Solidarität ist wieder aktuell geworden. In Zeiten der Gerechtigkeitsdebatten und der grassierenden Pandemie fragen immer mehr Menschen nach der verbindenden Kraft in Gemeinschaften, nach gegenseitiger Unterstützung und nach Schutz vor Bedrohungen. Einer jener Orte in Wil, an welchem Solidarität aktiv vorgelebt wird, ist der geräumige und helle Caritas-Markt, welcher sich seit dem Februar 2020 an der Lerchenfeldstrasse 4, in den ehemaligen Räumen des Sportkellers, befindet.

Über 50 freiwillige Helferinnen und Helfer sorgen, zusammen mit Geschäftsführerin Rita Borner (80 Stellenprozente) und ihrer Stellvertreterin Evelyn Signer (20 Stellenprozente), tagein, tagaus dafür, dass auch von Armut betroffene Menschen in der Äbtestadt einen Platz vorfinden, bei dem sie sich gegen die Vorlage einer Kultur-Legi der Caritas St. Gallen-Appenzell nicht nur günstig mit Lebens- und Hilfsmitteln für den Alltag eindecken können, sondern auch einen Ort erleben dürften, an dem das Wort Solidarität grossgeschrieben wird.

«Wie eine grosse Familie»

Teresa Gozzer, die mit ihrer Hündin Kimba gerade ihre Einkäufe erledigt, ist «froh, dass es den Caritas-Markt gibt». Die lebhafte, zierliche Frau kommt «sehr gerne hierher», denn «hier erhalte ich günstig, was ich mir sonst nicht leisten könnte. Auch helfen sich die Menschen hier gegenseitig. Wir sind hier so etwas wie eine grosse Familie», erklärt die Wilerin fröhlich.

Es ist somit genau jene Art zur (Selbst-)Hilfe, von der Evelyn Signer, die aktuell ihre in den Ferien weilende Chefin Rita Borner im Laden vertritt, in den letzten Monaten erfahren hat, dass «es sie noch mehr braucht». Zumindest habe sie während der Pandemie erlebt, dass «wir mehr Kunden haben, die hierherkommen, um einzukaufen, und das bedeutet ja auch, dass mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sind», so Signer.


Ein Ort der Begegnung

Doch der Caritas-Markt ist mehr als nur ein günstiges Einkaufsgeschäft. Er ist eine Kontaktbörse. Manchmal braucht es nur jemand, der etwas Zeit mitbringt, um einem zuzuhören. Dafür eignet sich das Begegnungscafé «CafiTass» hervorragend, das im Februar 2020 ins Leben gerufen wurde. Im Sommer geniesst man auf dem Vorplatz den Sonnenschein und trinkt mit Freu(n)den einen Kaffee. Im Winter sorgt eine Ecke im Eingangsbereich dafür, dass man sich gemütlich unterhalten kann. «Ich schätze dieses Angebot sehr. Wo sonst bekommt man in Wil einen Latte Macchiato für 1.50 Franken und fühlt sich zugleich wertgeschätzt», fragt Teresa Gozzer. Doch, obwohl das Angebot im Wiler Caritas-Markt gross ist, vermisst sie noch etwas: «Ich wäre schön, wenn es hier einen Kleider-Caritas geben würde», äussert Gozzer einen Wunsch.

Eine Frau der ersten Stunde in Sachen Caritas-Laden Wil ist die pensionierte Sozialarbeiterin Marianne Albrecht. Als das Geschäft im Jahr 2012 aus der Taufe gehoben wurde, war sie schon dabei. Auch heute bietet sie in einem vom Ladengeschäft her abgetrennten Raum regelmässig Sozialberatungen an. «Der Bedarf daran ist in den letzten Jahren nicht kleiner geworden», erzählt sie. Desto mehr freut es sie, dass sich Angebote wie der Brillen-Bus (ein- bis zweimal jährlich) oder auch der monatliche Besuch einer Coiffeuse sich als gut genutzte Angebote etabliert haben. «Es ist schön zu sehen, wie Solidarität von allen Seiten her gelebt wird. Sei es von unseren Kundinnen und Kunden, aber auch von unseren Lieferanten, Freiwilligen und sonstigen Partner», freut sich Albrecht.