Der Verteidiger des Somaliers hat das Ziel erreicht: Sein Mandant kam zum zweiten Mal vor Schranken um einen Landesverweis herum, obwohl sich der Mann so manches hat zuschulden kommen lassen – auch kurz nach Verbüssen einer Haftstrafe bei laufender Probezeit. Selbst der Rechtsanwalt hatte nach der Verhandlung ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Nach dem Urteil von Donnerstag ist die Gefahr nämlich gross, dass man sich schon bald an gleicher Stätte und in gleicher personeller Zusammensetzung erneut trifft zur nächsten Verhandlungsrunde.

Denn die Situation des Somaliers ist desolat. Seit 2015 ist er arbeitslos und lebt mittlerweile von der Sozialhilfe. Er trinkt Alkohol, braucht Medikamente. Auch Drogen sind ihm nicht fremd und er habe nur wenige soziale Kontakte im nicht-kriminellen Umfeld, hiess es vor Gericht. Immer wieder hat er gestohlen. Selbst der Gefängnis-Kiosk im Saxerriet war nicht vor ihm sicher und wurde erleichtert. Obwohl er seit über 20 Jahren in der Schweiz lebt, hat er immer noch den Status «F», ist also «nur» vorläufig aufgenommen.

Nun also dieses Urteil: 4 Monate unbedingt, die aber zu einem guten Teil schon abgesessen sind. Dies kann zur Folge haben, dass der Somalier schon in wenigen Tagen wieder auf freiem Fuss ist. Dann nämlich, wenn er die Geldstrafe von 5400 Franken bezahlt – oder wenn diese Summe für ihn bezahlt wird. Eine stationäre Massnahme konnte vom Gericht nicht angeordnet werden, da dies nur bei bedingt ausgesprochenen Haftstrafen möglich ist. Die Initiative für eine solche Massnahme müsste vom Somalier ausgehen. Also wird der in Wil wohnhafte Mann womöglich schon in wenigen Tagen wieder am Bahnhof anzutreffen sein. Denn ob er dieses Mal die Lektion des Richters verstanden hat, darf bezweifelt werden. Am besten wäre es für ihn, wenn die 5400 Franken nicht bezahlt würden, womit sich die Haftstrafe um ein paar Monate verlängerte. Das gäbe ihm Zeit, sich Gedanken zu seinem Lebensinhalt zu machen. Konkrete Pläne dazu konnte er dem Richter nur ansatzweise präsentieren.

Auch wenn das Urteil des Kreisgerichtspräsidenten juristisch korrekt ist, so bleibt beim aussenstehenden Beobachter ein schaler Nachgeschmack. Es ist schwer verständlich, dass ein Mann mit dieser Vorgeschichte und in diesem sozialen Rahmen einfach so sich selber überlassen wird.

Simon Dudle