Sie ist 60 Centimeter lang, knapp drei Kilogramm schwer, kann den Kopf, die Flossen sowie den Schwanz bewegen, gibt Geräusche von sich und hat rund 8000 Franken gekostet. Sie kann eine breite Palette an Emotionen spiegeln. Die Rede ist von einer Plüsch-Robbe, in welcher sich ein Roboter befindet. Sie hört auf den Namen «Paro», was die Abkürzung ist für «Personal Assistant Roboter». Ein Geschlecht hat Paro nicht. Und dies ganz bewusst, damit in der Therapie von Knaben oder Mädchen keine Nachteile entstehen.

Eingesetzt wird Paro in der Privatklinik Clienia Littenheid ausschliesslich im Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Die Gründe, warum die Anschaffung getätigt wurde, sind vielschichtig. Hauptsächlich ist der Roboter ein Türöffner, um mit den Mädchen und Knaben vertieft ins Gespräch zu kommen. «Er gibt ihnen zudem das Gefühl, nicht alleine zu sein. Manchen fällt es leichter, gegenüber einem Plüschtier Gefühle zu zeigen als gegenüber einem Menschen», sagt die diplomierte Sozialpädagogin Anna Rukavina, die sich in der Clienia um die Jugendlichen kümmert.

Tor zur Seele

Ähnlich sieht es die diplomierte Pflegefachfrau Ramona Müller, die in der Privatklinik mit den jüngeren Kindern zusammenarbeitet. Sie sagt: «Auch Buben und Mädchen, die grundsätzlich sehr grob sind, können mit Paro plötzlich ihre feine Seite zeigen. Kindern mit ADHS gelingt es dank Paro, sich besser zu konzentrieren.» Zum Einsatz gelangt der über weite Strecken beliebte Plüsch-Roboter bei abendlichen Besprechungsrunden oder bei so genannten Bezugspersonen-Gesprächen. Die beiden Fachpersonen unterstreichen die Wichtigkeit der körperlichen Nähe. Diese können sie den Kindern und Jugendlichen nicht geben, um die professionelle Distanz zu wahren. Paro hilft gerne weiter.

Eingesetzt wird die Roboter-Robbe auch bei jungen Patienten mit einem Selbstwertproblem. Sie vertrauen sich einem Plüschtier eher an als einem echten Menschen. So ist Paro also in erster Linie eine Art Türöffner, um den Zugang zur Seele der Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen. «Paro spendet Halt und kann viele emotionale Dinge auffangen. Da er Geräusche von sich gibt, lockert er so manche Situation auf», sagt Anna Rukavina. Sie betont, dass aber Paro alleine nicht genüge. Die eigentliche Arbeit müssten dann schon die Fachpersonen machen.

Bewusst kein Plüschhund

Bleibt die Frage, warum die Clienia nicht auf richtige Tiere setzt. Die Tierpädagogik liefert viele Ansätze in diese Richtung. Anna Rukavina, die ihre Diplomarbeit diesem Thema gewidmet hat, sagt: «Paro hat viele Vorteile der Tierpädagogik, aber keine Nachteile für uns.» Sie denkt an die Spital-Hygiene-Richtlinien, welche eingehalten werden müssen. So haben gewisse Kinder und vor allem Jugendliche offene Wunden, weil sie sich selber verletzen. Direkter Körperkontakt mit Tieren wäre heikel. Das weisse Fell von Paro kann mit einem Lappen leicht abgewischt werden. Auch Tierallergien sind ein Thema. Anna Rukavina sagt: «Tiere können auch mal einen schlechten Tag haben und einfach weglaufen, wenn es ihnen zu viel wird. Passiert dies, kann das zu einem Abbruch der Beziehung zwischen Mensch und Tier führen.» Zudem brächten echte Tiere zum Beispiel Zecken mit oder hätten Durchfall.

Dass ausgerechnet eine Robbe ausgesucht wurde, ist kein Zufall. Hätte man einen Hund oder eine Katze genommen, würde für gewissen Patienten eine vorbelastete Situation entstehen, da sie schlechte Erfahrungen mit diesen Tieren gemacht haben. Bei Robben ist dies kaum der Fall.