stadtschützen und der Jugend der Stadt eine Brücke geschlagen. Der Anlass der Stadtschützen, deren Geschichte bis ins Jahr 1420 zurück reicht, endete für die beteiligten Vereine mit einem Umtrunk im Gewölbekeller des Hofs zu Wil.