Zur Referentin

In der reformierten Kirche des Kantons Zürich gibt es ein Ressort Gesellschaft und Ethik (Bildung und Kultur). Dr. rer. pol. Jeannette Behringer leitet dieses, forscht zu den Gründen und Auswirkungen von fundamentalistischen Gruppierungen und bringt ihre Erkenntnisse – im Team gewonnen – unter die Leute. Die Homepage der Zürcher Kantonalkirche enthält dazu viele interessante Fakten.

https://www.zhref.ch/organisation/landeskirche/kontakt/behringer-jeannette/bildung-und-kultur

Merkmale des politischen Fundamentalismus

Hauptmerkmal einer solchen Geisteshaltung ist das Verächtlichmachen von Institutionen, politisch Andersdenkenden oder auch Minderheiten allgemein. Ein Fundament ist wichtig, wie die Referentin betonte, aber die fundamentalistische Haltung trägt wenig zur Lösung von wichtigen gesellschaftlichen Problemen bei. Ausgerechnet mittels modernster Technologie wird gegen die Errungenschaften der Zivilisation angekämpft, mit dem Ziel, diese Werte möglichst wieder abzuschaffen. Gegen „die da oben“ wird geschimpft, Eliten werden als unehrlich und inkompetent verschrien, Andersdenkende lächerlich gemacht. Diese politische Ideologie strebt nach der alleinigen absoluten Macht im Staate. Die eigene Gruppenethik und ihre Gruppenregeln werden über die Rechte Andersdenkender gesetzt.

Ursachen

Wie beim religiösen ist auch beim politischen Fundamentalismus der heutige Pluralismus in der Gesellschaft ein ausgezeichneter Nährboden. Migration, Globalisierung oder Multikulturalität sind für Menschen mit fundamentalistischem Denken Schreckgespenster. Politische Betätigung dient hier vor allem als Mittel zur Macht. Es werden Themen gesetzt und bewirtschaftet, ohne aber Lösungen anzubieten. Der Zusammenbruch des Kommunismus, aber auch der 9. September 2001 (Nine Eleven) haben grosse Verunsicherung in die westliche Welt gebracht. Der Klimawandel und damit verbundenen das sichtlich aus den Fugen zu geratende Ökosystem machen ebenfalls Angst. Viele befürchten auch einen sozialen Abstieg.

Vereinfachen, verkürzen, ausblenden

Populistische Parteien benutzen gerne das Mittel der Provokation. Es gibt nur entweder „Schwarz“ oder „Weiss“, „Gut“ oder „Böse“. Man hört von einem Vorfall in einem Flüchtlingsheim und hat sofort den richtigen Aufhänger für eine Hetzkampagne. Der Klimawandel wird geleugnet, Gruppierungen, die sich dafür einsetzen, werden lächerlich gemacht. Die eigenen Parolen werden vielfach in beleidigender Form öffentlich gemacht – man denke nur an die Plakate der SVP, die in der Schweiz vor nicht wenigen Jahren für Aufruhr sorgten. Menschen, die sich vom System abgehängt, zu wenig unterstützt fühlen, finden sich in solchen vereinfachten Aussagen plötzlich verstanden und werden zu treuen Wählerinnen und Wählern solcher Parteien. Das Versprechen solcher Parteien: Sicherheit, Halt, Orientierung und eine gefestigte Identität. Samuel Huntington hat dazu ein spannendes Buch geschrieben, in der Zeitschrift DIE ZEIT kommentiert – und durch die Vorkommnisse der letzten Jahrzehnte teilweise widerlegt: https://www.zeit.de/2017/01/samuel-huntington-kampf-der-kulturen-prophezeiung

Ethno-Fundamentalismus

Unter dem Titel „Spielarten des politischen Fundamentalismus“ listete Jeannette Behringer die wichtigsten Begriffe in diesem eher unbekannten Feld auf. Gemeint sind damit populistische Parteien, die in vielen Ländern auf dem Vormarsch sind. „Reinheit der Rasse“ wird hier gegen die allgemein akzeptierte „Gleichwertigkeit der Kulturen“ ausgespielt. Die Vermischung von Ethnien und Kulturen wird als grosse Bedrohung empfunden und muss unterbunden werden, wenn nötig auch mit Gewalt. Hier gibt es auch die noch junge „Identitäre Bewegung“. https://de.wikipedia.org/wiki/Identitäre_Bewegung 

Allen gemeinsam ist die Abschottung nach aussen und klare Strukturen – Hierarchien – nach innen. Europa wird als Festung verstanden, mit dichten Aussengrenzen, „Kulturraum Europa“ sozusagen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass trotz nationalistischer Töne in vielen Ländern sich diese rechtspopulistischen Kreise doch europaweit, ja teilweise gar global vernetzen., so beispielsweise FPÖ in Österreich, AfD oder NPD in Deutschland oder auch Teile der SVP in der Schweiz. Auch heiraten nicht wenige Politiker aus diesem Umfeld gerne aussereuropäische Frauen, was ein weiterer Widerspruch zum „Parteiprogramm“ ist.

Grundvoraussetzungen für eine funktionierende Demokratie

Wie der Titel schon sagt, fällt Demokratie nicht einfach so vom Himmel. Sie beansprucht sorgfältige Pflege und ganz verschiedene Kompetenzen. Die Bürgerin, der Bürger eines solchen Staates braucht Handelskompetenz, muss dialogfähig sein, die persönliche Lebens- und Handlungsweise reflektieren und sich im interkulturellen und interreligiösen Umfeld möglichst gut auskennen. Das verlangt in erster Linie eine gute Bildung, darum ist das Schulsystem eines solchen Staates von allergrösster Wichtigkeit. Auch eine ethische Grundhaltung gehört dazu. Wichtig ist auch, dass keine Religion im Staate privilegiert wird, sondern dass die Glaubensfreiheit wirklich gewahrt bleibt.

Errungenschaften in Gefahr?

Die Verteidigung der Menschenrechte, das Recht auf freie Meinungsäusserung, aber auch Glaubensfreiheit und soziale Rechte gehören zur „Grundausstattung“ einer funktionierenden Demokratie. Toleranz und Pluralismus, aber auch Individualismus – „leben und leben lassen“ – gehören zu unserer modernen westlichen Welt. „Fake News“ - dieses neue Schlagwort - machen es nicht einfacher, den Durchblick zu behalten. Für mündige Staatsbürger ist es deshalb Pflicht, sich zu informieren und nicht nur im eigenen Denkkreis zu verharren. Hier haben auch die Medien eine wichtige Aufgabe, indem sie alle Seiten eines Problems beleuchten, dies aber immer auf der sachlichen Ebene.

Herausforderung für Kirche und Staat

Wenn die staatlichen Institutionen lächerlich gemacht werden, führt das zu einer Schwächung derselben. Das Auseinanderdriften der Gesellschaft in viele kleine Gruppierungen und der Rückzug vieler Menschen ins Private stellen an den Staat grosse Anforderungen. Politische Bildung, aber auch eine ethische Grundhaltung sind Grundvoraussetzungen, um gegen diese neuen Bedrohungen der Demokratie angehen zu können. 

Diskussion

Es entstand eine rege Diskussion mit vielen Fragen an die Referentin. So lag es einem Fragesteller schwer auf, dass die Ungarn 1956 ganz viel Goodwill und Aufnahme in den Nachbarländern gefunden hatten – auch in der Schweiz -, sich das Land jetzt aber beinahe absolut gegen die Flüchtlinge abschottet. „Wo sind die Grenzen des Dialogs?“, lautete eine weitere, schwierig zu beantwortende Frage. Im Tages Anzeiger vom 21. Juni 2018 gab es dazu eine treffende Antwort. Es geht um eine Diskussion zwischen A und B.

A: „Wir werden uns wohl nie einig.“

B: „Das liegt nur daran, dass du nicht meiner Meinung bist.“

Vielen Politikern sind die nächsten Wahlen oft schon im Hinterkopf, wenn sie sich zu einem politischen Geschäft melden. Jeannette Behringer plädierte dafür, Beamte gut zu bezahlen, damit sie die Institutionen gewissenhaft verträten und keinen Anlass hätten, sich bestechen zu lassen.

In der NZZ vom 22.10.2016 wurde das wichtige Buch der deutschen Journalistin und Friedenspreisträgerin Caroline Emcke vorgestellt. Es heisst Gegen den Hass und ist ein flammendes Plädoyer für fairen Umgang miteinander und gegen das Gift der Verunglimpfung und des Schürens von Hass. Emcke hat viele Jahre aus verschiedenen Kriegsgebieten Reportagen verfasst und kennt deshalb die Auswirkungen des Hasses aus eigener Anschauung.

https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/carolin-emckes-buch-gegen-den-hass-eine-art-naechstenliebe-ld.123508

Unter diesem Link können die verschiedenen Bereiche von Dr. Jeannette Behringers Arbeitsfeld nachgelesen werden.

https://www.zhref.ch/organisation/landeskirche/kontakt/behringer-jeannette/bildung-und-kultur

Der letzte Bildungsabend zum Thema „Wirtschaftlicher Fundamentalismus“ wird am Mittwoch, 27. Juni 2018 um 19:30 in der katholischen Unterkirche stattfinden. Referent wird Dr. Peter Kirchschläger, Leiter des Instituts für Sozialethik an der theologischen Fakultät der Universität Luzern sein.

Auf der Homepage der reformierten Kirchgemeinde Oberuzwil kann auch der Bericht zum ersten Bildungsabend mit dem Thema „Religiöser Fundamentalismus“ nachgelesen werden.

https://www.ref-oberuzwil.ch/ 

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Pfarrer René Schärer hiess die ausgewiesene Fachfrau für politischen Fundamentalismus willkommen. 

Nachfolgend der Link zur Gallus-Pfarrei Oberuzwil…

https://www.kath-uzwil.ch/oberuzwil