Es ist ein heisser Sommertag. Claudio Künzli sitzt auf einer Holzbank im Strandbad des Hüttwilersees. Binnen Minuten zeichnen sich auf seinem grau melierten T-Shirt Schweisstropfen ab. Seine trainierten Oberarme lassen erahnen, dass der gebürtige Aadorfer, der mittlerweile in Frauenfeld wohnt, sportlich aktiv ist. Ja, ein Sportler ist der 25-Jährige durch und durch. Und das mit Erfolg. Während Künzli seine Lebensgeschichte erzählt, ist seine Wortwahl ziemlich bedacht. Ist Künzli eher verschlossen oder zurückhaltend? «Nein, er möchte nur nicht etwas im Schnellschuss sagen, was er eigentlich nicht so gemeint hat», sagt sein Vater Peter Künzli, als die Journalistin nach den Kontaktangaben des jungen Sportlers fragt. Er werde die Fragen vorher schriftlich haben wollen. Also trifft ein bedachter Mensch wohl eher auf ihn zu.

Seit seinem zehnten Lebensjahr hat sich Künzli der Leichtathletik verschrieben. Bereits sein Vater und Grossvater waren begeisterte Leichtathleten. «Mein Grossvater war auch ein Speerwerfer», erzählt Künzli gleich zu Beginn des Gesprächs. Seit seiner Jungendzeit trainiert er fünf bis sechs Mal in der Woche. Speerwerfen ist seine Disziplin. Seine grosse Leidenschaft. Sein Ausgleich zum beruflichen Alltag. Seine Freizeitbeschäftigung, die ihm besonders Spass macht. «Warum ich kein Sprinter geworden bin?», wiederholt er die Frage. Er lacht. So, wie es Menschen tun, die über sich selbst lachen können. Und das auch noch gerne machen. «Weil ich einfach zu langsam bin», antwortet er kurz und bündig. Wieder lacht er. «Ich bin einfach ein Einzelsportler», meint Künzli. Alles, was er sich bisher erkämpft habe, habe er mit seiner eigenen Leistung und seinem Durchhaltevermögen geschafft. 

Ein Jahr ohne das Speer

Rückblick in Künzlis Vergangenheit: Seit bald einem Jahr hat der 22-Jährige keinen Speer mehr geworfen. Wegen eines Aussen- und Innenmeniskusrisses am Knie muss er sein erfolgreiches Training vorerst an den Nagel hängen. Doch an seinem Ziel, wieder gesund zu werden, zweifelt Künzli nicht. «Ich sehe mich bald wieder mit einem Speer in der Hand auf dem Sportplatz», sagt der Aadorfer. Starke Worte eines starken Athlethen, der schon einige Verletzungen erlitten hat. Was überheblich klingen mag, ist auf keinen Fall so gemeint. Denn Künzli ist weder arrogant, noch ein Träumer. Er ist eher ein unermüdlicher Optimist, für den positives Denken zum Tag gehört wie das Aufstehen und Schlafengehen. Denn das etwa 1,80 Meter grosse Kraftpaket ist in seiner sportlichen Karriere dieses eine Mal stark gefallen, ist aber wieder aufgestanden.

«Aufgeben ist nicht meine Art», sagt Künzli heute. Ausserdem sei es nicht unüblich, dass sich Speerwerfer oft und auch schwer verletzen würden. So habe er sich auch schon eine Sehne in der Schulter angerissen und weitere Meniskusrisse am Knie zugezogen. Die heisse Nachmittagssonne prallt auf seinen Nacken. Auf seiner Stirn bilden sich auch schon Schweissperlen. «Mir macht die Sonne nichts aus», sagt er, «denn ich habe mich gut eingecremt». Während der grossen Verletzung – nach der er eben ein Jahr lang aussetzen musste – hat der dreifache  Thurgauer Meister und mehrfache Schweizer Medaillengewinner viel verpasst. «Natürlich war das keine einfache Zeit», erzählt Künzli heute, «aber ich habe mich zurückgekämpft». Ausserdem stehe ihm seine grosse sportliche Glanzleistung noch bevor. «Denn die meisten Speerwerfer kommen im Alter von etwa 28 Jahren auf den Höhepunkt ihrer Karriere», weiss er. Im Moment wirft Künzli den Speer über 67 Meter weit. Doch sein nächstes Ziel hat der 25-Jährige Sicherheits-Fachmannschon im Visier: «Ich möchte die 70 Meter knacken.» 

 
Claudio Künzli, Schweizer Meister im Schiefern, erklärt, wie man erfolgreich einen Schieferstein wirft. (Video: Magdalena Ceak)

Schweizer Titel aus Spass

Mittlerweile steht Künzli am linken Ufer des Strandbads am Hüttwilersee. Aus seinem Rucksack packt er ein paar flache Steine heraus und steckt seine Füsse an diesem heissen Sommertag sehnlichst ins kühle Wasser. Neben seinen Füssen legt er das halbe Dutzend Steine ins Wasser hin. Denn auf dem Wasser hat er bereits einen 71-Meter-Wurf geschafft – zwar nicht mit dem Speer, aber dafür mit einem Schieferstein. Der Wurf mit 13 Hüpfern verhalf ihm an der Schweizer Schiefer-Meisterschaft in Ermatingen zum Titel. Konzentriert blickt Künzli in die Weite des Hüttwilersees, dann holt er mit seinem rechten Arm einen Schwung und schiefert einen Stein hinaus. Der 25-Jährige blickt dem Stein hinterher. Und damit blickt er in Richtung Weltmeisterschaft, die in Schottland auf Easdale-Island stattfindet. Denn das ist sein Siegerpreis. 

«Das Schiefern ist mit dem Speerwerfen ziemlich verwandt», sagt der leidenschaftliche Sportler. So brauche es bei beiden den Hüftschwung, eine schnelle Armbewegung. «Vielleicht hat es deshalb mit dem Schweizer Titel geklappt.» Künzli zuckt mit der Schulter und lacht. Mit dem Schieferstein-Wurf hat er nicht gerade mit dem Titel gerechnet, weil er das Schiefern nicht regelmässig trainiert. «Mein Vater und ich haben uns aus Spass angemeldet», sagt Künzli. Nun freut er sich Ende September auf die Weltmeisterschaft in Schottland. «Und da sollte ich mich schon vorbereiten, auch wenn der Titel unmöglich erscheint», so Künzli.