Alte Menschen sind einsam und junge nur gelangweilt. So wirkte es zumindest während der Corona-Pandemie. Doch dass junge Menschen den Lockdown belastender fanden als ältere, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie der deutschen Universität Erfurt: So empfinden 45 Prozent der unter 30-Jährigen, seine Freunde nicht zu sehen, nichts mehr zu erleben und auf digitale Kontakte beschränkt zu sein, als sehr schwer. Was bedeutet es für junge Menschen aber, wenn das Leben nicht mehr draussen, sondern drinnen stattfindet und alle Dinge wegfallen, welche die Jugend eigentlich ausmachen? «Während der Corona-Krise fehlten die sozialen Kontakte», sagt Funda Akkus, Oberärztin am Ambulatorium des Psychiatrie St. Gallen Nord. Die Jugend sei eine Phase, in der junge Menschen rausgehen und in der sie ihre Identität suchen. Jugendlichen sei es wichtig, sich von ihren Eltern abzugrenzen und Freundschaften und soziale Kontakte, die extrem wichtig seien, zu knüpfen. Und gerade in dieser Phase gewinnen diese Dinge an Gewicht. «Es ist eine Zeit, in der sich junge Menschen am meisten nach draussen orientieren und ihr Selbstbild formen», führt Akkus weiter aus. Ausgerechnet in dieser Phase beschränkt zu werden, das sei eine grosse Herausforderung. Neben ihrer Tätigkeit als Oberärztin in Wil, ist Akkus wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Fribourg. «Obwohl ich ausschliesslich mit Erwachsenen zusammenarbeite, interessiere ich mich sehr für Jugendliche und junge Erwachsene», sagt die Leiterin der Sprechstunde für Frühpsychose. Der Übergang zwischen Jugendlichen und Erwachsenenalter – der sogenannten Transitionspsychiatrie – finde sie wichtig, zu beobachten. «Gerade, weil sich psychische Belastungen in der Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter auswirken können», betont sie. 

«Aktuell laufen nationale sowie internationale Studien, die untersuchen, welchen Einfluss der Lockdown auf den psychischen und physischen Zustand bei Kindern und Jugendliche sowie Erwachsenen hatte», weiss Akkus, «ich bin sehr gespannt, was bei diesen Forschungen herauskommen wird.» Insbesondere wie ausgeprägt die Sorgen um ihre Gesundheit und die von ihren Angehörigen seien sowie es mit ihren berufliche Zukunftsängsten aussehe. Aktuell könne sie nicht sagen, zu welchen Ergebnissen es kommen werde. Eines sei aber klar: «Während der ganzen Corona-Krise sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht in den Fokus gestellt worden», so Akkus. Und das, obwohl der Lockdown auch sie besonders getroffen habe. Gerade für Jugendliche sei das Draussensein normalerweise ein Katalysator, der sich plötzlich während Wochen drinnen abspielte. Man verliere einen Teil seiner Unabhängigkeit und das sorge für Stressgefühle, Langweile, sowie Unzufriedenheit oder kann im Verlauf sogar zu ängstlichen und depressiven Symptomen führen.

Vor allem junge Menschen sind von Psychose betroffen

Oberärztin Akkus liegt es am Herzen, dass das Thema Psychose mehr in der Öffentlichkeit angesprochen und thematisiert wird. Denn etwa drei bis vier Prozent der Weltbevölkerung erkrankt im Laufe ihres Lebens an einer Psychose: Weltweit sind das 53 Millionen Menschen. Die meisten der Betroffenen sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Und laut Akkus können Frauen zudem im hohen Alter ab dem 40. Lebensjahr an einer Psychose erkranken. Deshalb nutzt Akkus nun die Zeit nach dem Corona-Lockdown, um  Menschen auf «dieses bedeutende Thema aufmerksam zu machen».

«Wer an einer Psychose erkrankt, hat einen langen Leidensweg hinter sich», erklärt Akkus. Eine Psychose ist ein meist vorübergehender Zustand, «in dem ein Mensch gewissermassen den Kontakt zur Wirklichkeit verliert.» Bei Betroffenen Menschen macht sich eine Psychose mit Frühsymptomen wie beispielsweise Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, Störungen im Denken und Wahrnehmung sowie Emotionen. Wahnvorstellungen und Halluzinationen können typische Anzeichen sein: Das heisst Betroffene fühlen sich beispielsweise in der Öffentlichkeit beobachtet, werden immer mehr misstrauisch gegenüber Mitmenschen, sie können sich sogar von der Umgebung verfolgt sowie bedroht fühlen. «Es kommt nicht selten vor, dass Menschen mit einer Psychose fälschlicherweise alles auf sich beziehen.» Dabei kann es sein, dass betroffene Patienten auch Stimmen hören – seien das positive oder negative. Gerade bei jungen Erwachsenen werden diese Symptome oft missverstanden. «Und der Konsum von Cannabis kann die Symptome verstärken», erklärt die Fachärztin. Die Expertin erklärt, dass in der Jugendzeit und bei junge Erwachsenen das Gehirn noch nicht ganz entwickelt ist und damit anfällig für Risikofaktoren ist. Ein täglicher Cannabiskonsum habe ein hohes Risiko für die Entwicklung einer Psychose: Dann steige das Risiko um ein bis drei Prozent, eine solche Erkrankung zu entwickeln. 

Themen, die in Schulen behandelt werden müssen

«Umso wichtiger ist es, Jugendliche und junge Erwachsene über diese Tatsache aufzuklären», betont Akkus. Sie ist überzeugt, dass das Thema Suchtmittel wie Alkohol oder Nikotin beispielsweise intensiver und tiefgründiger in den Schulen behandelt werden muss. Gerade weil auch andere Belastungsfaktoren bei jungen Menschen vorhanden sind: Sie sind durch zahlreiche soziale und berufliche Anforderungen unter enormen Stress ausgesetzt. Doch was kann man vorbeugend dagegen unternehmen? «Bei Menschen mit einem erhöhten Psychose-Risiko versucht man heute, durch eine frühzeitige psychotherapeutische Behandlung den Verlauf positiv zu beeinflussen», so Akkus. Bei Bedarf könne auch ein Medikament zum Einsatz kommen. Mit einem frühzeitigen Eingreifen könnten bestehende Beschwerden reduziert und die psychische Stabilität verbessert werden. «Umso wichtiger sind die aktuellen Forschungsarbeiten, die sich mit den Auswirkungen der Corona-Krise und des wochenlangen Lockdowns beschäftigen», weiss Akkus. 

Mehr zum Thema Psychose gibt es auf der Webseite der der Psychiatrie St. Gallen Nord