Als die Wiler Böcke dem damaligen Herrn des Schlosses Sonnenberg eine zünftige Lektion erteilen wollten, zogen sie den Kürzeren. Der historisch interessierte Kleriker Karl Steiger (1870-1943) erzählt in einer Publikation davon. Er stützt sich dabei auf Ratsprotokolle.

Wortbrüchiger Burgherr

Schlossherr war damals Junker Beringer von Landenberg, der den Spitznamen der Böse trug. Er war Bürger von Wil und galt als Verbündeter der Stadt. Im Verlauf des Alten Zürichkriegs (1440-50) wandte er sich von Wil ab und solidarisierte sich mit den Zürchern.

Diesen Treuebruch wollten die Äbtestädter nicht hinnehmen. Mit Luntenschlossgewehren, Armbrüsten, Lanzen und zwei kleinen Geschützen ausgerüstet, zog  im Oktober 1444 eine Schar Böcke in Richtung Sonnenberg. Sie trugen das Wiler Banner und wurden von Trommel- und Pfeifenklängen begleitet.

Erfolgloser Beschuss

Die Wiler schossen mit ihren beiden Geschützen während vier Tagen gegen die Mauer der Burganlage, ohne dass diese ernsthafte beschäftigt worden wäre. 

An den Hängen unterhalb der Festung reiften die Trauben. Einige Böcke holten in Wil Tansen und Standen.

Die Wiler Landesknechte begannen mit der Traubenernte. Um die Verteidiger des Schlosses zu ärgern, riefen sie gemäss Steiger den Spottvers: Sunnenberg im Sunnenschin//Gibt den Böcke gute n Win.// Sperrt nur üwre Müüler uf,// Morgen howen wir üch druf!

Weinselige Stimmung

Nach drei Tagen waren alle Trauben abgelesen. Die Böcke pressten sie in der Trotte in Stettfurt und tranken den Saft in grossen Mengen. In ihrem weinseligen Übermut johlten sie: Schlachtgewitter morgen – heute gilt der Wein!//Fort mit allen Sorgen – Mägdelein, schenk ein!// Morgen hau`n wir auf die Schädel,//Heute gilt der Krug, das Mädel!//Morgen Schlacht und heute Wein//`s ist alles herrlich, alles fein.

Folgen des Trinkgelages

Als die Schlossverteidiger bei Tagesanbruch nach unten blickten, begannen sie zu lachen. Die gefürchtete Böcke-Zunft machte sich nicht zur Erstürmung bereit, sie schlief ihren Rausch aus. «Es hatte ihnen wohl geträumt von wilder Feldschlacht, und fanden nun doch keine Wunden an ihrem Leibe», schreibt Karl Steiger. «Wohl aber bohrte und zwickte es ihnen unter dem Haarschopf, als hätte ein feindlicher Morgenstern darauf getanzt.»

Mühselige Rückkehr

Während zuvor die Wiler die Leute auf dem Sonnenberg mit Spottversen eingedeckt hatten, klangen diese nun von oben herunter: Schachmattes Volk, ganz aus dem Leim,//Trag dein zerfetztes Banner heim!//Zieht eure langen Ohren ein!//Nehmt euer täppisch Bärlein mit,//Hier krieget ihr den Eselstritt,// Schmach folget euch auf Tritt und Schritt!

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Seit längerer Zeit finden am Schloss Renovationsarbeiten statt. 

Die Wiler machten sich zum Rückzug bereit. Sie hofften ohne grosses Aufsehen in der Nacht in der Heimatstadt einzutreffen. Ihr Kater schwächte sie jedoch und verlangsamte die Rückkehr; es war bereits Tag als sie durchs Stadttor einzogen.

Verkaterte Böcke

Das Stadtvolk lief zusammen, um die Beute zu sehen und von den neuen Taten der berüchtigten Haufens zu hören. Doch statt in Siegerlaune gingen die wilden Kerle gebückt und mit tappenden Schritten. Auf dem Banner wirkte «der stolze Bär wie ein fremdländisches Äffchen» schreibt Steiger.

Im Jahr darauf zogen die Böcke erneut Richtung Schloss Sonnenberg und erstürmten es diesmal erfolgreich.