Wo einst Stickereien gefertigt wurden, werden heute Beziehungsfäden geknüpft. In einem Gemeinschaftsbüro an der Glärnischstrasse treffen sich Berufsleute aus unterschiedlichen Branchen zum Austausch von Wissen, Erfahrungen und Kontakten. Sie gehören zu den Vorreitern der zukünftigen Arbeitswelt. IT-Geräte statt Stickmaschinen
Beim Betreten des Büro Lokal fällt als erster Eindruck die unerwartet ausgeprägte Helligkeit auf. Um im ehemaligen Stickereisaal die feinen Fäden und Textilstrukturen zu erkennen, war viel Licht unerlässlich, grosse Fensterfronten sorgen dafür. Wo ehemals Maschinen ratterten, summt heute höchstens mal ein Drucker oder eine Kaffeemaschine. Oder es meldet sich ein Smartphone.
Notebook genügt
Personen die heute hier ein und aus gehen brauchen nicht primär gute Augen und geschickte Finger, sie brauchen professionelles Fachwissen und ein Laptop. „Bei uns sind vor allem Wissensarbeiter eingemietet“, erklärt Jenny Schäpper-Uster, Gründerin des sogenannten Coworking Spaces. „Dies ist ein modernes Gemeinschaftsbüro zur flexiblen Benutzung, ein Arbeitsplatz kann tageweise, wochenweise oder auch über Monate gemietet werden.“

Zu den Kunden gehören unter anderem Firmengründerinnen, Aussendienstmitarbeiter, Freischaffende und IT-Spezialisten, aber auch Doktoranden sowie Studierende mit kleinem Budget.

Immer mehr Gemeinschaftsbüros
Coworking Space, ein Begriff, der in einer wenig urbanen Regionen wie Wil etwas exotisch klingt, löst anderswo schon lange kein Erstaunen mehr aus. In der Trendstadt Berlin beispielsweise sind Dutzende dieser Institutionen gelistet. Und auch in St.Gallen stehen mehrere Angebote zur Auswahl. Momentan wird ein derartiges Gemeinschaftsbüro in Lichtensteig aufgebaut.

Auch Frauenfeld sowie Weinfelden verfügen über diese Art von neuartigen Arbeitsplätzen. Das Netz an Coworking Spaces wird in städtischen und wie in ländlichen Gemeinden in absehbarer Zeit zunehmend dichter werden.

Ortsunabhängiger Datentransfer
Durch die fortschreitende Digitalisierung sind viele Arbeitsplätze weniger an einen fixen Standort gebunden. Konstruktionspläne, Dokumentationen und Buchhaltungstabellen können bequem von einem Laptop zum nächsten verschickt werden. Arbeitsgruppen können auch online miteinander kommunizieren. Daher arbeiten manche Menschen in ihren privaten Räumen.

Diese Homeoffice genannte Arbeitsweise hat gemäss Jenny Schäpper einige Nachteile. Es fehlt der kollegiale Austausch. Im Weiteren ist zum Teil die Abgrenzung schwierig, etwa wenn Kleinkinder immer wieder den Unterbruch der Arbeit erzwingen.
Inspirierende Gespräche
Die Alternative dazu ist das Gemeinschaftsbüro. Neben einem Arbeitsplatz, der nur dann gemietet wird, wenn er auch tatsächlich benötigt wird, stehen eine professionelle Infrastruktur und auch ein separater Raum für Besprechungen zur Verfügung.

Jenny Schäpper erwähnt zudem den gedanklichen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen. „Er kann inspirierend wirken.“ Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass in einem Coworking Space Menschen aus unterschiedlichen Branchen aufeinander treffen, die sich gegenseitig mit Fachwissen und mit Kontakten versorgen.

Die Initiantin der Wiler Mietarbeitsplätze spricht von „Wissenstransfer“: Der Software-Entwickler hilft seinem Jungunternehmer-Kollegen bei einem kniffligen Problem bei seinem Buchhaltungsprogramm. Und die Finanzspezialistin entwickelt für die Kulturmanagerin ein Budget.

Kontaktpflege
Übersetzt bedeutet der Begriff Coworking Zusammenarbeit. Diese soll ausdrücklich zwischen den Mietern von Arbeitsplätzen gefördert werden. Im Wiler Büro Lokal finden dazu ab und zu Workshops, Yogalektionen, Tanzkurse, Konzerte, Bilderausstellungen sowie auch gemeinsame Essen statt. Zum Infrastruktur-Angebot gehört eine voll ausgerüstete Küche.
Kooperation fördern
Zudem treffen sich Interessierte monatlich zu einer gemeinsamen Kaffeepause, in der eine teilnehmende Person ihr Fachgebiet oder ihr Unternehmen vorstellt. Auf diese Weise entstehen mögliche Kooperationen und neue Kontakte werden geknüpft, bestehende werden gepflegt.

An diesen unterschiedlichen Zusammenkünften im zwangslosen Rahmen nehmen nicht nur Mieter von Arbeitsplätzen teil, eingeladen werden auch Interessierte sowie Mitglieder eines Vereins, der mit Büro Lokal gekoppelt ist. Auf diese Weise werden die Beziehungsnetze zusätzlich erweitert, sie sollen zu gemeinsamen Projekten inspirieren und den Wissenstransfer begünstigen.

Neue Formen von Stammtischen
Die engagierte Unternehmerin erinnert daran, dass derartige Beziehungsgeflechte gar nicht so neu sind, wie sie im ersten Moment erscheinen mögen. „Den Beizenstamm von Handwerkern und die geselligen Anlässe von Gewerbevereinen gibt es schon lange.“

Sie glaubt, dass durch die Gemeinschaftsbüros das Zusammenwirken von Berufsleuten weiterentwickelt werden kann. Sie nennt als Beispiel administrative Tätigkeiten, die bei vielen Handwerksbetrieben, aber auch bei Landwirten zu den ungeliebten Pflichten gehören. Mit geschickten Arrangements könnten diese in ein Gemeinschaftsbüro ausgelagert werden. Einerseits fallen damit die Fixkosten für einen nur teilweise genutzten Büroarbeitsplatz im Betrieb weg. Andererseits kann eine Fachperson die Administration von mehreren Firmen übernehmen, durch diese Synergien sinken die Kosten für alle Auftraggeber.

Vielfältige Impulse
Jenny Schäpper denkt sogar noch einige Schritte weiter: Eine Büroinfrastruktur, die gemeinschaftlich genutzt werden kann, könne für Gemeinden zu einem Standortvorteil werden, in dem sie die lokale Gemeinschaft stärke. „Heute besuchen viele Leute den Wochenmarkt, um Freunde und Bekannte zu treffen. Doch so eine Plattform zur Begegnung ist nicht ausreichend.“ Es sei eine zu romantische Vorstellung, dass dies genüge, um den sozialen Zusammenhalt zu fördern.

Ein Zentrum, in dem gearbeitet, aber auch gemeinsam Kaffee getrunken, gegessen oder ein Quartiertreff eingerichtet werden kann, würde die Lebensqualität erheblich erhöhen. Zudem kurble es auch die lokale Wirtschaft und deren Innovation an.

Pendeln weniger erforderlich
Sie erinnert daran, dass die Entwicklung der sogenannten Industrie 4.0 viele Firmen und staatliche Verwaltungen dazu zwingen werde, sich über Arbeitsformen der Zukunft Gedanken zu machen. „Zum Beispiel sind die immer intensiveren Pendlerströme nicht nur ökologisch fragwürdig, dank der digitalen Entwicklung gibt es zu ihnen auch Alternativen.“ Viele Berufsleute benötigen bereits heute kein fixes Pult mehr innerhalb eines Betriebes. Einzelne Grossfirmen gehen allmählich dazu über, Arbeitsplätze nach Extern zu verlagern.

Infrastruktur für die Gemeinschaft
Wenn in vielen Gemeinden die Poststellen geschlossen werden, braucht es neue Formen des „Service public“ die der Bevölkerung dienen, meint Jenny Schäpper weiter. „Niemand stellt in Frage, dass öffentliche Bibliotheken von staatlichen Stellen im Interesse der Allgemeinheit finanziell getragen werden, weshalb nicht auch gemeinschaftliche Zentren, in denen der bereichernde Austausch von verschiedenen Bevölkerungsschichten gefördert wird?“

Weitreichender Überblick
Als Tochter von Auslandschweizern ist Jenny Schäpper-Uster in Washington D.C. aufgewachsen. Sie kam als junge Erwachsene in die Schweiz, um hier eine Saison lang Ski zu fahren; die heute 45-Jährige blieb im Land ihrer Vorfahren hängen. An der Universität Lausanne ergänzte sie ihre Kenntnisse in internationaler Betriebswirtschaft, zuvor hatte sie dieses Fach in Boston studiert. Die verheiratete Mutter von zwei schulpflichtigen Buben lebt in Rossrüti.

Als Präsidentin des Vereins Coworking Switzerland pflegt sie vielfältige Kontakte und ist über die spezifischen Entwicklungen der Bürogemeinschaften in den einzelnen Regionen des Landes auf dem Laufenden. Da die Bewegung der Gemeinschaftsbüros auch international gut vernetzt ist, ist ihr Überblick sehr weitreichend.