Anfangs des 20. Jahrhunderts war der hölzerne Brunnen am Eingang der Wiler Altstadt in die Jahre gekommen, Ersatz war überfällig. «Da es sich um einen der schönsten Plätze am Eingang der Altstadt handelt, ist eine Lösung zu suchen, die dekorativ zu befriedigen vermag», heisst es im seinerzeitigen Ratsprotokoll. Der Wiler Bildhauer Werner Hilber erhielt 1935 den Auftrag, die noch heute bestehende Brunnenfigur zu gestalten. Der trommelnde Bär verlieh dem Platz seinen Namen. Ursprünglich stand an dieser Stelle die Stadtmetzg. Unweit davon zierte einst ein anderer Meister Petz einen Brunnen, er stand am Fuss der Treppe, die von der Grabenstrasse in die Altstadt führ. 

Doch weshalb ist in Wil die Bärendarstellung so präsent? Ab dem Jahr 1226 unterstand die Stadt dem Abt des Klosters St. Gallen. Dieses wurde der Legende nach dort errichtet, wo der irische Mönch Gallus einem Bären ein Stück Brot gab und ihn anwies, sich nie mehr blicken zu lassen. Sein Gefährte, der Mönch Hiltibold, meinte darauf: «Jetzt weiss ich, dass der Herr mit dir ist, wenn selbst die Tiere des Waldes deinem Wort gehorchen.»

Bär mit W

Auf diesem mythischen Ursprung fussend, hat der aufgerichtete Bär Eingang in das Stadtwappen von St. Gallen, in die Wappen der beiden Appenzeller Halbkantone sowie in das der Stadt Wil gefunden. Damit keine Verwechslung droht, wird das Wiler Markenzeichen seit dem 17.Jahrhundert oft zusammen mit einem W dargestellt. Seit dem Mittelalter taucht der Bär auf den Siegeln der Stadt auf.


Markentier für Bier und Motorräder

Später wurde der Bär zum Volkskulturgut: Er taucht etwa im Logo der städtischen Eishockeymannschaft, auch beim FC Wil und als Namensgeber der Guggenmusig Wiler Bäretatze auf. Auch ein ehemaliges Motorradfachgeschäft an der Toggenburgerstrasse nannte sich nach dem Bär. Vor rund 30 Jahren vermochte zudem das Musical «Bärenstark» das Publikum zu begeistern. Es wurde in der Produktionshalle einer Firma, die an der St. Gallerstrasse Feuerwehrfahrzeuge baute, aufgeführt. 

Der auf vier Pfoten gehende Bär verlieh auch der traditionsreichen Gaststätte in der unteren Vorstadt den Namen. Ursprünglich wurden in einem gleichnamigen Wirtshaus in der oberen Vorstadt, gegenüber dem «Adler», Gäste bewirtet. Es bestand von 1559 bis 1860. Danach wurde es am jetzigen Standort als Quartierrestaurant neu eröffnet.

Ausgestopfter Bär

Auch im Hof, sozusagen im kulturellen Herz der Äbtestadt, ist Meister Petz in unterschiedlicher Weise präsent, etwa als ausgestopfte Trophäe im Stadtmuseum. Gemäss Ruedi Schär vom Infocenter der Stadt ist er ein Geschenk der Witwe des Alt-Ständerates Jakob Schönenberger, der den vierjährigen Bären in den Karpaten geschossen hatte.

Als verblasste Freskomalerei ist er zudem im Sfondrati-Zimmer in einer Fensternische zusammen mit dem heiligen Gallus zu erkennen. Das gleiche Sujet findet sich auch an einem Kachelofen in der Äbtestube. Und auch auf der Etikette eines Bieres, das sich auf die Wiler Bautradition beruft, ist die Silhouette des Wappentiers zu erkennen.

Schneckenhaus und Bär

Anlässlich der Gemeindefusion von Wil und Bronschhofen im Jahr 2013 musste der Bär im Wiler Wappen etwas zur Seite rücken und der Amonschnecke gebührenden Platz gewähren.

An der Landesausstellung 1939, der so genannten Landi, wurde eine Gasse mit den Fahnen sämtlicher Schweizer Gemeinden eingerichtet. Damals stellte sich heraus, dass verschiedene Ortschaften im Land kein eigenes Wappen besassen. Eiligst musste auch in Bronschhofen ein Symbol gefunden werden. Die Wahl fiel auf die Amonschnecke, da die Ortschaft einst als Schneckenbund bezeichnet wurde. Der Wiler Kunstmaler Karl Peterli erhielt den Auftrag, ein entsprechendes Sujet zu entwerfen. Es wurde rechtzeitig zur Landi fertiggestellt.