Das Februarangebot von KULTUR GIBT GAS bot anspruchsvolles Schauspiel auf höchstem Niveau. Das Zuhören verlangte Konzentration und lud zum Weiterdenken ein. Diesmal war der Gemeindesaal etwas weniger voll als üblicherweise, wer jedoch dabei war, erlebte einen darstellerischen Hochgenuss mit hochkarätiger Besetzung. Die Hauptrolle war mit dem bekannten deutschen Schauspieler Gerd Silberbauer besetzt, den man in Uzwil bestimmt noch nie so hautnah hatte bewundern können. Am Schluss gab es einen langen Applaus für die engagiert aufspielende Spielertruppe, von Gerd Silberberger noch zusätzlich angeheizt…Einführung vor der Aufführung
Diesmal gab es vor der eigentlichen Theatervorführung eine Einführung in das Stück. Marsha Zimmermann, eine der Schauspielerinnen, beleuchtete Zeit und Vorgeschichte des Dramas. Man spürte ihre Begeisterung, ein Teil der Aufführung zu sein, mit jedem Wort. Sehr interessant waren ihre Ausführungen zum Bühnenaufbau. Ohne diese hätte man vermutlich kaum gemerkt, dass die „Bühne auf der Bühne“ ein Tragflügel eines Flugzeuges sei und das herunterhängende weisse „Tischtuch“ ein Fallschirmsegel, noch viel weniger hätte man im Hintergrund die zwei schwarzen Stofffetzen als Fallschirmsegel erkannt – eine Symbolik auf die Fliegerleidenschaft und die Tragik der Hauptfigur im Stück. Auf detailgetreue Uniformen habe man jedoch bewusst verzichtet.

Susanne Wipf Fischer, Programmverantwortliche bei KULTUR GIBT GAS, war der Stolz anzuhören, dem Uzwiler Publikum einen solch hochstehenden Theatergenuss bieten zu können.

Carl Zuckmayer (1986 – 1977)
Carl Zuckmayer gehörte zu den berühmtesten Dramatikern seiner Zeit. Stücke wie „Der fröhliche Weinberg“ oder „Der Hauptmann von Köpenick“ – beide auch verfilmt – waren damals allseits bekannt und werden auch teilweise heute noch gespielt. Sein grösster Erfolg war jedoch „Des Teufels General“, ein Stück zum Nachdenken über Mitläufertum, Zivilcourage und die Frage, ob es tatsächlich stimme, dass der Zweck die Mittel heilige. Da die Nazis Zuckmayers Bücher nach ihrer Machtergreifung verboten und er auch wegen seiner jüdischen Grossmutter akut gefährdet war, floh er mit seiner Frau Alice erst nach Wien, dann über die Schweiz in die Vereinigten Staaten, wo er sich nach kurzem Aufenthalt in Hollywood nach Vermont verzog und dort mit seiner Frau auf einer Farm lebte.

Nach Kriegsende kam Zuckmayer 1946 als Kulturbeauftragter der amerikanischen Regierung nach Deutschland zurück, unterdessen mit amerikanischem Pass versehen. Es hielt ihn jedoch nicht dort, er kehrte nach den USA zurück, liess sich aber 1966 in Saas Fee im Wallis nieder und ist auch dort begraben.

Riesiger Erfolg
Interessanterweise wurde das Stück 1946, kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, zuerst in Zürich aufgeführt, in der Hauptrolle der heute noch verehrte, wenn auch bereits 1987 verstorbene Gustav Knuth. In Deutschland war eine solche Geschichte damals noch zu „heikel“. Doch schon 1954 wurde das Drama verfilmt, unter der Regie des weltbekannten Regisseurs Helmut Käutner, in der Hauptrolle der unvergessliche „Normannische Kleiderschrank“ Curd Jürgens. Und ab 1967 wurde „Des Teufels General“ nach einer Neubearbeitung durch Zuckmayer regelmässig auf vielen Theaterbühnen dargeboten und regte mit seinen Aussagen zu grossen Diskussionen an.

Anlass für das Stück
Zuckmayer hatte ein seinem Exil in Vermont eine kurze Zeitungsnotiz gelesen. Ernst Udet, ein hochdekorierter Fliegergeneral der deutschen Luftwaffe, sei gefallen und mit einem Staatsbegräbnis geehrt worden. Zuckmayer hatte den General aus der gemeinsamen Zeit bei der Luftwaffe im Ersten Weltkrieg gekannt. Allerdings hatte Udet auf die Unterstützung von Göring gebaut. Dieser liess ihn jedoch fallen, als sich Misserfolge der Jagdflieger häuften. Udet erschoss sich, doch Hitler liess den Suizid vertuschen und ordnete ein Staatsbegräbnis an. Diese kleine Information veranlasste Zuckmayer, innert kürzester Zeit einen ersten Akt zu einem Stück namens „Des Teufels General“ zu schreiben. Bis zum fertigen Werk dauerte es allerdings noch zwei Jahre. Er schrieb ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher Weltanschauung in sein Werk ein, vom naiven jungen Soldaten bis hin zum desillusionierten General, vom strammen Parteisoldaten bis zur genusssüchtigen Frau.

Politische Einordnung
1933 war Hitler an die Macht gekommen und hatte sich einen gewaltigen Propaganda-Apparat aufgebaut, dazu eine Einschüchterungsmaschinerie namens SS. Schnell waren die demokratischen Strukturen ausser Kraft gesetzt, menschliches Handeln verächtlich gemacht und jüdische und andere Minderheiten zur Verfolgung freigegeben. Die unsäglichen Rassengesetze trieben unzählige Künstler in die Emigration, so auch Zuckmayer. Flaggen und Springerstiefel beherrschten das Bild, der tobende Hitler den Rundfunk. Wer überleben wollte, musste entweder fliehen oder sich anpassen, Widerstand endete oft am Galgen.

Handlung
Harras ist ein hochdekorierter Fliegergeneral, festet gerne, umgibt sich mit schönen Frauen und trinkt viel Hochprozentiges. Schon länger ist ihm aufgefallen, dass unerklärlich viele „seiner“ Jagdflugzeuge abstürzen, obwohl sie doch gerade gewartet worden sind. Schon beginnt auch die Nazi-Führung aufzuhorchen. Doch einmal noch will er so richtig feiern, und zwar bei „Otto“. Gleich zu Beginn der Szene wird eine Wanze ins Telefon eingesetzt, denn die Regierung muss doch die Gesinnung ihrer Leute kennen. Harras redet ungeschminkt und spöttisch über den Abstinenzler Hitler, während er mit seinem Kollegen Friedrich Eilers und andern Gästen ein Glas Schnaps ums andere trinkt. VATERLAND buchstabiert er mit Wörtern wie „Volksgerichtshof“, „Aufhängen“ oder „Totschlagen“, er weiss also ganz genau, was im Lande vor sich geht. Sigbert von Mohrungen, für den Einkauf von Rohmetallen zuständig, spricht aus, was so viele nach dem Krieg gesagt haben: „Bitte, verstehen Sie mich, ich habe doch nur meine Pflicht getan.“

Kein Parteisoldat
In die Partei mag Harras nicht eintreten, ihm ist einzig die Fliegerei wichtig, ja sein Ein und Alles. Auch vor ihm macht aber die Gestapo nicht Halt und verhört ihn vierzehn Tage lang, weil er noch immer nicht herausgefunden hat, warum immer wieder Flugzeuge abstürzen. Es gibt nochmals eine Galgenfrist von zehn Tagen. Zu seiner grossen Enttäuschung muss er feststellen, dass einer seiner besten Freunde, Oderbruch, im Zeichen des Widerstandes Sabotage an den Flugzeugen zugibt. Dieser fleht darauf Harras an, zu fliehen, eine Maschine stehe schon für ihn bereit. Doch General Harras zieht es vor, Oderbruch zu schützen und selber die Verantwortung zu übernehmen, besteigt deshalb eine der sabotierten Maschinen und stürzt mit dieser ab. Natürlich wird auch hier zynischerweise ein Staatsbegräbnis befohlen.

Frauen eher Randfiguren
In der Männerwelt eines Heeres - und im Besonderen einer Fliegerstaffel - hatten Frauen nur Dekorationszwecke. Sie mussten die Soldaten bei Laune halten, zuhause schön warten, bis ihre Männer hoffentlich wiederkamen und all die Angst um ihre Liebsten – oft waren ja neben dem Ehemann auch Söhne auf dem Schlachtfeld – allein aushalten. Im Stück „Des Teufels General“ treten genau vier Frauen auf. Anne hat den rassigen Parteisoldaten und Flieger Eilers zum Mann, welcher irgendwann ums Leben kommt. Ihre Schwester Waltraud, von allen nur „Pützchen“ geheissen, himmelt Hitler und seine Ideologie an und zeigt das auch mit brauner Uniform. Sie bekommt von Harras einmal auf die Frage: „Wie gefällt Ihnen die Uniform?“ als Antwort: „Zu braun!“ Diddo Geiss, eine blutjunge Frau, hat ihr Herz an den viel älteren, von weltmännischem Glanz und einer Aura der Unbesiegbarkeit umgebenen Harras verloren. Ihre Mutter war vor Jahren selbst einmal seine Geliebte. Doch hier nimmt er seine Verantwortung wahr und stösst die Frau von sich, damit sie nicht mit ihm untergeht.

Alkohol als Problemlöser
Im ganzen Stück wird getrunken, ja oft richtig gesoffen. Da sieht man die Welt dann etwas weniger genau, vergisst das eigene Elend und wacht erst am andern Morgen wieder etwas nüchterner auf. Vergessen ist jedoch auch ein Heilmittel gegen die grosse Angst, die Harras schon recht früh im Stück befallen hat. Er sieht, was vor sich geht, und doch ist ihm das Fliegen derart wichtig, dass er nicht davon lassen kann, selbst wenn er damit Tod und Unglück verursacht. „Was kümmert mich die Politik?“ ist die Haltung verschiedener Personen im Stück. Hauptsache, man lebt noch ein wenig glücklich und im Luxus, alles kann ja so schnell vorbei sein.

Umgang mit Schuld
Das Stück ist auch heute hochaktuell. Heisst Schweigen immer, dass man einverstanden ist mit dem, was im Lande läuft? Und könnte man nicht mehr wissen und deshalb auch etwas dagegen unternehmen? Wann ist Zivilcourage gefragt? Die Schauspieler und Schauspielerinnen haben mit ihrem packenden Spiel viele Fragen aufgeworfen, die Zuckmayer als „Täterforscher“ wichtig waren und welche auch heutige Menschen herausfordern.


Die Theatergesellschaft Landgraf hat ein äusserst gediegenes, sehr informatives Programmheft mit tollen Bildern gestaltet – sehr beeindruckend.

Letzter Anlass von KULTUR GIBT GAS in dieser Saison:

Freitag, 23.März 2018 – die Vorstellung ist allerdings restlos ausverkauft. Deshalb gibt es am Sonntag, 25. März, um 18:00 Uhr eine Zusatzvorstellung.

Konzertdirektion Landgraf

Konzertdirektion Landgraf mit DES TEUFELS GENERAL

Des Teufels General – Film mit Curd Jürgens

Interview mit Gerd Silberbauer

Artikel in DIE ZEIT über Anlass und Bekanntschaft mit Ernst Udet