Gerade für Frauen, welche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Welt gekommen sind, waren die Lebensumstände äusserst einschränkend. Katharina von Arx, geboren am 5. April 1928, fühlte sich schon früh durch Verbote und Erwartungen in ein enges Korsett gezwängt. Reich geboren, aber durch die grosse Krise der Dreissigerjahre in die Armut gefallen, wuchs sie in eher prekären Verhältnissen auf – ohne den geliebten Vater, welcher sich nach der Schande eines Konkurses nach England abgesetzt hatte. Da war es nur vernünftig, einen „sicheren“ Brotberuf zu erlernen. Das war damals die Ausbildung zur Sekretärin. Die junge Frau eignete sich allerdings wenig für diesen Beruf, wurde gar zwei Mal entlassen, einmal deshalb, weil sie eingeschlafen war. 

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Vorstandsmitglied Ueli Gubler begrüsste als Pate des Abends die zahlreich erschienenen Interessierten. 


Luftschlösser gebaut

Doch mit 26 Jahren hängte sie den Beruf an den Nagel, nahm ihre Ukulele und ihre Zeichnungsutensilien und machte sich, ganz ohne Geld, auf die grosse Reise in unbekannte Länder. Sie hatte vorher in Wien die Akademie der Bildenden Künste besucht, war eine sehr begabte Zeichnerin. Sie schrieb über ihre unglaublichen Erlebnisse Reiseberichte, verfasste auch Bücher und verblüffte mit ihren Schilderungen die Daheimgebliebenen. So beschrieb sie beispielsweise, wie sie vom Häuptling eines Kannibalenstamms zum Mittagessen eingeladen worden war. Die blosse Wirklichkeit genügte der Frau aber nicht, sie baute gerne Luftschlösser.

In Hollywood, wo sie ebenfalls einige Zeit lebte, nannte man sie „Hitchhiking Swiss Miss“, weil sie per Auto-, Schiff-, und Flugzeugstopp reiste, mit ihrer Ukulele und Schweizerliedern die mitreisenden Menschen unterhielt und so in die entlegensten Gegenden der Welt kam. Vor dieser grossen Reise war sie mit einer Freundin durch Europa gereist, in einem Ford mit gleichem Jahrgang wie sie selber. Der Wagen war mit „Age before Beauty“ angeschrieben – „Alter vor Schönheit“. Die Devise hiess: Männer dürfen nur einen halben Tag an Bord bleiben. Das ergab viele flüchtige Bekanntschaften mit mitfahrenden Herren.

Grosse Liebesgeschichte

1956 wurde der französische Reisefotografen Freddy Dilhorn angekündigt. Sie musste allerdings sechs Monate warten, bis der Mann endlich erschien. Anfänglich fanden sie sich gegenseitig langweilig. Das änderte sich aber schnell. Sie wurden unzertrennlich, arbeiteten auch auf beruflichem Wege eng zusammen. Eine erste Prüfung war die unerwartete Schwangerschaft Katharinas. Der Mann hatte zudem wiederkehrende Albträume, war er doch mit 16 Jahren schon als Matrose in de Gaulles Armee eingetreten, aus Verzweiflung über kalte Eltern und tiefe Kränkungen. 1960 erwarb das Paar ein verfallenes Riesenhaus in Romainmôtier und steckte jeden Rappen in die Renovation dieses ehemaligen Klosters, bis Freddy Dilhorn das nicht mehr aushielt und sich nach England flüchtete. Und doch blieben sich die Zwei bis zu Dilhorns Tod 1976 eng verbunden.

In einer anderen Welt

Den Historiker und Autoren Wilfried Meichtry kann man vor allem mit tollen Geschichten verführen. Das wusste auch sein Freund, Kameramann Pierre Reischer, der ihm von einem „unglaublichen Archiv“ in einem ehemaligen Klostergebäude in Romainmôtier vorschwärmte. Etwas unwillig, weil gerade mit der Fertigstellung eines andern Projektes beschäftigt, nahm sich Meichtry doch einen halben Tag Zeit für diesen Besuch. Doch kaum war er in dieses Priorhaus in Romainmôtier eingetreten, fühlte er sich in einer anderen Welt. Die Hausherrin Katharina von Arx warf ihm denn auch in ihrem Gespräch immer mal wieder einen verführerischen Brocken verblüffender Geschichten hin. Und so entstand aus diesem als Kurzbesuch geplanten Halbtag eine langjährige Zusammenarbeit. Meichtry bekam Zugang zu allen archivierten, seit mehr als 30 Jahren nie mehr geöffneten Dokumenten und erhielt damit umfassenden Einblick in ein faszinierendes Frauenleben. 


Den eigenen Film nicht mehr gesehen

Der Film verknüpft Gespräche mit Katharina von Arx mit von Schauspielern gespielten Szenen und lässt so am Leben dieser ganz speziellen Frau teilhaben. Leider konnte diese den fertigen Film nicht mehr sehen, sie starb kurz vorher. Viele Fotos von Freddy Dilhorn – in Papa Neu-Guinea wurde der Mann „Felety“ genannt – zeigen Szenen aus unbekannten Welten. Das Drehbuch hat Wilfried Meichtry geschrieben, er führte auch Regie. Zudem schrieb er eine umfassende Biografie unter dem Namen: „Die Welt ist verkehrt, nicht wir.“ Damit hat er der unternehmungslustigen, stets an ihren Träumen festhaltenden Katharina von Arx ein lebendiges Denkmal gesetzt.

Nach einer kurzen Lesung aus seinem Buch über die Frau und dem nachfolgenden Film beantwortete Wilfried Meichtry auch Fragen aus dem Publikum, etwa über die abenteuerliche Reise des Totenschädels der Mutter eines Eingeborenenhäuptlings von Papa-Neu-Guinea, welcher nun angeschrieben im Beinhaus von Leuk einen Platz gefunden hat. 

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Im Gespräch mit Interessierten nach dem Anlass: Wilfried Meichtry signierte auch Bücher.