«Mein Buch wurde zu meinem Sparringspartner», erzählt Eva-Maria Froidevaux aus Flawil, «ich konnte mich und meine Gedanken ausprobieren.» Das Kulturprojekt Edition Unik bietet allen die Gelegenheit, ihre Geschichte(n) aufzuschreiben, die das möchten. Dafür sind weder Vorwissen noch Textmaterial vonnöten, einzig den Umgang mit Computer und Internet sollte man gewöhnt sein. In 17 Projektwochen werden jeweils etwa 50 persönliche Bücher in Kleinstauflage realisiert. Inzwischen sind in der Edition Unik rund 700 Bücher entstanden, wie die Projektverantwortlichen mitteilen.

hallowil.ch-Region schreibt

Wir haben mit zwei Frauen aus der hallowil.ch-Region gesprochen, die an der Edition Unik teilgenommen und ihre Bücher geschrieben haben. Es sind dies die 85-jährige Theres Lehmann aus Ebnat-Kappel und die 65-jährige Eva-Maria Froidevaux aus Flawil. Warum aber schreiben Menschen ihre Lebensgeschichte(n) überhaupt auf? Man destilliere die «Essenz des Lebens» und «giesse sich in Worte um», wenn man seine Lebenserfahrungen aufschreibt, sagte Daniel Perrin, Linguistikprofessor und Direktor des Instituts für angewandte Linguistik an der Zürcher Hochschule der Wissenschaft (ZHAW) in Winterthur, einmal in einem Interview mit der Edition Unik. Und dieses Destillieren kann wohltuend, gar heilsam sein.

«Querschnitt aus dem Leben»

Eine grosse Motivation für Theres Lehmann und Eva-Maria Froidevaux war es denn auch, ihre Geschichten festzuhalten, für sich selbst, aber auch für die Nachwelt. Eva-Maria Froidevaux hat inzwischen vier Bücher in der Edition Unik geschrieben, Basis für drei Bücher ist ihr Zettelkasten. «Ich schreibe Dinge auf, die ich im Moment nicht zu Ende denken kann. Irgendwann begegnen sie mir wieder.» Notizen aus diesem Zettelkasten sind zu Kurzgeschichten geworden, die nun zwischen zwei Buchdeckeln zu lesen sind.

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Theres Lehmanns Buch «Ein Frauenleben» ist in nur 17 Wochen entstanden.

Theres Lehmann hat ein Buch geschrieben, und zwar «einen Querschnitt aus meinem ganzen Leben.» Schmunzelnd fügt sie an: «Und ich habe sehr intensiv gelebt. Aber es sind natürlich nicht alle Erlebnisse in meinem Buch gelandet.» Zentral ist der Tod ihres Sohnes, der im Alter von sieben Jahren bei einem Unfall ums Leben kam. Theres Lehmann versammelt in ihrem Querschnitt auch Angaben zu ihren Eltern sowie Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, etwa aus ihrer Lehrzeit, aus Aufenthalten im Ausland, aus dem Umzug vom Emmental erst an den Zürichsee und schliesslich ins Toggenburg.

Wie hat sich die Arbeit am eigenen Buch angefühlt?
Eva-Maria Froidevaux: Ich habe irgendwann erkannt, dass ich keine Ambitionen haben muss – und das war befreiend. Nach dieser Erkenntnis hat mir das Schreiben immer mehr Spass gemacht. Ich konnte ordnen und hatte während des Schreibens sozusagen feinere Antennen, war empfänglicher für Begegnungen mit anderen Menschen. Und versöhnlicher.
Theres Lehmann: Ich konnte mir den Schicksalsschlag von der Seele schreiben, die Geschichte einfach mal festhalten. Gelitten habe ich beim Aufschreiben nicht mehr, ganz im Gegenteil. Beim nochmaligen Lesen habe ich festgestellt: Doch, das ist mein Leben und das ist gut so.

Die Edition Unik gibt eine eher strenge Struktur vor während der Projektwochen. Haben Sie sich daran gehalten?
Theres Lehmann: Nein! Ich bin eine Person, die etwas so angeht, wie es gerade passt. Ich habe angefangen mit den einzelnen Kapiteltiteln, dann habe ich die Kapitel geschrieben und danach zusammengefügt. Das ging ziemlich zackig – und das Buch liest sich auch so.
Eva-Maria Froidevaux: Für mich war dieses strukturierte Vorgehen super. Vor dem eigentlichen Schreibprozess hatte ich grossen Respekt, so habe ich mich zum Beispiel gefragt: Werde ich kreativ oder sind es dann doch nur die Zettel, die ich in meinem Kasten aufbewahre? Der gut strukturierte Ablauf hat mir sehr geholfen dabei, tatsächlich in einen kreativen Prozess zu kommen.

Haben Sie Ihr Buch zum Lesen weitergegeben? Und was sagt die Leserschaft?
Eva-Maria Froidevaux: Ich hatte immer meine Töchter als Leserinnen im Blick. Da habe ich mich gefragt: Was könnte sie interessieren? Was fänden sie vielleicht auch lustig? Meine Töchter haben alle Bücher gerne gelesen, die Rückmeldungen waren durchwegs positiv. Auch schön ist, dass ich selber das Buch nochmal lesen und dabei auch Abstand nehmen kann.
Theres Lehmann: Unter anderem meine Töchter haben es gelesen, ja. Ich habe nur Schönes gehört, etwa, dass ich ein ‹gutes Deutsch› hätte.

Edition Unik: «Schreib dein Buch»

Im Kulturprojekt Edition Unik entstehen zwei Mal im Jahr individuelle Bücher. 2015 entstanden als Pilotprojekt im Zürcher Kulturbüro des ehemaligen «Mister Expo» Martin Heller, ist die Edition Unik seit 2021 als eigenständiger Verein organisiert. Rund 700 Bücher sind seit Beginn des Projekts geschrieben worden. Geschrieben wird während 17 Wochen, und zwar meist allein am eigenen Computer. Am Ende jeder Projektrunde erhalten die Schreibenden zwei gedruckte und in Leinen gebundene Bücher.

Um am Schreibprojekt teilzunehmen, braucht es keine Vorkenntnisse und auch kein bestehendes Textmaterial, den Umgang mit Computer und Internet sollte man sich aber gewöhnt sein. Auch in puncto Alter gibt es keine Vorgaben, so sei die jüngste Teilnehmerin bisher 15 Jahre alt und die ältesten hätten die 1930er Jahre selbst miterlebt, wie es seitens des Schreibprojekts heisst. Die Edition Unik ist kein Verlag, sondern versteht sich als Kulturprojekt. Die Bücher werden von der Edition Unik weder verlegt noch veröffentlicht.