Josef Marin Morel (1733-1820), gebürtig aus Salanche-Magland in Savoyen, liess sich in Wil als Leinwandhändler nieder. Dabei brachte es zu es einigem Wohlstand. Unter anderem erwarb er an der Marktgasse das sogenannte Schärerische Haus und liess es 1784 durch einen Neubau im Stil des Spätbarock ersetzen.

Er nannte seine repräsentative Wohn- und Geschäftsbaute «zur Demut und zur Geduld». Diese Inschrift über dem Bogen der Eingangstüre ist heute nicht mehr zu sehen. Es wird vermutet, dass er diesen Namen als Anspielung auf Widerwärtigkeiten im Zusammenhang mit dem Erwerb von Wasserrechten gewählt hat. Wasser spielte beim Bleichen von Stoffen eine wichtige Rolle. 

Bewegte Zeiten in Europa 

Morel lebte in einer Zeit der brodelnden politischen Umwälzungen in Europa und der Schweiz. Die Französische Revolution und die sich ausbreitende Aufklärung vermittelten den Bürgern neues Selbstbewusstsein. Die Gesellschaft wandelte sich zudem von einer stark landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung zu einer allmählich industriellen Alltagskultur. 

Als Morel zur Welt kam, war die Dampfmaschine bereits erfunden. Fünf Jahre nach seinem Tod beförderte eine Eisenbahn in Grossbritannien zum ersten Mal Personen.

Markanter Bau am Stadtweier

In den ebenerdigen Räumen seines Patrizierhauses lagerten Stoffballen. Auf der rückwärtigen Seite befand sich eine herrschaftliche Gartenanlage, deren Abschluss ein Hinterhaus bildete. Heute ist es als Übungslokal der Stadttambouren sowie als Quartier der Jugendfischerei am Stadtweier bekannt. Zu Morels Zeiten diente das massiv gebaute Gebäude Geschäftszwecken, möglicherweise als Waschhaus von Leinwand.

Morels Geschäfte liefen gut, er kaufte in Wil verschiedene Liegenschaften,Äcker, Wald sowie eine Sägerei und eine Gerberei. Der zugewanderte Handelskaufmann wurde in Wil eingebürgert und wirktes als Gemeinderat. 

Legendenumwobener Schopf

Er erwarb unter anderem auch das «Bruder Clausen-Guth», das auf dem damaligen Weg zwischen Altstadt und Kirche St. Peter lag. Auf dem Landstück stand damals ein Schopf, in der Legende nach einst Bruder Klaus genächtigt hatte. Wahrscheinlich wurde das schlichte Holzgebäude um 1400 gebaut.

1826 liess der Sohn von Josef Marin Morel den Schopf abbrechen und durch ein gemauertes Haus ersetzen. Es diente zweitweise als Bäckerei. Es fiel durch sein auffälliges Gemälde an seiner Fassade auf. Es bildet Niklaus von Flüe und den heiligen Borromäus zusammen mit dem Gekreuzigten ab. Eine Inschrift an der Fassade verwies weiter auf die Legende von der angeblichen Übernachtung von Bruder Klaus an diesem Platz. 

Es musste 2003 der Stadtmarkt-Überbauung Platz machen. An einem seitlichen Schaukasten erinnern das Wandgemälde sowie Dokumente an das einstige markante Bruder-Klausen-Haus.


Erste Schritte zur Industrialisierung in Wil

An der einstigen Wegstrecke zwischen Altstadt und St. Peterkirche liess Morel 1795 auch ein Wohn- und Geschäftshaus einrichten. Es steht auf der rückwärtigen Seite der Überbauung Centralhof. In ihm stand ab 1819 die erste mechanische Spinnerei in Wil. Sie war im Kanton St. Gallen eines der ersten Anzeichen des einsetzenden Maschinenzeitaltes. In Wil kennt man das Gebäude am Friedtalweg heute als <Röntgengeninstitut>. Ehemals war die Liegenschaft als <Wiesental> bekannt. Im steinernen Türrahmen erinnern noch heute die Initialen an den einstigen Erbauer.  

Auch auf dem Ölberg hat Morel seine baulichen Spuren hinterlassen. er errichtete um 1800 in der Höhenlage für sich und seine Familie eine Sommerresidenz in idyllischer Umgebung. An der Hanglage reiften damals Weintrauben. 1899 wurde aus dem ehemaligen Sommersitz ein beliebtes Ausflugsrestaurant, das einen prächtigen Blick auf die Altstadt, das Toggenburg und den Alpstein gewährte. Anfänglich war es nur in der Sommersaison geöffnet. Heute stehen an der entsprechenden Stelle Wohnhäuser.

Wohngebäude wird Rathaus

Nach dem Tod von Textilhändler Morel führten seine Nachkommen das Unternehmen weiter. Sie hatten nicht denselben Erfolg wie der Gründer, die Firma ging bald ein. Die Stadt Wil konnte das einstige Wohnhaus der Familie an der Marktgasse erwerben, da sie damals ein neues Rathaus benötigte. 

An einer Gemeindeversammlung im Oktober 1880 wurde dem Kaufpreis von 40'000 Franken zugestimmt. In der Folge wurde die Liegenschaft renoviert. In der Eisenhandlung Knecht in St. Gallen wurden zudem vergoldete Metallbuchstaben mit dem Schriftzug «Rathaus» beschafft.