Äusserlich präsentiert sich das neue Werk wie sein Vorgänger «Sehnsucht. Mit Weitsicht» (2020) in farbigem Umschlag. Dabei wechseln sich dieses Mal nicht verschiedene, warme Rottöne mit Weiss in waagrechten Streifen ab, sondern kalte Blautöne mit Weiss und bilden analog zum Buchtitel eine Art von abstraktem Himmel. Somit sind die beiden Bände, deren Gedichte innerhalb der letzten 5 Jahre entstanden sind, eine Art Zwillingspaar.

Waren die Gedichte in «Sehnsucht. Mit Weitsicht» noch mehr beziehungsorientiert, schlägt der neue Gedichtband, in denen vermehrt gesellschaftliche Themen angesprochen werden, mehr dunklere Zwischentöne an. So gibt es nebst Gedichten zur Corona-Pandemie auch Gedichte zum Krieg, zur Flüchtlingspolitik oder zum Rechtsradikalismus.

Und dennoch kommen persönliche Themen nicht zu kurz. Das Sterben des eigenen Vaters wird ebenso thematisiert wie die Liebe, die gelebt wird, ungelebt bleibt, in der verborgenen Sehnsucht stecken bleibt oder sich verirrt, sich abkühlt und zur Makulatur wird.

Der Titel des Buches ist eine Anlehnung an ein Gedicht, das auch auf der Buchrückseite abgedruckt ist.

Das letzte Stück

Ich hatte meiner Frau
Zu Weihnachten
Ein Puzzle geschenkt

Mit viel Meer
Und viel Himmel
Und einer Möwe

Als sie fertig war
Fehlte ihr
Ein Stück vom Himmel

Kaum ein Thema, das Oberholzer in den letzten Jahren beschäftigt hat, bleibt aus. Nebst den Corona-Gedichten steht ein Gedicht mit dem Titel «Ausweg Schaffhausen» inhaltlich etwas quer zu den anderen Gedichten. So fasst Oberholzer in diesem Gedicht seine intensive Wander-Auszeit während des Corona-Frühlings 2020 zusammen, die ihm den Kanton Schaffhausen, den er bislang nur schlecht kannte, durch seine abgeschiedene Natur auf eine sehr positive Art und Weise nahegebracht hat. So ist dieses Gedicht eine Hommage an das vielfältige Hinterland des Kantons Schaffhausen.

Es kommen aber auch Gedichte vor, in denen das Gedicht oder seine Stilmittel wie die Metaphern selbst zum Thema werden.

Obwohl einige Gedichte thematisch eher dunklere und nachdenklichere Töne als die Texte in seinem Vorgänger anschlagen, kommen der für Oberholzer typische Witz und die Satire nicht zu kurz wie etwa in den Gedichten «Im Appenzeller Hinterland», «Unter einem Dach», «Zweiklassengesellschaft», «Dichtung und Wahrheit», «Weise Worte» oder «Amerikanische Verhältnisse».

Auch Anglizismen fehlen im neuen Band nicht, die Oberholzer in seine Gedichte unter die deutsche Sprache mixt wie eine fremde Zutat, die den Gedichten noch eine andere Note verleiht. So finden sich solche Anglizismen im Gedicht «Im Outback», das die australische Wüste mit ihren gefährlichen Tieren zum Thema hat, ebenso wie in den Gedichten «Verschneite Landschaft», «Abbey Road», «Wieder auf Platz 1», in denen englische Songtitel oder Titel von Alben der Beatles in die Texte gewoben sind.

Den 80 Gedichten vorangestellt ist ein Zitat von Gerhard Uhlenbruck, das oft auch symptomatisch für unsere Zeit zu sein scheint: «Wer den Himmel auf Erden verspricht, lügt das Blaue vom Himmel».

René Oberholzer verspricht uns in seinen neuen Gedichten nicht das Blaue vom Himmel, aber er zeigt uns, dass Poesie immer auch ein Stück vom Himmel ist.